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Geschichte+Archäologie

Na, dann Prost…

Archäologen haben in einer Höhle im heutigen England drei makabere Becher entdeckt: Es handelt sich um menschliche Schädeldecken, die den Ur-Briten wohl schon vor etwa 15.000 Jahren als Trinkgefäße dienten. Behältnisse dieser gruseligen Sorte seien auf der Welt einst weit verbreitet gewesen, sagen die Wissenschaftler. Die Trinkschalen aus der Gough’s Cave in Cheddar Gorge der Grafschaft Somerset seien aber die bisher ältesten Funde ihrer Art. Die Analyse der Spuren auf den Knochengefäßen offenbarte auch einige Schritte ihrer Herstellung. „Da hat sich jemand richtig Mühe gegeben“, kommentiert Studienleiter Silvio Bello vom Londoner Natural History Museum. Was in den Schalen zum Trank gereicht wurde, bleibt bislang Spekulation. Einiges spricht allerdings für eher unappetitliche Inhalte im Rahmen von kannibalistischen Ritualen, sagen die Wissenschaftler.

Die drei Schädeldecken waren bereits früher im Rahmen einer ausgedehnten archäologischen Untersuchung der Höhle katalogisiert worden. Vor zwei Jahren konnten Wissenschaftler zudem mit Hilfe der Radiokarbonmethode die Funde datieren: Sie sind etwa 14.700 Jahre alt und stammen damit aus der letzten Eiszeit am Ende der Altsteinzeit. Bello und sein Team nahmen sich jetzt gezielt noch einmal die Schädel vor, um sie auf Anzeichen einer gezielten Bearbeitung zu untersuchen. Während nämlich viele der anderen Knochen aus der Höhle aufgebrochen worden waren, vermutlich um an das Knochenmark heranzukommen, waren die Schädelteile vollständig intakt, erläutern sie.

Die Schnittspuren und Dellen deuten nach Ansicht der Wissenschaftler eindeutig darauf hin, dass die Schädeldecken zu einem Becher oder einer anderen Art von Behälter geformt wurden. Man sehe auch klar, wie gewissenhaft die damaligen Menschen bei der Herstellung der Schalen vorgingen, so die Forscher: Zuerst beseitigten sie die Weichteile des Kopfes. Anschließend entfernten sie die Gesichtsknochen und die Schädelbasis. Akribisch wurden dann die Kanten Stück für Stück abgebrochen, um eine gewölbte Schalenform zu erreichen. „Alles in allem“, sagt Bello, „war das ein sehr mühsamer Prozess, angesichts der damals verfügbaren Werkzeuge.“

Vermutlich kamen die skurrilen Gefäße nicht bei eiszeitlichen Dinnerpartys zum Einsatz, sondern eher bei schaurigen Ritualen – schließlich war Kannibalismus in der damaligen Zeit nichts Ungewöhnliches, sagen die Wissenschaftler. Feinde wurden beispielsweise nach ihrer Niederlage nicht selten feierlich verspeist. So sei es also möglich, dass der Inhalt zum Gefäß passte: Vielleicht wurde in den Schalen eine Portion Hirn gereicht, oder die Steinzeitmenschen prosteten sich mit Menschenblut zu.

Silvio Bello (Londoner Natural History Museum) et al: PLoS One, doi: 10.1371/journal.pone.0017026 dapd/wissenschaft.de – Martin Vieweg
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