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Geschichte+Archäologie

Nahrungsmangel im Chaco Canyon

Chaco Canyon
Blick auf eines der Großhäuser im Chaco Canyon (Bild: National Park Service)

Die berühmten Großsiedlungen im Chaco Canyon von New Mexico waren einst ein wichtiges Zentrum der Anasazi-Kultur. Doch nun enthüllt eine Studie: Im Canyon und seiner Umgebung gab es nicht genügend Mais-Anbauflächen, um die bis zu 2300 Bewohner des Chaco Canyon zu ernähren. Die Bevölkerung muss daher ihre Nahrung entweder importiert haben – oder aber die Großhäuser waren eher eine Pilgerstätte als eine dauerhaft bewohnte Stadt.

Die präkolumbianische Kultur der Anasazi gibt bis heute Rätsel auf. Vor rund 2100 Jahren tauchte dieses Volk plötzlich auf und begann, im heutigen Südwesten der USA erstaunlich komplexe Siedlungen zu errichten. Auf dem Höhepunkt ihrer Kultur, etwa zwischen 850 und 1140, bauten sie ganze Städte in die steilen Klippen der Canyons und Mesas hinein. Ihre mehrstöckigen Großhäuser und Felswohnungen sind heute Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Eines der Zentren dieser Kultur war der Chaco Canyon in New Mexico

Stadt in der Wüste

Ausgehend von der Zahl der Häuser und Felswohnungen im Chaco Canyon gehen Archäologen heute davon aus, dass in der Zeit von 1050 bis 1130 bis zu 2300 Menschen in dieser Klippensiedlung gelebt haben müssen. Das allerdings weckt die Frage, woher diese Bevölkerung ihre Nahrungsmittel nahm. Denn die Gegend um den Chaco Canyon bekommt heute im Jahr kaum mehr als 22 Zentimeter Regen pro Jahr – sie ist wüstenartig trocken. Klimadaten aus Jahresringen von Bäumen sprechen dafür, dass dies zur Zeit der Anasazi kaum anders war. Zudem war das Klima von sehr heißen Sommern und kalten Wintern geprägt, wie Larry Benson von der University of Colorado in Boulder erklärt: „Dieser Ort im Zentrum des San Juan-Beckens war nicht sehr lebensfreundlich.“

Wie schafften es die Bewohner des Chaco Canyon, sich dennoch mit genügend Mais und anderen Grundnahrungsmitteln zu versorgen? Dieser Frage sind nun Benson und seine Kollegin Deanna Grimstead von der Ohio State University nachgegangen. Für ihre Studie haben sie noch einmal das Klima und die Bodenbeschaffenheit im Canyon und seiner Umgebung eingehend untersucht. Ausgehend vom Nahrungsbedarf von 2300 Menschen untersuchten sie dabei vor allem, welche Flächen im Chaco Canyon und Umgebung für den Maisanbau geeignet gewesen wären – und welche zusätzlichen Nahrungsquellen es gegeben haben könnte.

Zu wenig Anbaufläche für 2300 Menschen

Das Ergebnis: „Die landwirtschaftliche Produktivität des Chaco Canyon war nicht ausreichend, um eine Population von 2300 Einwohnern zu ernähren“, konstatieren Benson und Grimstead. Denn ein Großteil des Gebiets war zu trocken für einen Maisanbau. „Es gab einfach zu wenig Regen“, sagt Benson. Und wenn es doch einmal regnete, dann löste dies so heftige Sturzfluten aus, dass ein Großteil der Maispflanzen geschädigt oder weggespült wurde. „Selbst wenn man Glück hatte und es im Frühling eine Sturzflut gab, die den Boden vor dem Pflanzen des Maises anfeuchtete – in drei Vierteln der Fälle gab es dann später eine Sommerflut, die die Ernte wieder zerstörte“, sagt Benson.

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Den Berechnungen der Forscher zufolge konnten die Anasazi daher nur rund 40 Hektar des Canyongrunds überhaupt für den Maisanbau nutzen. „Selbst wenn das gesamte Gebiet mitsamt der Seitentäler genutzt worden wäre, hätten maximal rund 1150 Menschen ernährt werden können“, sagen die Wissenschaftler. „Sogar eine Elitepopulation von nur 300 Menschen hätte die Bewirtschaftung von rund 26 Prozent der Seitentäler erfordert.“ Und auch die Jagd hätte nur einen Teil des Kalorien- und Proteinbedarfs der Bevölkerung decken können – und die Bestände der Kaninchen, Hirsche und anderer Wildtiere wären schnell zusammengebrochen, wie Benson und Grimstead ermittelt haben.

Pilgerstätte statt dauerhaft bewohnter Stadt?

Nach Ansicht von Benson und Grimstead konnten die Bewohner des Chaco Canyon ihren Nahrungsbedarf demnach definitiv nicht aus den Ressourcen der Umgebung decken. Das lasse nur zwei Möglichkeiten zu: „Entweder lebten damals nur wenige hundert Menschen dauerhaft im Canyon oder aber Fleisch und Mais wurden von außerhalb importiert.“ Möglicherweise waren die berühmten Großhäuser des Chaco Canyon keine Stadt im herkömmlichen Sinne, sondern eher ein nicht permanent bewohnter Rückzugs- oder Ritualort.

„Doch egal ob die Menschen damals genügend Mais heranschafften, um 2300 Einwohner zu ernähren oder ob Besucher ihren eigenen Maisproviant mitbrachten – aus dem Chaco Canyon kam ihre Nahrung jedenfalls nicht“, betont Benson. Damit gibt die geheimnisvolle Kultur der Anasazi den Archäologen ein weiteres Rätsel auf.

Quelle: University of Colorado Boulder; Fachartikel: Journal of Archaeological Science, doi: 10.1016/j.jas.2019.104971

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