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Nazi-Kaderschmieden

Napola: Britische Privatschulen waren das Vorbild

Eton College
Britische Privatschulen wie hier das Eton College waren Vorbild für die Napola. (Bild: Jun Zhang/ iStock)

Die Napola-Internate des Dritten Reichs sollten die künftige Elite des nationalsozialistischen Deutschland heranziehen. Dabei orientierten sich diese Erziehungsanstalten stark an britischen Privatschulen wie Eton, Harrow und Co. Wie weit diese Beziehungen und gegenseitige Bewunderung reichte, hat eine britische Historikerin nun aufgedeckt. Demnach gab es bis 1939 sogar regelmäßige Schüleraustausche zwischen den Internaten beider Länder – mit durchaus gegenseitiger Bewunderung.

Im Jahr 1933 gründete Reichserziehungsminister Bernhard Rust die ersten drei Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA), kurz Napola. In diesen Oberschul-Internaten sollten vielversprechende Jugendliche körperlich und geistig gefördert und vor allem auf die Linie der nationalsozialistischen Partei gebracht werden. Die Anstalten dienten der „Erziehung zu Nationalsozialisten, tüchtig an Leib und Seele für den Dienst an Volk und Staat“, wie es hieß. Ziel war es, eine Elite heranzubilden, die dann später dem Führungsstab des Dritten Reichs angehören sollte. Bis zum Ende des Dritten Reichs im Jahr 1945 gab es 40 Napola-Anstalten in Deutschland, darunter vier für Mädchen.

Eton, Harrow und Co als Vorbild für die Napola

Die Geschichte dieser nationalsozialistischen Erziehungsanstalten und ihre Hintergründe hat nun die Historikerin Helen Roche von der Durham University in einer umfassende Studie genauer untersucht. Für ihre als Buch erschienenen Forschungen hat sie Dokumente aus 80 Archiven in sechs Ländern ausgewertet und mehr als 100 frühere Schüler der Napola befragt. Ihre Arbeit enthüllt unter anderem, wie sehr der Zweite Inspekteur der NPEA, August Heißmeyer, die britischen Privatschulen als Vorbild und Anregung für die Napola sah. Er pries mehrfach die charakterbildende Erziehung in den britischen Internatsschulen und ihre oft strikten Prinzipien.

„Die britischen Public Schools hatten über Jahrhunderte die Anführer des britische Empire erzogen“, sagt Roche. „Auf ähnliche Weise sollten die Napolas die künftigen Anführer des Tausendjährigen Reiches heranbilden.“ Anders als die britischen Privatschulen war die Napola allerdings von vornherein darauf ausgelegt, die Schüler politisch zu indoktrinieren. „Napola-Lehrer waren darauf trainiert, besonders ideologisch zu sein, und jede Schulaktivität dient letztlich dazu, die Schüler zu politisieren – auch Musik, Kunst, Schauspiel, Schulausflüge oder Schüleraustausche“, erklärt Roche.

Schüleraustausch mit Hintergedanken

Wie sehr die Verantwortlichen der nationalsozialistischen Erziehungsanstalten das englische Vorbild schätzten, zeigt sich auch darin, dass von 1934 bis 1939 regelmäßige Austauschreisen von deutschen und britischen Schülern stattfanden. Die Napola-Schüler besuchten dabei einige Zeit britische Privatschulen und umgekehrt. Heißmeyer war der Ansicht, dass „der Jungmann Deutschland nach solchen Reisen mit neuen Augen sehen wird, er wird reich an Erfahrungen zurückkehren und seine Horizonte erweitert haben“, schrieb der Napola-Inspekteur. „Er wird dadurch sein Vaterland nur noch tiefer lieben lernen.“

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Gleichzeitig sahen die Nationalsozialisten in diesen Schüleraustauschen auch eine gute Gelegenheit, die Napola-Schüler in Großbritannien als eine Art Kulturbotschafter für das „Neue Deutschland“ einzusetzen. Zumindest anfangs gelang dies durchaus: „In den frühen Tagen des Austauschprogramms, hatten die englischen Jungs und Lehrer oft das Gefühl, dass das, was sie in Nazi-Deutschland und den Napolas sehen, den englischen Gepflogenheiten überlegen war“, sagt Roche. „Es entstand der Eindruck, dass es Großbritannien ganz guttäte, wenn sie beispielsweise Deutschlands Vertrauen in die Überlegenheit der eigenen Rasse emulieren würden.“

Vorsichtige Bewunderung

Neben den physischen Leistungen der Napola-Schüler sorgte bei den britischen Schülern auch deren scheinbar unverbrüchlicher Glauben ans System für Bewunderung: „Ich erinnere mich, dass ich nach Hause zurückkehrte und dachte, dass wir noch eine Menge von der hohen Motivation der deutschen Schüler und ihrem Glauben an die Überlegenheit der deutschen Rasse lernen konnten“, erzählt Frank T., ein englischer Zeitzeuge, der damals am Austauschprogramm teilgenommen hatte. „Im Vergleich dazu schienen wir nicht sonderlich motiviert zu sein.“

Diese vorsichtige Bewunderung trotz einiger Zweifel spiegelt vor allem in der Anfangszeit recht gut die Haltung der britischen Mittel- und Oberschicht gegenüber Nazi-Deutschland wider, wie Roche erklärt. „Man war nicht vollends von den Zielen und Idealen des Dritten Reichs überzeugt, aber dennoch bereit, dem deutschen Gegenpart eine Art Vertrauensvorschuss zukommen zu lassen. Das ändert sich erst, als die Kriegslust der Nazis ihren fatalen Höhepunkt erreichte.“

Quelle: Durham University; Buch: „The Third Reich’s Elite Schools – a History of the Napolas“, Oxford University Press.

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