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Geschichte+Archäologie

Naturvolk mit präziser Nase

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Eine Forscherin spricht mit einer Semelai-Frau über Gerüche. (Foto: Noah Azman)
Grün, rot, violett… Farben zu benennen, fällt uns relativ leicht – bei Geruchseindrücken ist dies erstaunlicherweise weit weniger der Fall: Die meisten Menschen tun sich schwer, diese Sinneseindrücke in Worte zu fassen. Es gibt allerdings eine bemerkenswerte Ausnahme von dieser Regel, wie Forscher berichten: Das Volk der Jahai auf der malaiischen Halbinsel kann Gerüche genauso präzise benennen wie Farben. Eine Untersuchung legt nun nahe, dass dies mit ihrer Lebensweise als Jäger und Sammler zu tun hat.

„Der Geruch gilt als der stumme Sinn – der Sinn ohne Worte“, sagt Asifa Majid von der Radboud Universität in den Niederlanden, „und jahrzehntelange Forschung mit englischsprachigen Menschen schien dies auch zu bestätigen.“ Doch dann wurden sie und ihre Kollegin Nicole Kruspe von der Lund Universität in Schweden auf die Jahai auf der malaiischen Halbinsel aufmerksam. „Ihre Fähigkeit, Gerüche viel besser benennen zu können als englischsprachige Menschen, warf die Frage auf, woher dieser Unterschied kommt“. Möglich schien, dass diese Eigenheit schlicht mit der Sprache dieses Volkes verknüpft sein könnte, vielleicht aber auch mit dem Lebensraum des tropischen Urwaldes. Eine weiterer möglicher Grund könnte die Lebensweise als Jäger und Sammler sein.

Was schärft die Nasen?

Um den Zusammenhang aufzuklären, besuchten Majid und Kruspe zwei weitere, bisher nicht untersuchte Gruppen von Menschen im tropischen Regenwald der malaiischen Halbinsel: das Jäger-und-Sammler-Volk der Semaq Beri und das Bauernvolk der Semelai. Während die Semaq Beri ähnlich wie des „Geruchs-Volk“ der Jahai leben, betreiben die ihnen benachbarten Semelai  Ackerbau im Urwald und kombinieren Reisanbau mit dem Sammeln von Walderzeugnissen für den Handel.

Die beiden Menschengruppen eigneten sich für den Vergleich außerdem besonders gut, da die Semaq Beri und Semelai nicht nur in einer ähnlichen Umgebung leben, sondern auch eine eng verwandte Sprache sprechen. Die Frage war somit: Gibt es einen Unterschied bei der Fähigkeit zur Benennung von Gerüchen? „Wenn die Leichtigkeit der olfaktorischen Benennung mit kulturellen Praktiken zusammenhängt, dann würden wir erwarten, dass sich die Semaq Beri wie die Jahai zeigen und Gerüche genauso leicht benennen wie Farben, während die Semelai anders strukturiert sein sollten“, erklären die Forscher. Und genau das haben sie auch festgestellt.

„Welcher Geruch ist das?“

Majid und Kruspe testeten im Rahmen ihrer Untersuchungen die Farb- und Geruchsbenennungsfähigkeiten von 20 Semaq Beri und 21 Semelai. Sechzehn Gerüche wurden verwendet: Orange, Leder, Zimt, Pfefferminz, Banane, Zitrone, Süßholz, Terpentin, Knoblauch, Kaffee, Apfel, Nelke, Ananas, Rose, Anis und Fisch. Für die Farbaufgabe wurden die Studienteilnehmer mit 80 Farbchips konfrontiert, die 20 Farbtöne mit vier Helligkeitsgraden umfassten. Dei Testfrage in der Muttersprache lautete stets: „Welcher Geruch ist das?“ oder „Welche Farbe hat das?“

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Wie die Forscher berichten, zeichnete sich ein charakteristischer Unterschied ab: Die Jäger und Sammler Sammler des Volks der Semaq Beri konnten genau wie die Jäger und Sammler der Jahai bei diesem Test Gerüche und Farben mit der gleichen Leichtigkeit benennen. Die Probanden des Ackerbau-Volks der Semelai besaßen hingegen nur Fähigkeiten, wie sie auch bei englischsprachigen Menschen üblich sind – es war für sie schwer, Gerüche zuzuordnen. „Der Geruchssinn der Jäger und Sammler ist überlegen, während die olfaktorische Wahrnehmung der Sesshaften vermindert ist“, resümiert Majid das Ergebnis. Aus der Studie geht somit hervor, dass die geringere Bedeutung von Gerüchen im Vergleich zu anderen Sinneseindrücken mit der Kulturform von Menschen verknüpft ist, sagen die Forscher.

Wie sie betonen, bildet die Studie nun den Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen, denn sie hat viele neue Fragen aufgeworfen: „Haben Jäger und Sammler in anderen Teilen der Welt auch die gleichen olfaktorischen Fähigkeiten?“ so Majid. „Sind auch andere Aspekte der Geruchswahrnehmung bei Jägern und Sammlern überlegen – können sie beispielsweise auch unterschiedliche Gerüche besonders gut unterscheiden? Außerdem wollen sie der Frage nachgegeben, ob nicht doch auch genetische Veranlagungen bei der Fähigkeit zur Wahrnehmung von Gerüchen eine Rolle spielen.

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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