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Schwäbische Alb

Neandertaler: Geflügel auf dem Speiseplan

Beinknochen eines Schneehuhns mit Schnittspur aus der Hohle-Fels-Höhle. © urmu/ Universität Tübingen

Grobmotorische Primitivlinge, die mit Speeren Mammut und Co hinterherrannten – diesem veralteten Image der Neandertaler widersprechen nun erneut Funde: Über 65.000 Jahre alte Vogelknochen mit Schnittspuren aus der Hohle-Fels-Höhle in der Schwäbischen Alb belegen, dass unsere archaischen Cousins auch flinken Kleintieren nachstellten. Sie waren demnach zumindest nicht völlig von der Großwildjagd abhängig.

Wovon ernährten sich die Neandertaler? Einblicke in ihren Speiseplan geben Funde in Höhlen, in denen sie einst lebten – so auch im Fall der Schwäbischen Alb: Dass die Neandertaler dort vor mehr als 65.000 Jahren Großwild jagten, belegen Entdeckungen in der Hohle-Fels-Höhle. Unter anderem wurde dort eine Blattspitze aus Feuerstein entdeckt, die einst Teil einer Stoßlanze der Neandertaler gewesen sein könnte. Dies passte zum traditionellen Bild dieser Frühmenschen als Jäger der eiszeitlichen Megafauna.

Es gab sogar Vermutungen, dass der eingeschränkte Speiseplan den Neandertalern zum Verhängnis geworden sein könnte: Während der moderne Mensch ein breiteres Nahrungsspektrum nutzte, jagten sie nur große Säugetiere, so der Gedanke. Doch dieser Vermutung widersprachen bereits Befunde der letzten Jahre, die auf eine Ernährungsweise hindeuteten, die neben pflanzlicher Kost auch Fisch und Vögel umfasst haben könnte. Die neuen Funde aus der Hohle-Fels-Höhle reihen sich nun in diese Indizien eines relativ breiten Beutespektrums ein.

Schnittspuren auf 65.000 Jahre alten Vogelknochen

Wie die Universität Tübingen berichtet, ist das Ausgrabungsteam um Nicholas Conard in einer Sedimentlage unterhalb der Fundschichten des modernen Menschen auf insgesamt 1187 Vogelknochen gestoßen. Durch Elektronen-Spin-Resonanz-Datierungen konnten sie die Funde auf ein Alter von rund 65.000 Jahren bestimmen – sie stammen also aus der Zeit der Neandertaler. Den Analyseergebnissen zufolge handelt es sich um Knochenbruchstücke von Schnee-, Auer- oder Birkhühnern sowie von Entenvögeln, zu denen auch Gänse und Schwäne gehören.

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„Die meisten Spuren sprechen dafür, dass Gelenke auseinandergebrochen und Fleisch vom Knochen gelöst wurde“, sagt Conard. Während der Großteil der ausgegrabenen Knochen auch von Raubtieren in die Höhle gebracht worden sein könnte, zeichnet sich bei sechs Exemplaren deutlich die Signatur der Neandertaler ab, berichten die Archäologen: Es sind Schnittspuren auf den Knochen zu erkennen, die offenbar bei der Entfernung des Fleisches durch Klingen entstanden sind. Diese Befunde legen somit nahe: „Wahrscheinlich konnten schon die Neandertaler Vögel jagen, um sich neben dem Fleisch von Pferd, Rentier und anderem Großwild weitere Kalorien- und Nährstoffquellen zu erschließen“, sagt Conard.

Weiterer Mosaikstein des neuen Neandertaler-Bildes

Die Erkenntnisse fügen sich damit in die archäologischen Funde der vergangenen Jahre ein, die für eine ökologische Anpassungsfähigkeit der Neandertaler und beachtliche kognitive Begabungen sprechen. Aus Südeuropa gibt es etwa Hinweise darauf, dass die dortigen Neandertaler ein größeres Nahrungsspektrum nutzten als bisher bekannt war und dazu offenbar auch spezielle Jagdstrategien entwickelt haben. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass sie sich mit Vogelfedern und Krallen schmückten.

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Neandertaler wohl nicht in vordergründiger Weise aufgrund mangelnder geistiger Fähigkeiten oder ihres eingeschränkten Ernährungsplans ausgestorben sind. Stefanie Kölbl vom Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren sagt dazu: „Wir müssen uns vom weitverbreiteten Bild des muskelbepackten Neandertalers mit einseitiger Vorliebe für Mammutsteaks lösen: Hochintelligente Jagdstrategien, das Bedürfnis nach Schmuck und, wie wir wissen, das Bestatten von Toten – all das weist die Neandertaler als flexible und symbolisch begabte Menschen aus, die weit mehr im Sinn hatten als das blanke Überleben“, so Kölbl.

Quelle: Universität Tübingen

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