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Anthropologie

Neandertaler: Hinweis auf Sprachfähigkeiten

Rekonstruktion des Hörsystems bei einem modernen Menschen (links) und einem Neandertaler (rechts). (Bild: Mercedes Conde-Valverde)

Wie kommunizierten unsere archaischen Cousins miteinander? Wahrscheinlich waren die Neandertaler ähnlich sprachbegabt wie wir, lassen die Ergebnisse einer Modellierung ihres Hörsystems vermuten. Vergleichbar mit dem unsrigen war dieses möglicherweise gezielt auf die Wahrnehmung von typischen Sprachfrequenzen eingestellt. Dadurch unterschied sich das Gehör der Neandertaler von dem ihrer Vorfahren und älteren Menschenformen, berichten die Forscher.

Sie galten lange als Keulen-schwingende Primitivlinge, die vielleicht irgendein simples Grunzen von sich gaben. So schien es nicht verwunderlich, dass unsere cleveren Vorfahren sie schnell aus Europa verdrängen konnten. Doch dieses Bild entspricht schon lange nicht mehr dem Stand der Forschung. Es wird immer deutlicher, dass die Neandertaler dem modernen Menschen durchaus ähnlicher waren als lange angenommen. Es ist beispielsweise belegt, dass sie geschickte Werkzeugmacher waren, sich schmückten, ihre Toten bestatteten und möglicherweise sogar Höhlenkunst schufen. Und nicht zuletzt haben genetische Studien gezeigt, dass sich unsere Vorfahren mit einigen ihrer archaischen Cousins vermischt haben. Warum die Neandertaler dennoch langfristig unterlegen waren, gilt bisher als unklar. Ein Aspekt könnte dabei eine geringere Fähigkeit zur Kommunikation gewesen sein.

Waren Neandertaler sprachbegabt?

„Seit Jahrzehnten ist eine der zentralen Fragen in der menschlichen Evolutionsforschung, ob unsere Form der Kommunikation, die gesprochene Sprache, auch bei anderen Vertretern unseres Stammbaums vorhanden war – insbesondere bei den Neandertalern“, sagt Juan Luis Arsuaga von der Universidad Complutense de Madrid. Was archaische Menschenformen einst von sich gegeben haben, ist natürlich längst verklungen. Doch durch die Untersuchung anatomischer Merkmale sind zumindest indirekte Hinweise auf die Fähigkeiten zur Lautkommunikation möglich. Aus bisherigen Untersuchungen ging bereits hervor, dass frühe Homininen vergleichsweise schlechte anatomische Voraussetzungen für ein komplexes Hör- und Artikulationsvermögen im Zusammenhang mit Sprache aufwiesen.

Im Rahmen ihrer Studie haben Arsuaga und seine Kollegen nun detailliert rekonstruiert, wie die Neandertaler hörten, um Hinweise auf ihr Potenzial zur Lautkommunikation zu gewinnen. Die Studie basiert dabei auf hochaufgelösten CT-Scans des Hörsystems. Die Forscher erstellten daraus virtuelle 3D-Modelle der Ohrstrukturen von Homo sapiens und Neandertaler sowie von Fossilien aus der spanischen Fundstätte von Atapuerca. Bei den dortigen Funden handelt es sich um Überreste, die den Vorfahren der Neandertaler zugeordnet werden. Die aus den 3D-Modellen gewonnenen Daten wurden anschließend in ein Computermodell übertragen, das auf dem Gebiet des auditiven Bioengineerings entwickelt wurde. Es ermöglicht Rückschlüsse auf die Schallleistungsübertragung durch das Außen- und Mittelohr sowie die Bandbreite der Frequenzwahrnehmung – und somit auf die Hörmuster.

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Auf Sprache abgestimmtes Hörsystem

Der Vergleich der Ergebnisse zeigte: Das Hörvermögen der Neandertaler ähnelte dem des modernen Menschen und wies eine vergleichbare Bandbreite auf. Sie besaßen demnach ebenfalls eine erhöhte Empfindlichkeit zwischen 3,5 bis 5 Kilohertz – einem Frequenzbereich, der akustische Informationen enthält, die vor allem mit den Konsonanten in der menschlichen Sprache zusammenhängen. Dies könnte somit im Zusammenhang mit einem Kommunikationssystem gestanden haben: Diese Hörfähigkeit ermöglichte die Wahrnehmung einer großen Anzahl von deutlich unterscheidbaren akustischen Signalen für die mündliche Kommunikation, sagen die Forscher. „Das Vorhandensein ähnlicher Hörfähigkeiten, insbesondere die Bandbreite, ist ein Hinweis darauf, dass die Neandertaler ein Kommunikationssystem besaßen, das genauso komplex und effizient war wie die Sprache des modernen Menschen“, sagt Erstautorin Mercedes Conde-Valverde von der Universidad de Alcalá in Madrid.

Parallele Evolution?

Interessanterweise war die Ähnlichkeit zu unserem Hörsystem bei den Vorfahren der Neandertaler von der Fundstätte Atapuerca noch nicht so ausgeprägt, geht aus den Analysen hervor. Dabei handelt es sich somit um einen Hinweis darauf, dass es im Verlauf der Entwicklung zum Neandertaler eine Anpassung des Hörsystems gegeben hat, die möglicherweise mit einer Verbesserung der Sprachfähigkeiten einherging. Wie die Forscher erklären, könnte es eine parallel verlaufende Optimierung in der Entwicklungsgeschichte des Neandertalers und des modernen Menschen gegeben haben. Man geht davon aus, dass beide Menschenformen auf gemeinsame Vorfahren zurückgehen, die sich nach einer Aufspaltung der Population in Afrika und in Europa zu den beiden unterschiedlichen Menschenarten weiterentwickelten.

Die Forscher betonen allerdings abschließend, dass die Studie nur indirekte Hinweise auf die sprachlichen Fähigkeiten der Neandertaler liefern kann. Das Vorhandensein einer anatomischen „Hardware“ für die Sprachwahrnehmung impliziert zudem nicht notwendigerweise das Vorhandensein der gleichen mentalen „Software“ wie beim modernen Menschen, geben sie zu bedenken. Doch im Zusammenhang mit den wachsenden archäologischen Belegen zu den komplexen Fähigkeiten und symbolischen Verhaltensweisen unserer Cousins lassen es die Ergebnisse nun sehr plausibel erscheinen, dass sie eine komplexe Sprache besaßen. Allerdings wird es wohl für immer der Vorstellungskraft überlassen bleiben, wie sie geklungen haben könnte.

Quelle: Binghamton University, Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-021-01391-6

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