Neandertaler: Küsten-Kost statt Mammutbraten - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Neandertaler: Küsten-Kost statt Mammutbraten

Blick auf die drei Eingänge der Höhle von Figueira Brava in Portugal. (Bild: João Zilhão)

Sie jagten in den eiszeitlichen Steppen Mammuts und Co – diese Vorstellung prägt das Bild von unseren archaischen Cousins. Doch möglicherweise waren viele Neandertaler gar keine Großwildjäger, sondern lebten in Küstenbereichen von marinen Nahrungsquellen, legen Funde nahe. Demnach ernährten sich die Bewohner einer Höhle in Portugal vor über 80.000 Jahren von Meeresfrüchten, Fisch und sogar Meeressäugern. Die Ergebnisse widersprechen damit der Annahme, dass nur der moderne Mensch marine Ressourcen intensiv nutzte und dadurch im Vorteil war, sagen die Wissenschaftler.

Lange galten sie als grobschlächtige Primitivlinge – es schien deshalb klar, warum sich die Neandertaler so leicht von den modernen Menschen verdrängen ließen. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich diese Sicht auf unsere archaischen Cousins deutlich geändert. Archäologische Funde legen nahe, dass Homo neanderthalensis und Homo sapiens durchaus ähnlich hoch entwickelt waren. Es kam sogar zu Vermischungen der beiden Menschenarten, wie ein paar Prozente Neandertaler-Erbgut in uns dokumentieren. Klar ist allerdings: Der moderne Mensch gewann letztlich die Oberhand – er verdrängte seinen Verwandten vor etwa 43.000 Jahren aus Europa in vergleichsweise kurzer Zeit.

Unflexible Ernährungsweise?

Ein Grund für die Unterlegenheit der Neandertaler könnte ein etwas geringerer Erfolg bei der Nahrungsbeschaffung gewesen sein. Bisher geht man davon aus, dass die Neandertaler stark auf die Großwildjagd spezialisiert waren. Denn es gibt nur wenige Hinweise darauf, dass sie auch andere Nahrungsquellen nutzten, wie etwa die Ressourcen der Gewässer und Küsten. Dem gegenüber zeigen Funde aus Afrika, dass der moderne Mensch in einigen Regionen schon früh eine entsprechende Kost verzehrte. Da Fisch und Meeresfrüchte eine sehr reichhaltige Nährstoffquelle darstellen, könnte diese Ernährungsweise sogar eine wichtige Rolle bei der Hirnentwicklung unserer Vorfahren gespielt haben, so Vermutungen. Die Studie der Forscher um João Zilhão von der Universität Barcelona widerspricht nun allerdings der bisherigen Annahme, dass Neandertaler diese Nahrungsressourcen nicht nutzten.

Die Ergebnisse basieren auf Funden, die aus der Höhle von Figueira Brava stammen, die sich etwa 30 Kilometer südlich von Lissabon in der Steilküste am Atlantik befindet. In der Eiszeit lag sie allerdings aufgrund des deutlich niedrigeren Meeresspiegels rund zwei Kilometer vom Meer entfernt. Wie die Forscher berichten, stießen sie in Ablagerungen der Höhle auf zahlreiche Spuren menschlicher Besiedlung. Eine Datierung mittels der Uran-Thorium-Methode ergab ein Alter der Schichten von 86.000 bis 106.000 Jahren. Damit schien klar: Die Spuren stammen aus der Zeit vor der Ankunft des modernen Menschen – sie sind somit Neandertalern zuzuordnen.

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Meeresfrüchte, Fisch und Robben auf dem Speiseplan

Wie die Forscher berichten, spiegelte sich in den Ablagerungen der reiche Speiseplan der Bewohner wider. Ihre Analysen ergaben, dass etwa 50 Prozent der Nahrung von der Küste in die Höhle gebracht worden ist. Die Wissenschaftler identifizierten die Überreste vieler unterschiedlicher mariner Tierarten: Muscheln und Schnecken, Krebstiere, verschiedene Fische, Seevögel sowie Säugetiere wie Delphine und Robben. Neben dieser Küsten-Kost gab es aber auch Nahrung aus dem Hinterland: Die Forscher fanden die Überreste von Hirschen, Ziegen, Pferden, Auerochsen und kleineren Beutetieren wie Schildkröten. Auch pflanzliche Kost rundete den Speiseplan ab, wie weitere Funde zeigten. Es zeichnet sich somit ab, wie flexibel die Neandertaler die Ressourcen ihrer küstennahen Heimat zu nutzen wussten.

Den Wissenschaftlern zufolge könnte diese Lebensweise bei den Neandertalern weiter verbreitet gewesen sein als es scheint. Der bisherige Mangel an Belegen ist wahrscheinlich auf den Anstieg des Meeresspiegels im Pleistozän zurückzuführen, der viele Küstenbereiche in ganz Europa überschwemmt hat, in denen einst Neandertaler lebten. So könnte der verzerrte Eindruck entstanden sein, dass Neandertaler Bewohner der kalten Steppen waren, die vorwiegend Mammuts und andere Großtiere der Eiszeit jagten, sagen die Forscher. „Die meisten Neandertaler könnten sogar in südlichen Regionen gelebt haben, insbesondere in Italien und auf der Iberischen Halbinsel, wo sie einen Lebensstil pflegten, wie wir ihn in der Figueira Brava festgestellt haben“, resümiert Zilhão.

Die Frage, warum unsere Vorfahren sie schließlich verdrängen konnten, wird Anthropologen sicherlich noch weiter beschäftigen. Dass die Neandertaler bei der Nahrungsbeschaffung etwas weniger erfolgreich waren, bleibt zwar ein möglicher Grund, doch simple Antworten scheint es in diesem Zusammenhang wohl nicht zu geben, wie aus der Studie hervorgeht.

Quelle: Universität Barcelona, Fachartikel: Science, doi: 10.1126/science.aaz7943

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