Neandertaler: Von wegen gebeugte Haltung - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Neandertaler: Von wegen gebeugte Haltung

Virtuelle Rekonstruktion der Wirbelsäule des Neandertaler-Skeletts von La Chapelle-aux-Saints. (Bild: Martin Häusler, UZH)

Grobschlächtige Unholde, die in halb aufrechter Haltung die Keule schwangen – dieses Bild prägte lange die Vorstellung von unseren archaischen Cousins. Doch die Neandertaler waren uns anatomisch im Prinzip ausgesprochen ähnlich, wie eine Studie dokumentiert: Die Untersuchung eines sehr gut erhaltenen Skeletts widerlegt nun auch die bisherige Annahme, der zufolge die Urmenschen einen eher flachen Rücken und eine grob wirkende Bewegungsweise besaßen. Offenbar hatten sie ebenfalls eine ausgeprägt doppelt S-förmige Wirbelsäule und gingen demnach ebenso aufrecht wie der anatomisch moderne Mensch.

Wie stark unterschied sich der Neandertaler von uns heutigen Menschen? Diese Frage beschäftigt Forscher schon lange. Klar scheint: Es handelte sich zwar um nah verwandte, aber dennoch unterschiedliche Spezies der Gattung Homo – ähnlich wie bei Pferd und Esel. Bereits seit der Entdeckung von Neandertalerfossilien galten charakteristische anatomische Merkmale unseres archaischen Cousins als Basis für die Artabgrenzung zum Homo sapiens. Das bezog sich bisher auch auf Eigenschaften der Wirbelsäule.

Wir sind gerade und gut ausbalanciert auf zwei Beinen unterwegs – dieses Merkmal gilt als charakteristisch für den modernen Menschen, es unterscheidet uns deutlich von den Affen. So lag es nahe anzunehmen, dass bei älteren Menschenformen die aufrechte Haltung noch weniger ausgeprägt war. So zeigten auch die ersten Rekonstruktionen den Neandertaler Anfang des 20. Jahrhunderts nur halb aufrecht gehend. Diese ausgesprochen primitive Vorstellung der Körperhaltung wurde zwar schon in den 1950er Jahren widerlegt, doch man ging diesbezüglich durchaus weiterhin von gewissen Unterschieden aus. Auch neuere Studien leiteten von der Form einzelner Wirbel ab, dass der Neandertaler noch keine gut entwickelte, doppelt S-förmige Wirbelsäule besessen hat, die unsere Körperhaltung prägt.

Virtuelle Rekonstruktion der Wirbelsäule

Doch ein internationales Forscherteam um Martin Häusler von der Universität Zürich scheint nun auch mit dieser Annahme aufzuräumen. Ihre Ergebnisse basieren auf der Untersuchung eines besonders gut erhaltenen Neandertaler-Skeletts aus der Höhle La Chapelle-aux-Saints in Frankreich. Auf der Grundlage von hochauflösenden 3D-Oberflächenscans der Wirbel und des Beckens haben sie eine virtuelle Rekonstruktion der Wirbelsäule dieses Neandertalers erstellt und ausgewertet.

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Wie die Forscher berichten, zeichnete sich im Bereich des Beckens dieselbe Ausrichtung des Kreuzbeins (Sacrum) wie beim Homo sapiens ab. Wie sie erklären, lässt dies auf eine gut entwickelte Lendenkrümmung schließen. Das Bild vervollständigte sich dann, als sie die einzelnen Lenden- beziehungsweise Halswirbel zusammensetzten. Es zeigten sich enge Kontakte zwischen den Fortsätzen der Wirbel sowie ausgeprägte, von der Wirbelsäulenkrümmung mitverursachte Abnutzungserscheinungen. Unter dem Strich bedeutet das: Neandertaler wiesen eine Krümmung der Wirbelsäule auf, die der beim anatomisch modernen Menschen entspricht, resümieren die Wissenschaftler.

Eine vergleichbare Körperhaltung zeichnet sich ab

Ihnen zufolge spiegelte sich die aufrechte und mit dem heutigen Menschen vergleichbare Körperhaltung zudem in den Analyseergebnissen der Abnutzungsspuren im Hüftgelenk des Skeletts von La Chapelle-aux-Saints wider: „Die Belastung des Hüftgelenks und die Ausrichtung des Beckens war nicht anders als bei uns“, sagt Häusler. Ihm zufolge deckt sich dieser Befund mit Ergebnissen bei anderen Neandertaler-Skeletten mit Resten von Wirbeln und Becken.

„Es gibt insgesamt kaum etwas, das auf eine prinzipiell andere Anatomie des Neandertalers im Vergleich zum anatomisch modernen Menschen hinweist“, resümiert Häusler. „Es ist daher an der Zeit, die grundsätzliche Nähe der beiden Menschenformen anzuerkennen und den Fokus auf die subtilen Veränderungen in der Biologie und im Verhalten der Menschen der Eiszeit zu richten“, meint der Wissenschaftler.

Quelle: Universität Zürich, PNAS, doi: 10.1073/pnas.1820745116

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