Neandertaler-Zwirn nachgewiesen - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Neandertaler-Zwirn nachgewiesen

Das etwa 6,2 mm lange und 0,5 mm breite Schnurfragment in einer Nahaufnahme. (Bild: C2RMF)

Schnüre und Seile waren auch schon feste Bestandteile der Neandertaler-Technologie, berichten Forscher: Sie haben an einem Steinwerkzeug unserer archaischen Cousins den Rest eines aus drei Strängen verdrillten Zwirns aus Pflanzenfasern nachgewiesen. Möglicherweise fanden diese Schnüre breite Anwendung in der Kultur der Neandertaler. Wie die Forscher betonen, war ihre Herstellung recht anspruchsvoll. Der Befund widerspricht damit erneut der alten Annahme, dass die Neandertaler dem modernen Menschen geistig und technologisch deutlich unterlegen waren.

„Du Neandertaler!“ Jeder weiß, was mit dieser Beleidigung gemeint ist: Noch immer haben unsere archaischen Cousins ein schlechtes Image. Sie gelten als rückständig, grobschlächtig und dumm. So scheint es nicht verwunderlich, dass unsere cleveren Vorfahren sie schnell aus Europa verdrängen konnten. Doch dieses Bild entspricht schon lange nicht mehr dem Stand der Forschung. Es wird immer deutlicher, dass die Neandertaler dem modernen Menschen durchaus ähnlicher waren als lange vermutet.

Unser archaischer Cousin verdient Respekt

Es ist beispielsweise belegt, dass sie geschickte Werkzeugmacher waren, ihre Toten bestatteten, sich mit Perlen aus Muschelschalen schmückten, sowie möglicherweise Höhlenkunst schufen. Wie kulturell entwickelt sie tatsächlich waren, lässt sich allerdings anhand von Funden nur begrenzt feststellen, denn die meisten Gegenstände waren wohl aus vergänglichen Materialien hergestellt, die nur selten Spuren hinterlassen haben. Anthropologen sprechen in diesem Zusammenhang von der „fehlenden Mehrheit“.

Doch in manchen Fällen sind wenigstens Spuren solcher vergänglicher Elemente erhalten geblieben. So hatten Funde von Pflanzenfaser-Resten auch vor der aktuellen Studie schon vermuten lassen, dass die Neandertaler Techniken zur Schnurherstellung beherrschten. Doch für die Entstehung dieser einzelnen gedrehten Faserstränge schienen auch andere Erklärungen möglich. Ein zweifelsfreier Nachweis von Zwirn-Techniken fehlte deshalb bisher.

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Dreilagig und verdrillt

Den haben die Forscher um Bruce Hardy vom Kenyon College in Gambier nun geliefert. Der Fund stammt vom Ausgrabungsort Abri du Maras im Südosten Frankreichs. Die Wissenschaftler entdeckten das sechs Millimeter lange und etwa 0,5 Millimeter breite Stück aus Pflanzenfasern auf der Oberfläche einer sechs Zentimeter großen Steinklinge, die aus der Zeit der Neandertaler stammt: Den Datierungen zufolge sind die Funde 41.000 bis 52.000 alt.

Die mikroskopischen Untersuchungen des Materials enthüllen die Zwirntechnologie der Neandertaler nun auf buchstäblich dreifache Weise. Denn das Fragment besteht den Analyseergebnissen zufolge aus drei einzelnen Fasersträngen, die jeweils im Uhrzeigersinn gedreht worden waren. Anschließend hatte man sie dann gemeinsam gegen den Uhrzeigersinn miteinander verdrillt, um einen stabilen Zwirn herzustellen, erklären die Wissenschaftler. „Das Seil-Fragment aus Abri du Maras ist damit nun der bisher älteste direkte Nachweis einer Fasertechnologie“, schreiben die Wissenschaftler.

Waren Seil und Schnur Teil der Neandertaler-Kultur?

Wie sie erklären, lässt der Fund des Fragments auf der Oberfläche der Steinklinge vermuten, dass die Schnur einst als Griff um dieses Werkzeug gewickelt war. Es ist aber auch möglich, dass das Stückchen Teil eines Netzes oder einer Tasche war, die das Werkzeug enthielt, schreiben Hardy und seine Kollegen. Ihnen zufolge ist anzunehmen, dass auch die Neandertaler schon Seile und Schnüre für viele unterschiedliche Zwecke verwendeten.

Die genaueren Analysen des Fasermaterials ergaben, dass es sich um Zellulosefasern handelt, die aus dem Bast eines Nadelbaums stammten. Wie die Wissenschaftler erklären, legt dies nahe, dass die Neandertaler bei der Gewinnung des Rohmaterials mit Bedacht vorgingen: Nur im zeitigen Frühjahr, wenn der Saft zu steigen beginnt, lassen sich die Bastfasern leichter von der Rinde und dem darunter liegenden Holz trennen. Möglicherweise weichten die Neandertaler das Material anschließend in Wasser ein, um die Fasern aufzuweichen. Danach mussten dann einzelne Stränge separiertund zu den Seilstrukturen verdrillt werden, schreiben die Forscher.

Es scheint ihnen zufolge somit klar, dass die Fasertechnologie ein komplexes Verständnis von Zusammenhängen erforderte, für die hohe kognitive Leistungen nötig waren. Der Befund reiht sich damit nun in die Sammlung von Hinweisen ein, die belegen, dass der Neandertaler dem modernen Menschen geistig wahrscheinlich weitgehend ebenbürtig war, schreiben die Forscher abschließend.

Quelle: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-020-61839-w

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