Neue Erkenntnisse über Ötzis letzte Reise - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Neue Erkenntnisse über Ötzis letzte Reise

Tisenjoch
Die Fundstelle von Ötzi auf dem Tisenjoch (Bild: Jim Dickson)

Die Gletschermumie „Ötzi“ hat schon viele spannende Einblicke in das Leben im Alpenraum vor 5300 Jahren geliefert. Jetzt haben Forscher anhand der bei der Mumie gefundenen Moose die letzte Reise des Kupferzeitmannes rekonstruiert. Demnach muss Ötzi damals aus dem heutigen Südtirol über das Schnalstal in die Alpen aufgestiegen sein. Warum er ausgerechnet diese schwierige Aufstiegsroute durch eine steile Schlucht wählte, bleibt allerdings rätselhaft.

Seit ihrer Entdeckung im Jahr 1991 ist die Gletschermumie „Ötzi“ der wahrscheinlich berühmteste prähistorische Alpenbewohner überhaupt. Denn die gut erhaltenen Überreste des vor 5300 Jahren gestorbenen Mannes aus der Kupferzeit haben seither einzigartige Informationen über das Leben der damaligen Alpenbewohner geliefert. So stammte Ötzi wahrscheinlich aus dem südlichen Alpenraum, wie Teile seiner Ausrüstung verraten. Seine Mutter könnte DNA-Analysen zufolge einem lokalen Bergvolk angehört haben.

Bis heute rätselhaft ist allerdings, welche Rolle Ötzi in seinem Volk bekleidete und warum er zum Zeitpunkt seines Todes in den Ötztaler Alpen unterwegs war. Aus Verletzungsspuren schließen Forscher jedoch, dass der Mann gewaltsam zu Tode kam – durch Totschlag oder Mord.

Moose verraten Route

Jetzt liefern neue Analysen Aufschluss darüber, von wo aus Ötzi zu seiner letzten Reise aufbrach und welche Aufstiegsroute er dabei wählte. James Dickson von der University of Glasgow und seine Kollegen hatten dafür Überreste von Moosen untersucht, die in unmittelbarer Nähe der Gletschermumie, aber auch in ihrer Kleidung und in ihrem Verdauungstrakt erhalten geblieben sind. Während rund um die auf 3259 Meter Höhe liegende Fundstelle auf dem Tisenjoch heute nur 21 Moosarten von Natur aus wachsen, fanden die Forscher bei Ötzi 75 verschiedene Moosarten, darunter zehn Lebermoose. Datierungen bestätigten, dass diese Moose, wie die Gletschermumie auch, vor rund 5300 Jahren im Eis eingeschlossen und konserviert wurden.

„Zwei Drittel der gefundenen Arten sind in der nivalen Zone – also auf über 3000 Metern – heimisch. Ein Drittel allerdings nicht, da sie nur in niederen Gebieten gedeihen“, berichtet Co-Autor Klaus Oeggl von der Universität Innsbruck. „Jene Arten, die eigentlich am Fundort gar nicht wachsen können, sind für uns natürlich von besonderem Interesse, da sie uns Rückschlüsse auf die Route ermöglichen. Wir wissen, wo diese Moose üblicherweise vorkommen. Mein Kollege Jim Dickson dokumentiert bereits seit Jahrzehnten die Vorkommen und geografische Verbreitung der Moose in diesem Südtiroler Gebiet. Daher können wir rekonstruieren, durch welche Gebiete Ötzi gewandert ist.“

Anzeige

Aufstieg durch eine steile Schlucht

Anhand der Herkunft und Verbreitung der bei Ötzi gefundenen Moose kommen die Forscher zu dem Schluss, dass der Gletschermann einst aus dem Süden in die Alpen aufgestiegen sein muss. Einen ersten Hinweis darauf lieferten Reste des Torfmooses Sphagnum affine im Darm von Ötzi. Diese Moosart kommt nur in niederen Lagen vor und wächst unter anderem im Vinschgauer Tal – möglicherweise brach der Mann von dort aus in die Alpen auf. Zahlreiche Relikte des Laubmooses Neckera complanata an Ötzis Kleidung und in seinem Körper sprechen nach Ansicht der Forscher dafür, dass er durch das Südtiroler Schnalstal aufstieg, denn dort kommt diese Moosart besonders häufig vor. Auch die zahlreichen Pollen der Europäischen Hopfenbuche in Ötzis Darm könnten aus diesem Tal stammen.

Das Seltsame daran: Beim Aufstieg über diese Route musste Ötzi eine steile, schwer zu erklimmende Schlucht hinaufsteigen – das war auch damals schon nicht der leichteste Weg auf das Tisenjoch. „Es erscheint merkwürdig, dass er den anstrengenden Weg durch die Schlucht nahm“, sagen Dickson und seine Kollegen. „Aber geht man von dem Szenario aus, dass Ötzi auf der Flucht war, fand er in einer Schlucht wahrscheinlich die besten Möglichkeiten, sich zu verstecken.“

Quelle: Universität Innsbruck; Fachartikel: PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0223752

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Wissenschaftslexikon

Gru|ben|au|ge  〈n. 28; Zool.〉 in einer Grube der Oberhaut liegendes Lichtsinnesorgan verschiedener Tiere (z. B. Schnecken), das ein Richtungssehen ermöglicht

C–Dur  〈[tse–] n.; –; unz.; Mus.; Abk.: C〉 auf dem Grundton C beruhende Dur–Tonart

Pla|ta|ne  〈f. 19; Bot.〉 Angehörige einer Gattung der Laubbäume mit glatter Borke, die sich in Platten ablöst: Platanus [<grch. platanos; ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige