Anzeige
Anzeige

Unglück am Djatlow-Pass

Neuer Blick auf ein historisches Rätsel

Zelt
Der Rettungstrupp fand nur noch das zerfetzte Zelt, einige Skier und neun Leichen. (Bild: Djatlow-Gedächtnisstiftung)

Vor 62 Jahren brach eine Ski-Expedition zu einem entlegenen Berg im Ural auf – und kehrte nicht mehr zurück. Man fand nur noch ihre Leichen. Seither rätseln Behörden und Wissenschaftler, was diesen neun Menschen zugestoßen ist. Jetzt könnten Forscher den mysteriösen Fall des Unglücks vom Djatlow-Pass gelöst haben. Demnach war ein fatales Zusammentreffen von natürlichen und menschengemachten Ursachen schuld.

Am 27. Januar 1959 brach eine zehnköpfige Gruppe aus Wissenschaftlern und Studierenden zu einer 14-tägigen Expedition zum Berg Gora Otorten auf, einem entlegenen Gipfel im Norden des Uralgebirges. Obwohl alle Teilnehmer erfahrene Skifahrer und -tourengänger waren, war diese winterliche Tour bei bis zu minus 30 Grad eine enorme Herausforderung. Kein Wunder daher, dass einer der Teilnehmer nach einem Tag lieber umkehrte – zu seinem Glück. Denn die restlichen neun Expeditionsmitglieder sollten nicht mehr lebend zurückkehren.

Gewaltsamer Tod mit ungeklärter Ursache

Dass mit der Expedition etwas nicht stimmte, fiel erst auf, als die Gruppe mehrere Tage nach ihrer geplanten Rückkehr nicht an ihrem Ausgangspunkt auftauchte. Darauf wurde ein Rettungstrupp losgeschickt, der am 26. Februar fündig wurde: Am Hang des Cholat Sjachl, übersetzt „Berg des Todes“, gut 20 Kilometer vom Ziel der Expedition entfernt, stießen sie zunächst auf das schwer beschädigte Zelt sowie die Ausrüstung der Gruppe. Wenig später fanden sie auch die Leichen der neun Expeditionsteilnehmer. Zwei davon waren nur mit Unterwäsche bekleidet, einige weitere wiesen schwere Verletzungen wie Frakturen am Schädel und im Brustbereich auf.

Was war geschehen? Nach der Bergung der Leichen und Überreste untersuchten die sowjetischen Behörden zwar die Unglücksursache, stellten die Ermittlungen jedoch nach drei Monaten wieder ein. In ihrem Bericht kamen sie nur zu dem Schluss, dass eine „massive Naturgewalt“ zum Tod der Expeditionsteilnehmer geführt haben musste. Doch um was es sich dabei handelte und was am Djatlow-Pass im Einzelnen geschehen war, konnten sie damals nicht rekonstruieren. Bis heute gibt es unzählige Mythen und Hypothesen zur Todesursache der neun Menschen – die Spanne der Legenden reicht von mörderischen Yetis bis hin zu militärischen Geheimexperimenten.

War es eine Lawine?

Diesen geheimnisumwitterte „Cold Case“ haben nun zwei Schweizer Geoingenieure und Lawinenexperten aufgegriffen. Johan Gaume von der Polytechnischen Hochschule Lausanne (EPFL) und sein Kollege Alexander Puzrin von der ETH Zürich durchkämmten russische Archive nach den Dokumenten zu diesem Fall, sprachen mit Fachkollegen und entwickelten dann auf Basis der Daten ein analytisch-numerisches Modell. Mit diesem rekonstruierten sie die Bedingungen und Geschehnisse am letzten Tag der Expedition.

Anzeige

Ganz weit oben auf der Liste der Ursachen stand dabei ein Lawinenunglück. Dafür sprach, dass die neun Teilnehmer der Expedition ihr Nachtlager an einem verschneiten Berghang aufgeschlagen hatten. Allerdings gab es einige Beobachtungen, die auf den ersten Blick schwer mit einer klassischen Lawine zu vereinbaren waren: Mit nur rund 23 Grad Neigung war der Hang oberhalb des Lagers eigentlich zu flach und es fehlten auch eindeutige Spuren eines größeren Lawinenabgangs. Zudem waren die an einigen Leichen gefundenen Brust- und Schädelverletzungen für ein solches Ereignis untypisch. Ebenfalls seltsam: Wenn es eine Lawine gegeben hat, dann konnte sie erst mehrere Stunden nach Aufschlagen des Zelts abgegangen sein. „Die früheren Ermittlungen konnten nicht erklären, wie mitten in der Nacht eine Lawine ausgelöst werden kann, wenn es am Abend davor nicht geschneit hat“, sagt Gaume.

Grube, Winde und ein Schneebrett

Ist das Lawinen-Szenario demnach doch falsch? Nein sagen Gaume und Puzrin. Denn ihre Modelle zeigen, dass es einen Lawinentyp gibt, der zu den ungewöhnlichen Umständen vor Ort passt. Dabei handelt es sich um eine Schneebrettlawine – einen Lawinentyp, bei dem der obere Teil der Schneedecke nahezu intakt bleibt und als Ganzes auf einer darunterliegenden Schwächezone zu Tal rutscht. Anders als Staublawinen können sich solche Schneebretter auch bei geringer Hangneigung lösen. Hinzu kommt: „Anhand von Computersimulationen zeigen wir, dass eine Schneebrettlawine ähnliche Verletzungen wie die hervorrufen kann, die an einigen der Toten gefunden wurden“, sagt Gaume.

Ausgelöst wurde die Schneebrettlawine am Djatlow-Pass höchstwahrscheinlich durch ein Zusammentreffen von menschengemachten und natürlichen Ursachen. Denn die Funde am Unglücksort deuten darauf hin, dass die Expeditionsmitglieder eine Grube in die Schneedecke des Berghangs gruben, um ihr Zelt besser gegen den Wind zu schützen. „Hätten sie den Hang nicht angeschnitten, wäre nichts passiert“, sagt Puzrin. „Das war der Initialauslöser, hätte allein aber nicht ausgereicht.“ Dazu kam dann ein spezieller Fallwind, der den Hang hinabwehte: „Wahrscheinlich verfrachteten diese katabatischen Winde den Schnee, der sich langsam aufhäufte“, erklärt der Forscher.

Dadurch sammelte sich, von der schlafenden Gruppe unbemerkt, oberhalb des Zeltes eine dicke, schwere Schneemasse an. Einige Stunden später gab dann die Schneedecke unter dieser Last nach und das Schneebrett löste sich. Die Schneemassen rasten dann als kompakte Masse über das Zelt hinweg und trafen dabei die Schlafenden mit enormer Wucht – genug, um einige von ihnen tödlich zu verletzen und die anderen zu verschütten. Sollte dieses Szenario zutreffen, hätten Gaume und Puzrin das Rätsel um das Unglück vom Djatlow-Pass gelöst. Allerdings betonen auch sie, dass dieses Unglück trotzdem in weiten Teilen ein Rätsel bleibt: „Tatsache ist, dass niemand wirklich weiß, was in dieser Nacht geschah. Aber wir haben starke quantitative Beweise, die die Lawinentheorie untermauern“, sagt Puzrin.

Quellen: Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne; Fachartikel: Communications Earth and Environment, doi: 10.1038/s43247-020-00081-8

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Der Podcast zur Geschichte.

Geschichten von Alexander dem Großen bis ins 21. Jahrhundert. 2x im Monat reden zwei Historiker über ein Thema aus der Geschichte. In Kooperation mit DAMALS – Das Magazin für Geschichte.

Hören Sie hier die aktuelle Episode:

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

fo|ren|sisch  〈Adj.; Rechtsw.〉 gerichtlich ● ~e Medizin = Gerichtsmedizin ... mehr

Mixed Me|dia  〈[mikst midı] Pl.〉 Verwendung verschiedener Medien, bes. im Rahmen künstlerischer Installationen od. bei Happenings, mit dem Ziel des gattungssprengenden Gesamtkunstwerks; Sy Multimediashow ( ... mehr

lym|pho|id  〈Adj.; Med.〉 lymphartig ● ~e Organe bei Mensch u. Wirbeltieren die Bildungsstätten von Lymphzellen u. Blutkörperchen, also die Lymphknoten, Milz, Knochenmark ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige