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Geschichte+Archäologie

Neues zur Frühgeschichte Südamerikas

Skelett aus Chile
11.000 Jahre alte menschliche Überreste aus Los Rieles in Chile. (Foto: Bernardita Ladrón de Guevara)

Wie sich die ersten Menschen in der Neuen Welt ausbreiteten, ist bis heute nur in Teilen geklärt. Jetzt haben zwei Forscherteams mithilfe von umfangreichen Genanalysen versucht, vor allem die Frühgeschichte Mittel- und Südamerikas aufzuklären – mit überraschenden Ergebnissen. So reichte der Einfluss der nordamerikanischen Clovis-Kultur bis weit nach Südamerika hinein und später gab es einen noch unbekannten umfassenden Bevölkerungsaustausch im Süden des Kontinents. Doch die Studien werfen auch viele neue Fragen auf.

Der amerikanische Kontinent ist durch Einwanderung geprägt – und das nicht erst in der Neuzeit: Gängiger Theorie nach kamen die ersten Menschen vor 20.000 bis 15.000 Jahren aus Asien über die Beringstraße nach Nordamerika – ob in nur einer oder mehreren Schüben, ist allerdings umstritten. Diese Population teilte sich dann in vermutlich drei Gruppen auf: Eine blieb in Alaska, eine in Nordamerika und eine zog weiter nach Mittel- und Südamerika. Wie aber ging es danach weiter? Diese Frage ist bis heute weitgehend unbeantwortet. Unklar ist unter anderem, wie die Besiedelung Südamerikas ablief und warum einige urzeitliche Tote völlig anders aussehen als die sonstigen Ureinwohner. Ebenso rätselhaft ist, warum einige Amazonasvölker genetisch besonders eng mit heutigen Bewohnern Südostasiens verwandt sind.

Um dies zu klären, haben nun gleich mehrere Forscherteams DNA-Proben von bis zu 11.000 Jahre alten menschlichen Überresten aus Nord- und Südamerika vergleichend ausgewertet. Das Team um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen analysierte dafür 15 Funde von Alaska bis Patagonien. Das Team um David Reich von der Harvard University und Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte untersuchte 49 DNA-Proben von Toten, die vorwiegend in Mittel- und Südamerika gefunden worden waren und verglichen diese untereinander und mit heutigen Bewohnern des Kontinents. Beide Forschergruppen haben dabei einige zuvor unbekannte Wanderungsbewegungen und Verwandtschaftsbeziehungen aufgedeckt.

Zwei unbekannte Wanderungswellen in den Süden

Die Ergebnisse von Reich und seinem Team bestätigen, dass alle Ureinwohner der Neuen Welt aus einer gemeinsamen Wurzel entsprungen sind. Sie stammen von der Population ab, die sich kurz nach der Passage über die Bering-Landbrücke von den nordamerikanischen Indianern abspaltete. Danach aber folgten mindestens zwei zuvor unbekannte Einwanderungswellen von Nord- nach Südamerika, wie die DNA-Vergleiche enthüllen. Die erste geschah vor rund 11.000 Jahren und war eine echte Überraschung, wie die Forscher erklären. Denn sie ging von einer Menschengruppe aus, die eng mit Angehörigen der Clovis-Kultur verwandt war – einer Kultur, die man bisher für auf Nordamerika beschränkt hielt. „Wir haben daher nicht erwartet, Verwandte der Clovis-Menschen in Südamerika zu finden“, sagt Reichs Kollege Nathan Nakatsuka. Doch die DNA von vor 11.000 bis 9000 Jahren begrabenen Toten aus Brasilien, Chile und Belize zeigte klare Übereinstimmungen mit dem Erbgut eines 12.8000 Jahre alten Clovis-Kindes aus Montana. „Das stützt die Annahme, dass sich die mit Clovis verknüpfte Stammeslinie auch bis in Teile Mittel- und Südamerikas ausbreitete“, sagt Nakatsuka.

Die zweite Überraschung zeigte sich, als die Forscher das Erbgut weiterer, nur bis maximal 9000 Jahren alten Toten untersuchten: In ihrer DNA war keine Spur mehr vom Clovis-Erbe zu finden. „Das ist unsere zweite Schlüssel-Entdeckung“, sagt Reich. „Wir sehen, dass es einen kontinentweiten Austausch der Bevölkerung gab, der vor mindestens 9000 Jahren begann. Eine so weitreichende Umwälzung haben Archäologen nicht erwartet.“ Nach dieser Zeit allerdings blieben die meisten Südamerikaner offenbar weitgehend unter sich: „Es gibt eine bemerkenswerte Kontinuität zwischen den prähistorischen Skeletten und heutigen Südamerikanern“, sagt Erstautor Cosimo Posth vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Im Gegensatz zu Eurasien und Afrika, das auch in den letzten Jahrtausenden immer wieder durch große Migrationen geprägt war, gab es diese bis zur Ankunft der Europäer in Südamerika nicht.

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Verblüffend schnelle Ausbreitung

Ein weiteres Puzzlestück der komplexen Frühgeschichte Amerikas liefern die Ergebnisse des zweiten Teams um Eske Willerslev und Erstautor Victor Moreno-Mayar. Sie entdeckten überraschende Ähnlichkeiten bei einer 10.700 Jahre alten Mumie aus der Spirit Cave in Nevada und mehrerer zwischen 10.400 und 9800 Jahre alten Toten aus dem brasilianischen Lagoa Santa. Auch Gemeinsamkeiten mit dem Clovis-Kind aus Montana fanden die Wissenschaftler. Obwohl diese Orte durch rund 2000 Jahre und tausende von Kilometern voneinander getrennt waren, sind alle drei Individuen genetisch verwandt. „Das spricht dafür, dass ihre Vorfahren den Kontinent in einem erstaunlichen Tempo durchquert haben müssen“, sagt Co-Autor David Meltzer von der Southern Methodist University in Dallas. „Das haben wir zwar anhand archäologischer Funde fast schon vermutet, aber es ist faszinierend, das jetzt durch die Genetik bestätigt zu sehen.“

Interessant sind diese Ergebnisse auch, weil gerade die Herkunft der Toten von Lagoa Santa und Spirit Cave wegen ihres Äußeren umstritten war. „Basierend auf ihren Schädelmaßen galten sie als Paläoindianer – man stellte fest, dass ihre Schädel sich von denen heutiger Indianer stark unterschied“, erklärt Willerslev. Einige Forscher hielten es deshalb für möglich, dass diese steinzeitlichen Indianervorfahren von Einwanderern abstammten, die direkt über das Meer aus Ozeanien gekommen waren. Doch die neuen Genanalysen widerlegen dies eindeutig. Unsere Studie beweist, dass die Toten von Spirit Cave und Lagoa Santa genetisch enger mit heutigen Indianern verwandt sind als mit irgendeiner anderen urzeitlichen oder heutigen Population“, so Willerslev.

Zusammengenommen zeichnen die neuen Studien ein komplexes, teils verwirrendes und widersprüchliches Bild der Besiedelung Amerikas. Und noch immer sind einige Fragen offen – auch aus Mangel an archäologischen Funden. „Es ist noch immer eine Region voller geografischer und chronologischer Löcher in unseren Daten“, sagt Reich.

Quellen: Cosimo Posth (Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena) et al., Cell, doi: 10.1016/j.cell.2018.10.027; Víctor Moreno-Mayar ( Universität Kopenhagen) et al., Science, doi: 10.1126/science.aav2621

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