Ötzi '06: Wie eine Mumie die Wissenschaft aufmischt - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Ötzi ’06: Wie eine Mumie die Wissenschaft aufmischt

Vor 15 Jahren wurde die älteste Feuchtmumie der Welt aus ihrem Grab im Gletscher geborgen. Seither übertrumpfen sich Mediziner und Anthropologen mit immer neuen Methoden, um den Zeugen aus der Steinzeit zum Sprechen zu bringen.

Ötzi hat einen Cousin. Keinen leiblichen Verwandten, aber einen Namensvetter und Zimmernachbarn. Ötzi III – eine künstlich gealterte Leiche – liegt in einer Kühlkammer des Bozner Archäologiemuseums, keine fünf Meter von der weltberühmten Gletschermumie entfernt. Anders als sein famoses Vorbild bleibt Ötzi III den Augen der Öffentlichkeit verborgen, obwohl er – zumindest optisch – gleich viel zu bieten hat wie das Original: ausgetrocknete Haut, eingefallene Wangen, dunkelbrauner Teint. Der Stoppelbart lässt ihn sogar noch etwas verwegener erscheinen als den Mann aus dem Eis. Allerdings ist Ötzi III kein Steinzeit-Spezi, sondern ein Genosse aus der Gegenwart, der – testamentarisch verfügt – seinen toten Körper der medizinischen Forschung in Österreich vermacht hat.

Die Art, wie die beiden Männer zur Mumie wurden, könnte unterschiedlicher nicht sein. Ötzi – das Original – starb im Frühsommer vor über 5000 Jahren auf dem Tisenjoch in den Ötztaler Alpen. Gehetzt, mit gebrochenen Rippen, eine Pfeilspitze in der linken Schulter, eine klaffende Schnittwunde in der rechten Hand und übersät mit blauen Flecken muss er qualvoll zugrunde gegangen sein. Mehrere Tage, wenn nicht sogar wochenlang lag der Tote ungeschützt in der etwa 40 Meter langen, 7 Meter breiten und 3 Meter tiefen Mulde, die für Jahrtausende sein Grab werden sollte. Die schneidende Gebirgsluft auf 3210 Meter Höhe trocknete den Körper aus und ließ ihn gefrieren. Mikro-Organismen, die normalerweise einer Leiche zusetzen, gingen unter solch unwirtlichen Bedingungen nicht an ihr zerstörerisches Werk. Eine lockere Schneedecke begrub den Toten schließlich unter sich und wehrte gierige Aasfresser und Insekten ab. Am Ende sargte eine 20 Meter dicke Eisschicht den Zeugen aus der Steinzeit ein.

Ötzi III dagegen wurde vor etwa zehn Jahren mit modernster Technik zur Mumie gemacht. Seine Innereien waren zuvor im anatomischen Institut der Universität Innsbruck mit einer Mischung aus Formaldehyd und Karbol konserviert worden: Etwa sieben Liter des aggressiven Safts hatten die Ärzte in seine Venen gepumpt. Die Metamorphose zur Mumie erfolgte in einer Kühlkammer, die mit Ventilatoren kontinuierlich belüftet wurde. Der ständige Zug, niedrige Temperaturen und eine Ladung Aktivkohle – poröser Kohlenstoff, der Feuchtigkeit aufsaugt – machten aus der Leiche in sechs Monaten das, was 5000 Jahre Wind, Eis und Schnee aus dem Steinzeit-Mann gemacht hatten: eine etwa 13,5 Kilogramm schwere Gletschermumie – aus Haut und Knochen, Muskeln und Knorpel, Bindegewebe und Wasser.

Wie so vieles an der Forschung um Ötzi war die Mumifizierung von Ötzi III eine Pionierleistung – ohne Erfolgsgarantie. So kam es, dass der erste Versuch, eine Leiche (Ötzi II) künstlich gefrierzutrocknen, scheiterte. „Der Körper war nicht mit Formaldehyd konserviert und hatte einen zu hohen Fettgehalt. Da waren die Bakterien schneller als wir“, erklärt Othmar Gaber, emeritierter Professor für Anatomie an der Universität Innsbruck.

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Doch wozu braucht es ein Faksimile, wenn man das Original besitzt? „Alle Maßnahmen zur Konservierung des Eismannes müssen vorher an Ötzi III getestet werden. Jeder Fehler wäre fatal“, sagt Eduard Egarter Vigl, Pathologe am Krankenhaus in Bozen – und seit acht Jahren Leibarzt der Mumie.

Zu Beginn war Ötzi ein pflegeleichter Patient. Da er aus der Kälte kam, beschlossen die Wissenschaftler des Innsbrucker Anatomieinstituts – dorthin war die Leiche nach ihrer Entdeckung am 19. September 1991 gebracht worden –, ihn kühl und luftdicht zu lagern. Sie wickelten ihn in sterile Tücher und packten ihn in Crash-Eis – „wie frischen Fisch“, so Anatom Gaber.

Zum Problemfall wurde Ötzi erst 1998, als er ins eigens eingerichtete Archäologiemuseum nach Bozen verfrachtet und in einer Kühlkammer mit 6 Grad Minus und einer Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent ausgestellt wurde. „Anders als zuvor kam der Körper in der Kühlkammer mit Luft in Berührung“, erklärt Chef-Konservator Egarter Vigl. „Dadurch stieg die Gefahr der Austrocknung.“ Während die Hautzellen von Trockenmumien nicht mehr funktionieren, können jene von Feuchtmumie Ötzi bis heute Wasser aufnehmen und abgeben. „Die Feuchtigkeit wird dorthin gezogen, wo es am kältesten ist – von Ötzis Körper zu den Kühlwänden“, erklärt Anatom Gaber. „Ähnlich wie eine kalte Schneebrille beschlägt, wenn man eine warme Skihütte betritt.“

Die Befürchtungen der Wissenschaftler wurden Wirklichkeit. Tests an Ötzi III zeigten, dass die Mumie mehr Flüssigkeit und Gewicht verlor, als den Forschern lieb war. Auch kleine weiße Flecken und Risse am Eismann sorgten für Unruhe.

Was den Zeugen aus der Steinzeit vor dem Verfall rettete, war ein Verfahren, das Eis-Bildhauer nutzen, um ihre gefrorenen Skulpturen zu erhalten: Sie besprühen sie mit Wasser. Ötzi bekam alle zwei Wochen eine Brause-Behandlung verpasst. Das sterile Wasser wurde von den Zellen aufgenommen und bildete auf der Oberfläche der Mumie einen fünf Millimeter dicken Eisfilm – Schutz genug, um die Feuchtigkeit für eine Weile im Gewebe zu halten. Um den Verdunstungsprozess noch weiter zu verringern, wurden die nackten Stahlwände der Kühlkammer vor zwei Jahren mit zwei Zentimeter dicken Eisplatten ausgekleidet. Sie dienen als Flüssigkeitsspeicher, gleichen kleine Schwankungen im Kühlsystem aus und sorgen für ein konstantes Mikroklima.

Das Konzept von Ötzis Konservierung weist Mumien-Hütern auf der ganzen Welt den Weg. Die hatten in der Vergangenheit oft peinliche Fehler begangen – etwa bei der kleinen Juanita, einer Feuchtmumie aus Peru. Das Inkamädchen, das man vor 500 Jahren den Göttern geopfert hatte, war 1995 auf dem Gletscher des Nevado Ampato gefunden worden. Weil niemand wusste, was zu tun war, wurde Juanita kurzerhand in einen Kühlschrank gesperrt. Und dort liegt sie noch heute – festgefroren im Kondenswasser.

Ein solches Schicksal bleibt Ötzi erspart, auch sein Gewichtsproblem haben die Wissenschaftler mittlerweile im Griff: Statt der vier Gramm täglich verliert die Mumie jetzt nur noch vier Gramm im Monat. Dieser Schwund wird durch die Sprühregen-Sitzungen wettgemacht, die allerdings in immer größeren Abständen – aktuell alle zwei Monate – durchgeführt werden. Dank der eisgetäfelten Wände wären selbst sie nicht mehr nötig. „Wir machen es vor allem aus ästhetischen Gründen, damit sich die Besucher im Museum nicht beschweren, beim letzten Mal hätte die Mumie frischer ausgesehen“, schmunzelt Egarter Vigl.

Ötzis Antlitz hat die moderne Wissenschaft noch in anderer Hinsicht vorangebracht. Um den Schädel des Steinzeit-Mannes zu rekonstruieren, wurde die Mumie in der Klinischen Abteilung für Radiologie II der Universitätsklinik Innsbruck im Computertomographen vermessen. Doch wie wird aus den Daten ein plastisches Modell? „Wir haben ein Verfahren eingesetzt, das bis dato in der Autoindustrie verwendet wurde, um Prototypen herzustellen: die Stereolithographie“, erklärt Professor Dieter zur Nedden. Ein ultravioletter Laserstrahl zeichnete die anatomischen Details des Schädels Schicht für Schicht in flüssiges Acrylharz. Die Energie des Lasers härtete die belichteten Stellen aus – und die weiche Masse nahm im Laufe von 40 Stunden die gewünschte feste Form an.

Mittlerweile werden Skelett-Teile bedeutender Funde fast schon serienmäßig mit Hilfe der Stereolithographie nachgebildet. Ob der Schädel der 2,5 Millionen Jahre alten Australopithecinen-Dame Mrs. Ples aus Südafrika oder jener des 300 000 Jahre alten Homo heidelbergensis von „Broken Hill“ in Sambia – die kostbaren Stücke müssen nicht mehr in Gips gedrückt werden, damit Modelle Wissenschaftlern und Museen zur Verfügung stehen. Radiologie und Anthropologie arbeiten seit der Ötzi-Premiere Hand in Hand. An den Universitäten Innsbruck und Wien wurde die Verbindung in einem neu gegründeten Forschungsbereich, der „virtuellen Anthropologie“, besiegelt. Ötzi sei, schwärmt Professor zur Nedden, ein Katalysator für die Wissenschaft. „Das ist wie in der Formel 1: Um die Mumie zu erforschen, werden weder Kosten noch Mühen gescheut. Das Resultat sind viele neue Techniken, die auch im Alltag Anwendung finden.“

Tatsächlich profitiert nicht nur die Anthropologie, sondern auch die plastische Chirurgie von Modellen, die mit der Stereolithographie gefertigt werden. Wenn komplizierte Operationen an Kiefer oder Schädel anstehen, wird jeder Handgriff anhand der Kopie geplant. „Das wäre zwar auch am Computer möglich“ , räumt Wolfgang Recheis, Physiker der Innsbrucker Radiologie II, ein. „Aber Chirurgen sind Macher: Sie fassen die Dinge lieber an.“ Wie sinnvoll eine solche Vorarbeit ist, zeigen die Daten, die Recheis zusammengetragen hat: Bei einem Eingriff, der mit einem Stereolithographie-Modell geplant wurde, sind im Schnitt nur halb so viele kosmetische Folgeoperationen notwendig wie früher.

Der Eismann selbst ist wohl der am besten untersuchte Mensch aller Zeiten. Hundertschaften von Forschern hatten schon mit ihm zu tun. Mehrmals musste Ötzi unters Messer und opferte Zahnschmelz, Hautfetzen, Knochenmark und Darminhalt. Um Verunreinigungen durch Pinzetten, Bohrer, Zangen und Scheren zu verhindern, ließen die Ärzte der Universitätsklinik Innsbruck ein Besteck aus Titan anfertigen – 50-mal teurer als gewöhnliches Operationsgerät aus rostfreiem Stahl. Im Unterschied zu den meisten anderen Materialien gibt Titan keine Metall-Ionen an die Umwelt ab, wenn es mit Wasser in Berührung kommt.

Trotz aller Vorsicht hatte ein Eingriff Folgen: Bei einer Gewebeentnahme brach eine der spröden Titan-Pinzetten ab. Seither steckt ein drei Zentimeter langes Stück in Ötzis rechter Rippenhöhle.

Alles in allem haben die Wissenschaftler an die 100 Proben entnommen, winzige Gewebeknöllchen mit einem Gewicht von insgesamt nur wenigen Gramm. Doch Genforscher sind bescheidene Portionen gewöhnt. Aus dem DNA-Brei in Ötzis Verdauungstrakt rekonstruierte Franco Ugo Rollo, Anthropologe an der Universität in Camerino, die Henkersmahlzeit des Eismannes: Hirsch-Filet auf Gemüse, dazu Brot oder Brei aus Einkorn.

An der DNA von Ötzi selbst beißen sich die Forscher bislang allerdings die Zähne aus. Zumindest im Zellkern sind die Makromoleküle, auf denen die Erbinformationen gespeichert sind, so stark zerstört, dass sie mit den gängigen Untersuchungsmethoden nicht analysiert werden können. Alles, was den Wissenschaftlern bleibt, sind Fragmente mitochondrialer DNA. Die Mitochondrien liegen zwar außerhalb des Zellkerns, sie verfügen aber über einen Negativabdruck der Zellkern-DNA, um im Notfall schadhaftes Erbgut reparieren zu können. Aus dieser Sicherheitskopie und den verdrehten Fakten versuchen die Forscher Ötzis Geschichte zu lesen.

„Das eigentliche Problem besteht darin herauszufinden, ob das Material tatsächlich vom Eismann stammt oder nicht“, sagt Phillip Endicott, Archäologe und Anthropologe am Institut für Zoologie der University of Oxford. Denn: Kaum etwas kann so leicht verunreinigt werden wie DNA. Es genügen ein paar Speicheltröpfchen oder eine Berührung, um modernes und antikes Erbmaterial zu vermischen. Betatscht wurde Ötzi oft genug. Allein während der Bergung – als die Mumie mit brachialer Gewalt, Skistöcken und Pressluft-Meißel aus dem Eis geholt wurde – waren 25 Personen vor Ort.

Bislang haben die Wissenschaftler darauf gehofft, dass das analysierte Mitochondrien-Material aus Ötzis Darm tatsächlich vom Eismann stammt – und nicht vom herangeeilten Bergführer oder Gerichtsmediziner. Auf einen solchen Zufallstreffer will sich Phillip Endicott nicht verlassen. Mit seinen Kollegen Paul Brotherton und Juan Sanchez hat er ein biochemisches Verfahren entwickelt, das bei der Analyse von DNA-Fragmenten modernes Erbgut ausspart. So kann er sicher sein, dass die Informationen aus der Steinzeit stammen.

Was so simpel klingt, schien bisher schier unmöglich. „Das antike und das moderne Erbgut von Europäern ist praktisch identisch. Sie unterscheiden sich nur darin, dass antikes Erbgut meist zerfallen ist und die Moleküle deshalb viel kürzer sind als jene von intaktem modernen Erbgut. Wir fischen diese Bruchstücke heraus und analysieren sie – das hat bisher noch keiner geschafft“ , sagt Endicott. Mit Ergebnissen geizt der Experte – eine Veröffentlichung stehe kurz bevor. Doch der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, welche Rätsel der Menschheitsgeschichte mit einer solchen Untersuchungsmethode noch geklärt werden können. Etwa die Frage, ob Spuren vom Erbgut des Neandertalers in den Genen des modernen Menschen stecken. Oder wie Landwirtschaft und Viehzucht vor über 7000 Jahren aus dem Vorderen Orient nach Europa kamen: durch Mundpropaganda oder dank Entwicklungshelfern, die aus dem Osten einwanderten und sich mit unseren Vorfahren vermischten?

Was die Herkunft des Eismannes betrifft, scheinen sich die Spuren in Südtirol zu verdichten. Vor drei Jahren hat der Geochemiker Wolfgang Müller von der Australian National University in Canberra anhand von Ötzis Zähnen herausgefunden, dass der aus dem Eisacktal stammte. Die Isotope chemischer Elemente wie Sauerstoff und Blei kommen dort in einem ganz bestimmten Verhältnis vor und bilden ein ortsspezifisches Muster. Dieses wird über Wasser und Nahrung aufgenommen und hinterlässt unverwechselbare Spuren im Schmelz.

Abgesehen vom chemischen Fingerzeig wird Ötzis Sippschaft – zumindest jene mütterlicherseits – immer genauer genetisch verortet. Anthropologe Endicott und sein italienischer Kollege Rollo haben, unabhängig voneinander, das mitochondriale Erbgut der Mumie – das nur über die weibliche Linie vererbt wird – so weit entschlüsselt, dass es einer der neun europäischen Hauptgruppen zugeordnet werden kann. Ötzi gehört zur Gruppe K – einem besonders alten genetischen Geschlecht, das heute noch in rund fünf Prozent der Europäer vertreten ist. In manchen abgeschiedenen Gebieten wie dem österreichischen Ötztal und den Bergen in Belluno, wo Ladiner leben, scheint der K-Klüngel nach wie vor stark verwurzelt zu sein. Stichproben haben ergeben, dass ihm 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung angehören. „Innerhalb der K-Gruppe gibt es allerdings diverse Untergruppen. Deshalb gilt es jetzt, den genetischen Verwandtschaftskreis von Ötzi noch weiter einzugrenzen“, sagt Endicott.

Solche Aussichten stimmen auch Peter P. Pramstaller zuversichtlich, Neurologe und Leiter des Instituts für genetische Medizin an der Europäischen Akademie in Bozen. Er hat vor drei Jahren angeregt, Ötzis Erbgut in Oxford zu analysieren – schließlich sind Gene, Geschichte und gottverlassene Gegenden auch sein Forschungsfeld. Pramstaller untersucht die Bewohner abgelegener Südtiroler Bergdörfer, um die genetischen Ursachen von Krankheiten wie Parkinson und Krebs zu entschlüsseln. Das Erbgut der Einsiedler ist sehr alt und sehr ähnlich – bis vor wenigen Jahrzehnten heirateten vier Fünftel innerhalb der Dorfgemeinschaft. Ideale Voraussetzungen, um genetische Unruhestifter zu orten und ihren Werdegang nachzuzeichnen.

Rund 1500 Bergbewohner aus dem Vinschgau sind bereits zum Rundum-Check angetreten, haben mehr als 900 Fragen zum Thema Gesundheit beantwortet und Blut gelassen, aus dem die DNA extrahiert wurde. Mit dem Daten-Wust haben Pramstaller und sein Team den Stammbaum eines jeden Dorfes gespickt. So können sie sehen, wie häufig eine bestimmte Krankheit in einer Familie auftritt und wie weit die Mutation bestimmter Gene zurückreicht. Mit Hilfe von Taufbüchern und Heiratsmatrikeln lässt sich die Geschichte der Siedlungen bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. „Um die Entstehung und die Entwicklung von Krankheiten zu verstehen, muss man allerdings viel mehr über die Geschichte eines Gebietes und seiner Bewohner wissen: Wann haben sie das Land besiedelt? Wie haben sie gelebt? Welchen Umweltbedingungen waren sie ausgesetzt?“, skizziert Pramstaller die zentralen Fragen. Antworten darauf kann ihm Ötzi geben. Durch den Eismann haben die Menschen der ausgehenden Jungsteinzeit erstmals Gestalt angenommen. 1,60 Meter groß, 50 Kilogramm schwer, dunkelbraunes Haar und blaue Augen – so sah Ötzi aus. Wahrscheinlich gehörte er zum „Tamins-Carasso-Isera 5-Clan“, der ersten eigenständigen Kulturgruppe der Alpen.

Während seines Lebens zog er durch halb Südtirol – darauf deuten die Hölzer seiner Ausrüstungsgegenstände und die Analyse von Pollen hin. Wo ihn Zipperlein plagten, ließ sich Ötzi tätowieren, insgesamt über 50-mal. Ob an Lendenwirbelsäule und Knie, Achillessehne und Sprunggelenk: feine Schnitte, die mit Holzkohle eingerieben wurden, sollten wohl den Schmerz lindern. Für Notfälle hatte er eine Reiseapotheke bei sich: Auf zwei Fellstreifen waren Stücke eines Pilzes aufgefädelt, der eine antibiotische und blutstillende Wirkung hat. „Der Mann aus dem Eis öffnet ein Fenster in die Vergangenheit – und stellt sie in den Dienst der Zukunft“, sagt Pramstaller. Wenn die Forschungsansätze aus Oxford halten, was sie versprechen, könnte man in naher Zukunft auch Ötzis Zellkern-DNA analysieren – und Auszüge seiner Krankenakte mit jenen der untersuchten Bergbauern des Vinschgau vergleichen.

Schon jetzt haben die Wissenschaftler mehr aus Ötzis Erbgut herausgelesen, als ihm wahrscheinlich lieb gewesen wäre. Denn bei der Untersuchung der mitochondrialen DNA stieß der italienische Anthropologe Rollo auf zwei Mutationen: 9055A und 11719A. Sie deuten auf eine eingeschränkte Spermienmobilität hin. Will heißen: Ötzi könnte unfruchtbar gewesen sein.

Schon einmal, kurz nachdem der Mann aus dem Eis geborgen worden war, wurde ihm seine Männlichkeit abgesprochen. Weil die steinzeitliche Scham so verdörrt und verschrumpelt ist, dass man sie mit bloßem Auge kaum erkennen kann, behaupteten böse Zungen, Ötzi sei kastriert worden. Erst eine Spurensuche unter dem Vergrößerungsglas brachte die Ehrenrettung.

Die neue Erkenntnis, dass Ötzi möglicherweise keine Kinder zeugen konnte, ist ein weiterer Schlag unter die Gürtellinie – und schürt die Spekulationen um das Schicksal des Steinzeit-Mannes. Denn nach wie vor ist unklar, warum der Greis – mit seinen 45 Jahren war Ötzi ein betagter Zeitgenosse – ermordet wurde. Zweifelsohne war der Mann mit der Bärenfellmütze und dem Ziegenhaarmantel hoch angesehen. Schließlich trug er ein Beil mit Kupferklinge bei sich, das damals nur gut ausgerüstete Krieger besaßen. Doch unfruchtbar und ohne den Rückhalt eines eigenen Clans wäre er den Launen der Gemeinschaft schutzlos ausgeliefert gewesen. Vielleicht war ein Gerangel in der Dorfhierarchie ausgebrochen, vielleicht stritten sich die Steinzeitler um Vorräte oder die Verteilung von Gütern. Wie auch immer: Ötzi könnte ein ausgestoßener Einzelgänger gewesen sein, der ins Hochgebirge flüchtete und dort getötet wurde, spekuliert Anthropologe Rollo.

Die Südtiroler Ötzi-Forscher Egarter Vigl und Peter P. Pramstaller wollen es allerdings nicht so recht glauben, dass ihr Schützling in Sachen Fortpflanzung versagt haben soll. Und selbst Rollo relativiert: „Wir haben zwar die Gen-Mutationen gefunden. Die moderne Medizin aber ist sich nicht sicher, ob sie wirklich zu Unfruchtbarkeit führen.“

So bleibt die Hoffnung, eines Tages einen Ötzi IV zu finden – einen echten Nachfahren der legendären Gletschermumie. ■

Bettina Gartner

Ohne Titel

• Ötzi wurden rund 100 Proben entnommen – er ist der wohl am besten untersuchte Mensch aller Zeiten.

• Mit Hilfe der Stereolithographie haben die Wissenschaftler ein plastisches Modell von Ötzis Schädel aus Acrylharz hergestellt.

• Die DNA der Mumie konnten die For-scher noch nicht entschlüsseln, denn das Erbgut in den Zellkernen ist stark zerstört.

COMMUNITY LESEN

Kompakte Lektüre rund um den Eismann:

Angelika Fleckinger

ÖTZI, DER MANN AUS DEM EIS

Folio, Wien/Bozen 2002, € 10,60

Zur Konservierung der Gletschermumie (auf Englisch, mit Zusammenfassungen auf Deutsch und Italienisch):

Marco Samadelli (Hrsg.)

THE CHALCOLITHIC MUMMY

In Search of Immortality

Volume 3, Schriften des Südtiroler Archäologiemuseums

Folio, Wien/Bozen 2006, € 28,–

TIPP

Den echten Ötzi können Sie besuchen im

Südtiroler Archäologiemuseum

Museumstraße 43

39100 Bozen

Italien

Tel.: 0039/0471/320100

E-Mail: 0museum@iceman.it

www.iceman.it

Ohne Titel

• Am 19. September 1991 um 13.30 Uhr wurde Ötzi am Tisenjoch vom Ehepaar Erika und Helmut Simon aus Nürnberg entdeckt.

• 4 Tage dauerte die Bergung der Leiche: Am 23. September 1991 wurde sie um 12.37 Uhr freigelegt.

• ST 13 UT 6407/91 – unter dieser Aktennummer wurde der Fall Ötzi als „Strafverfahren gegen unbekannte Täter“ von der Staatsanwaltschaft registriert. Im Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Innsbruck trug Ötzi die Nummer 619/91.

• Um die „Staatszugehörigkeit“ des Eismannes zu klären, wurde die Grenze zwischen Italien und Österreich neu vermessen. Das Ergebnis: Ötzi lag 92,56 Meter weit auf italienischem Gebiet.

• Anhand von C14-Untersuchungen an Knochen und Beifunden wurden die Eckdaten von Ötzis Leben ermittelt: 3350 und 3100 vor Christus.

• Ötzi hätte heute Schuhgröße 38.

• Ein Vorzeigegebiss hatte der Mann aus dem Eis nicht: Eine 4 Millimeter breite Lücke klaffte zwischen seinen Schneidezähnen.

• Am 16. Januar 1998 wurde Ötzi in einem Kühlwagen von Innsbruck nach Bozen gebracht – eskortiert von 1 Hubschrauber und 7 Polizeiwagen.

• Heute liegt Ötzi im Bozner Archäologie-Museum hinter 8 Zentimeter dickem Panzerglas.

• Die Pfeilspitze in Ötzis linker Schulter wurde am 28. Juni 2001 vom Radiologen Paul Gostner entdeckt: Sie steckt 15 Millimeter von der Lunge entfernt in den Weichteilen.

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