Ötzis Kollege aus der Schweiz - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Ötzis Kollege aus der Schweiz

In den Berner Alpen wurde eine 4700 Jahre alte Lederhose gefunden. Die Eidgenossen wittern eine Sensation: Liegt auf dem Schnidejoch vielleicht auch eine Gletschermumie?

Die Parallelen fallen ins Auge: Ein Schweizer Ehepaar findet bei einer Wanderung am Rande eines Eisfeldes einen undefinierbaren, seltsam aussehenden Fetzen und bringt ihn zur Berner Antikenbehörde. Dort entpuppt sich der Fund als Pfeilköcher aus zusammengenähter Birkenrinde – 4700 Jahre alt. Ähnlich fing die archäologische Sensationsgeschichte um den Ötzi aus den italienischen Alpen an.

Der Schweizer Glücksfall hatte mit einer Hüttenwanderung des Ehepaares Leuenberger aus Thun im Herbst 2003 begonnen, die sie über das 2756 Meter hohe Schnidejoch führte. Eine Aussicht, die dem weiblichen Part des Paares anfangs wenig Freude bereitete: „ Ich bin nicht gern auf Gletschern“, erzählt Ursula Leuenberger. Doch ihre Sorge war unbegründet, denn das namenlose Eisfeld zwischen dem Wildhorn und dem Schnidejoch war nach dem Hitzesommer 2003 so geschrumpft, dass der Weg nur über Geröll führte.

An einer Stelle, an der das Eis erst vor Kurzem geschmolzen war, entdeckte die Wanderin („Ich bin von Natur aus neugierig“) einen dunklen Gegenstand. Obwohl ihr Mann abriet, schnallte sie den eigenartigen Klumpen auf ihren Rucksack und übergab „das Ding“ im Berner Historischen Museum der Konservatorin Sabine Schreyer. Sie sei „ganz kribbelig“ geworden, erzählte diese später, als sie erfuhr, dass die Bergwanderin den Fetzen – einen prähistorischen Köcher – am Rande eines Eisfeldes gefunden hatte. Liegt da oben vielleicht irgendwo ein Schweizer Kollege von Ötzi?

Beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern wurde der Fund einer Radiokarbon-Messung unterzogen. Sie erbrachte mit der Datierung 2700 vor Christus ein Resultat, das nun auch die Archäologen „himmelhoch jauchzen ließ, mindestens 2756 Meter hoch“ , sagt Peter Suter, der Chef der ur- und frühgeschichtlichen Abteilung der Kantonsarchäologie Bern. Um nicht ungebetene Schnüffler auf die Spur zu bringen, verordnete das Amt Schweigen und machte sich 2004 und 2005 selbst auf die Suche. „Wir sind jede Woche ein- bis zweimal in den Bergen gewesen“, resümiert Suter.

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Über 300 Artefakte brachten die Archäologen von ihrer Spurensuche am Rande des Eises zwischen Thuner See und Rhônetal mit:

• steinzeitliche Kleidungsstücke und Pfeil-Fragmente,

• mehrere Gewandnadeln (Fibeln) aus der Bronzezeit,

• zahlreiche Schuhnägel, Reste eines wollenen Tunikagürtels und eine Fibel aus römischer Ära,

• Schuhreste aus dem Mittelalter.

Vor allem die steinzeitlichen Stücke aus organischem Material haben es den Archäologen angetan. Denn die Holz-, Leder- und Textilreste konnten nur überdauern, weil sie vor knapp 5000 Jahren sehr schnell vom Eis „eingesargt“ und jetzt nach dem Wegtauen des Gletschereises rasch gefunden wurden. „Je nach Größe der Stücke“, weiß Suter, „hält sich so altes organisches Material, wenn es frei liegt, nur ein bis zwei Wochen.“

Das Suter-Team sammelte bei seiner Suche auf dem Pass zwei weitere Teile des Birkenrinde-Köchers ein. Eines davon enthielt zwei Feuerstein-Pfeilspitzen. Ein größeres Stück Bastgeflecht könnte von einem Umhang stammen, wie ihn sich Ötzi ganz ähnlich um die Schultern legte. Und wie der Wanderer aus den italienischen Alpen trug auch der Steinzeit-Schweizer eine mit Lindenbast zusammengenähte, mit einem Flicken reparierte Lederhose.

Aus den vielen anderen Lederstückchen rekonstruierten die Wissenschaftler einen neolithischen Schuh samt Schnürband und Ösen. „Insgesamt haben wir Fragmente von mehr als zwei Schuhen“, berichtet Suter – Ersatz-Mokassins für den Schweizer Ötzi, Relikt eines Wegbegleiters? Oder gab es noch andere Alpen-Überquerer? Und: Wo ist er, wo sind sie geblieben? Schuhe und Hose legt man nicht einfach so ab. Fragen, die Suter noch nicht beantworten kann.

Die für die Schweiz einmaligen Funde aus der Vorgeschichte belegen – für den gesamten mitteleuropäischen Raum – zweierlei:

• Es gab in den letzten 5000 Jahren immer wieder Klimaschwankungen in den Alpen.

• Schon die steinzeitlichen Europäer waren sehr mobil.

Untersuchungen Suters an prähistorischen Seeufersiedlungen bestätigen Klimaschwankungen, „wie sie auch von den maßgeblichen Schweizer Klimaarchiven für das Berner Bergland nachdrücklich belegt sind“. Vom 3. vorchristlichen Jahrtausend bis 1750 vor Christus lagen die Temperaturen in den Alpen bis zu zwei Grad über den heutigen. So konnten die Bewohner der Zentralschweiz den Schnidepass in der ausgehenden Steinzeit ab 2000 vor Christus und der frühen Bronzezeit nutzen, um direkt ins Rhônetal zu kommen.

Nach 850 vor Christus sanken die Temperaturen abermals, die Gletscher stießen vor, der Pass wurde unpassierbar. Das ab 150 vor Christus wieder wärmere Wetter nutzten die Römer, um eine – vermutlich militärische – Verbindung vom Berner Oberland über das Schnidejoch bis nach Norditalien einzurichten. Nach einer kurzen Kaltzeit herrschte im mittelalterlichen 14. und 15. Jahrhundert ein stabil freundliches Wetter, das wiederum zur Alpenüberquerung genutzt wurde. Doch schon im 16. Jahrhundert verschloss der Gletscher das Schnidejoch erneut – der Passübergang geriet in Vergessenheit. Der heutige Wanderweg über den nun wieder eisfreien Pass wurde erst im letzten Jahr eingerichtet.

Was die Mobilität der Menschen in der Steinzeit betrifft, so gab bereits Ötzi Auskunft über ihre Wanderlust. Seine Steinmesserklinge zum Beispiel stammte aus den Lessinischen Alpen Norditaliens – er trug es im 4. Jahrtausend vor Christus nach Tirol. Die Forscher sprechen ungern von gezieltem Handel, die unzähligen archäologischen Funde der letzten Jahre belegen aber: Der Warenaustausch über weite Strecken war in der mitteleuropäischen Steinzeit kein Zufall mehr.

Die Alpen waren dabei kein Hindernis, die Schweizer Funde zeigen es abermals. Mit den Waren wanderten Ideen – und Menschen. „Einen ‚Schnidi‘ haben wir noch nicht gefunden“, sagt Steinzeitforscher Peter Suter. Aber natürlich wird er weitersuchen. ■

Michael Zick

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