Kurt Schumacher stirbt Orare et piscari - wissenschaft.de
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Kurt Schumacher stirbt

Orare et piscari

Bei hohen Niederschlägen fließt das Wasser vom Tiefen See über die Wassertreppe in ein Überlaufbecken im Kloster. Foto: Carmen Fischer.

Malerisch liegt das Zisterzienserkloster Maulbronn heute inmitten von Weinbergen, zahlreichen Weihern und im Wald verästelten Wasserwegen. Die „Kulturlandschaft“ um das Kloster zeugt vom jahrhundertelangen Bemühungen der Mönche, sich ihre Unabhängigkeit von der Welt zu bewahren und die Benediktinerregel „laborare“ (lat. arbeiten) strikt mit körperlicher Arbeit auszulegen, um Felder und Äcker zu bewirtschaften. Einzigartig ist das im 12. Jahrhundert groß angelegte Teich- und Grabensystem des Klosters, das bis zur Auflösung des Klosters als Rückgrat der Bewirtschaftung diente.

Im Jahr 1143 zogen zwölf Mönche unter Abt Dieter aus dem elsässischen Kloster Neuburg bei Hagenau nach Osten, um ein neues Zisterzienserkloster in Eckenweiher zu gründen. Der noch junge Mönchsorden hatte klare Vorstellungen davon, welche Bedingungen der neue Standort für ein Zisterzienserkloster zu erfüllen hatte: Er sollte nicht zu nahe an Ortschaften und Fernstraßen gelegen, mit Wasser gut versorgt und mit landwirtschaftlichen Nutzflächen ausgestattet sein. Diese Voraussetzungen traf der Konvent in Eckenweiher offenbar nicht an. Rasch suchte er deshalb nach einem neuen Ort für das Kloster und fand ihn im sechs Kilometer entfernten Maulbronn.

Als die Zisterzienser das Gebiet um das heutige Kloster Maulbronn im Jahr 1147 in ihren Besitz nahmen, konnten sie schon bald Wein- und Ackerbau sowie Viehzucht betreiben. Die Mönche, die ein Leben des Gebets, der Lesung und der Arbeit führen wollten, mussten in dieser wirtschaftlichen Gegend allerdings zuerst die Wasserversorgung garantieren. Dies allerdings bedurfte beträchtlicher Anstrengungen. Ein ausgedehntes Kanalsystem musste geschaffen werden, um Quellen aus der Umgebung in das Maulbronner Tal zu lenken. Die Wasserdurchspülung der Klosteranlage benötigten die Zisterzienser für Latrinen, Abfallbeseitigung, Küche, Stallungen, Mühlenbetrieb, Kelterei, Handwerksbetriebe und die Fischzucht. Den Wasserlauf der Salzach fassten die Zisterzienser innerhalb der Klostermauern als Kanal, der Abwässer und Abfälle aufnehmen konnte und der das Kloster bis heute durchfließt.

Ebenfalls wurden neue Teiche angelegt, die Wasser für regenarme Zeiten speichern und zugleich der Fischzucht dienen sollten. Dafür wurde ein Netz von 20 Stauseen und Weihern stufenweise im Tal der Salzach übereinander angelegt. Von den Seen und Weihern sind heute nur noch drei – Tiefer See, Roßweiher und Aalkistensee, vollständig erhalten.

Die Fischerei in den Binnengewässern war im Mittelalter wegen der zahlreichen Fastentage sehr wichtig, denn Fisch galt als Fastenspeise. Bei bis zu 150 Fastentagen im Jahr spielte der Fisch daher eine nicht uninteressante Rolle. Oft reichte der Fischbestand aus den natürlichen Gewässern allerdings nicht aus, um die die Bevölkerung mit Fischen zu versorgen. Das Kloster Maulbronn ging wie viele andere Klöster deshalb dazu über, Fische in seinen Weihern zu züchten. Aale, Hechte, Rotaugen und Karpfen wuchsen in den Klosterteichen heran, um abgefischt und im Dorf verkauft zu werden.

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Fische waren aber auch im Zisterzienserkloster ein wichtiger Bestandteil der Mahlzeiten – nicht nur während der Fastentage, denn die Mönche lebten nach dem Gebot der völligen Fleischabstinenz, und Fisch wurde nicht als Fleisch angesehen. Der Tiefe See in Maulbronn wurde zum Beispiel schon seit Mitte des 12. Jahrhunderts als Fischteich zur Zucht genutzt. Schnell wurde der Fisch auch zu einem wichtigen Handelsgut, mit dem das Kloster die umliegenden Dörfer belieferte. Sogar bis nach Speyer reichte ein Handelsweg. Die Zisterzienser wurden zu findigen Geschäftsmännern, was den Kirchenmännern harsche Kritik von Seiten der Bevölkerung einbrachte.

Über den Handelsweg zwischen Maulbronn und Speyer wurden überwiegend Karpfen und Aale transportiert. Was die Zucht und den Handel mit Fischen betrifft, so hat das Kloster Maulbronn die Karpfenzucht weiter entwickelt und perfektioniert: Vom Wildkarpfen mit einem vollständigen Schuppenkleid über den Schuppenkarpfen bis hin zum heutigen Spiegelkarpfen, der nur noch wenige Schuppen besitzt, war es aber ein langer Weg. Die Gründe, weshalb man diese begehrten fast schuppenlosen Fische züchtete, waren profan: Um die Zähne der mittelalterlichen Bevölkerung und Klosterherren war es nicht zum Besten bestellt. Speisen sollten deshalb möglichst lange gekocht werden, um das Kauen zu erleichtern und die wenigen noch vorhandenen Zähne zu schonen. Schuppen hätten bei den verkochten Speisen auch nur gestört, denn vom Fisch wurde wirklich alles verwendet. Gräten, Köpfe und Flossen wurden zum Beispiel in den folgenden Tagen ausgekocht und dienten als Basis für eine Fischsuppe.

Weil der Aal, einer der fettreichsten und damit im Mittelalter einer der beliebtesten Fische überhaupt, nun aber nicht in Binnengewässern laichen kann, fanden im 15. Jahrhundert Fischtransporte vom Maulbronner Kloster zum Dom in Speyer statt: Die robusten Karpfen wurde in mit nassem Stroh gefüllten Fässern nach Speyer transportiert und Aale aus dem Oberrhein wurden in Kisten nach Maulbronn rücktransportiert. Dort verblieben im Aalkistensee bis zur Fastenzeit.

Heute wird die Klosteranlage Maulbronn von den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg verwaltet. Zahlreiche Sonderführungen beschäftigen sich mit dem Alltag und dem Wissen der Mönche sowie dem Klosterbau und seinen Symbolen. Am 12. September findet zum Beispiel um 14:30 Uhr eine öffentliche Führung zum Thema „Fischerei im Kloster“ statt (Telefonische Anmeldung nötig). Reinhard Abel erklärt den Besuchern bei seiner Führung Wissenswertes rund um die klösterliche Fischzucht und zeigt ihnen die heutigen wichtigsten Fischarten. Eine Kostprobe rundet den Nachmittag ab. Die Führung kann auch für Gruppen separat gebucht werden. Auf eigene Faust kann man die Wasserwege des Klosters und die Fischzucht auf einem ausgeschilderten Klosterseenpfad entdecken (Dauer ca. 90 Minuten).

Wie die gesamte Klosteranlage wurde auch das Maulbronner Wasserbausystem 1993 von der UNESCO in die Weltkulturerbeliste aufgenommen.

http://www.schloesser-magazin.de http://www.kloster-maulbronn.de

Quelle: Carmen Fischer
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