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Archäologie

Pfahlbau-Reste früher Bauernkultur

Unterwasserarchäologie im Ohridsee. (Bild: Marco Hostettler)

8000 Pfähle im Grund zeugen von einer tief-reichenden Siedlungsgeschichte: Am Ufer des Ohridsees in der südwestlichen Balkanregion standen schon im 5. Jahrtausend v. Chr. Pfahlbauten, geht aus neuen Datierungen hervor. Weitere Einblicke in die Siedlungsgeschichte im Bereich des geologisch ältesten Sees Europas könnten Licht auf die Geschichte der ersten Bauern auf dem Kontinent werfen, sagen die Archäologen. Denn die Balkanregion spielte bei der Ausbreitung der Landwirtschaft in Europa eine Schlüsselrolle.

Besonders berühmt geworden sind die Siedlungen auf Stelzen durch die Rekonstruktionen im Freilichtmuseum von Unteruhldingen am Bodensee. Doch Pfahlbauten standen vom 5. bis zum 1. Jahrtausend v. Chr. auch an den Ufern einiger anderer Seen Europas, wie aus Funden bekannt ist. Die ältesten Überreste gewähren dabei besonders seltene Einblicke in die Lebenswelt zu Beginn der Jungsteinzeit in Europa. Diese Epoche ist besonders spannend, da sie vom Übergang von den Jäger- und Sammler-Kulturen zur bäuerlichen Lebensweise geprägt war.

Wie alt sind die Pfähle aus dem Ohridsee?

Im aktuellen Fall richtet sich der Blick auf einen See im Südwesten des Balkans, der an Albanien und Nordmazedonien grenzt. Berühmt ist der rund 30 Kilometer lange und 15 Kilometer breite Ohridsee bisher vor allem durch seine geologische Geschichte: Er gilt als der älteste See Europas, denn während andere erst gegen Ende der letzten Eiszeit entstanden, existierte er schon vor 1,36 Millionen Jahren. Doch wie sich zeigte, ist der Ohridsee nicht nur geologisch, sondern auch archäologisch spannend: In der Bucht von Ploča Mičov Grad in der Nähe der nordmazedonischen Stadt Ohrid wurden Pfähle im Grund entdeckt. Bislang ging man allerdings davon aus, es handle sich um die Reste einer Siedlung aus der Zeit um 1000 v. Chr.. Doch ein internationales Archäologenteam wollte es nun genauer wissen: Die Forscher unterzogen das teils gut erhaltene Holz dazu dendrochronologischen Untersuchungen und führten Radiokarbondatierungen durch.

Die Analysen von insgesamt etwa 800 Pfählen belegten schließlich eine überraschend tief-reichende und umfangreiche Siedlungsgeschichte in der Bucht von Ploča Mičov Grad: Demnach gab es dort verschiedene Siedlungsphasen, die von der Jungsteinzeit – der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. – bis in die Bronzezeit reichten. Die offenbar intensive und langanhaltende Bautätigkeit erklärt die außergewöhnliche Dichte von Holzpfählen an der Fundstelle: Die Siedlungen wurden gewissermaßen übereinander gebaut, sagen die Archäologen.

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Licht auf eine landwirtschaftliche Schlüsselregion

Wie sie betonen, haben die Befunde weitreichende Bedeutung: „Die präzisen Datierungen der unterschiedlichen Siedlungsphasen von Ploča Mičov Grad stellen wichtige zeitliche Referenzpunkte für eine Chronologie der Prähistorie im südwestlichen Balkan dar“, sagt Co-Autor Albert Hafner von der Universität Bern. Die zeitliche Einordnung ist dabei für die Beurteilung weiterer möglicher Funde besonders wichtig. Denn der Seegrund im Bereich der einstigen Pfahlbausiedlungen birgt eine sogenannte Kulturschicht, geht aus den bisherigen Untersuchungen ebenfalls hervor. Sie ist bis zu 1,7 Meter dick und enthält unter anderem Überreste von geerntetem Getreide, Wildpflanzen und Tieren, die Rückschlüsse auf die Entwicklung der Landwirtschaft und Viehhaltung in der Region geben können, sagen die Wissenschaftler.

Der Fundort ist in diesem Zusammenhang besonders interessant, da die Balkanhalbinsel bei der Ausbreitung der Landwirtschaft in Europa eine geografische Schlüsselrolle eingenommen hat. Man geht davon aus, dass vor mehr als 8000 Jahren die frühen Viehzüchter und Ackerbauern aus Anatolien zunächst in den ägäischen Raum gelangten. Von dort aus bildete dann der Nordwesten eine Übergangsregion bei ihrer Ausbreitung in Mitteleuropa. Auf dem Balkan waren die Neuankömmlinge außerdem mit vergleichsweise kühlen und feuchten Klimabedingungen konfrontiert, was sie zu einer entsprechenden Anpassung der landwirtschaftlichen Praktiken zwang. „Die Wechselwirkungen zwischen dieser revolutionären Innovation und der Umwelt sind bisher weitgehend unbekannt“, hebt Hafner dabei hervor.

Er und seine Kollegen sehen in den Ergebnissen deshalb nun die Grundlage für weitere Untersuchungen – am Ohridsees und darüber hinaus: „Wir wollen das große Potenzial der Region für künftige Forschungen zu den prähistorischen Siedlungen hervorheben“, so Hafner. Denn an Seeufern in Albanien, Nordgriechenland und Nordmazedonien könnten noch einige prähistorische Siedlungsrelikte schlummern. Für deren Erforschung und Erhalt wollen sich die Archäologen nun weiter einsetzen.

Quelle: Universität Bern, Fachartikel: Journal of Archaeological Science, doi: 10.1016/j.jasrep.2021.103107

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