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Museum: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

„Pferd der Demokratie“ oder „Drahtesel“

Für den einen ist das Fahrrad Sportgerät, für den anderen ein Verkehrsmittel: Eine neue Studie befasst sich mit den kulturellen Hintergründen des Fahrradgebrauchs in Deutschland und den Niederlanden.

Die Niederlande gelten heute als Fahrrad-Nation schlechthin. Dabei gehörten sie wie Deutschland zu den Spätzündern der internationalen Fahrrad-Begeisterung am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Urteil radfahrender Engländer, die sich selbst gewissermaßen als die Avantgarde dieses neuen Sports betrachteten und einen der ersten Radfahrverbände der Welt gründeten, hätte vernichtender nicht ausfallen können: Die Landschaft sei langweilig, die Straßen miserabel, und der entsetzliche Gegenwind mache das Radfahren zu einer Tortur. Kurz: Dem Land sei keine große Zukunft mit dem Fahrrad beschieden. Da schon eher noch Deutschland, das zumindest von der Stahlindustrie her eine gute Grundlage habe und als aufstrebende Industrie‧nation auch bei diesem neuen Sport vermutlich nicht hintan‧stehen wolle.

Wie aber kam es zur ungeheuren Popularität des Fahrrads in den Niederlanden? Dass sie keineswegs nur auf geographische Besonderheiten zurückzuführen ist, zeigt der Vergleich mit Deutschland. Das Fahrrad hatte nämlich als „Pferd der Demokratie“ in den Niederlanden einen ganz anderen Status und genoss eine andere Anerkennung als hierzulande der „Drahtesel“.

Hier setzt eine Technikgeschichte an, die ihren Schwerpunkt nicht auf Erfinder und Ingenieure, auf Innovationen und Produktionen legt, sondern den Blick auf die Rolle der Konsumenten und deren kreative Aneignung des technischen Artefakts richtet. Diese Aneignung wird von unterschiedlichen kulturellen und sozialen Interessen gelenkt, verleiht dem Objekt eine je unterschiedliche Bedeutung und hat letztlich auch einen Einfluss auf die Gestalt und die Funktionsweise von Technik. Nationale Eigenheiten und Stile entwickeln sich aus diesem umfassenden Bedeutungsgeflecht heraus.

Sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland galt das Radfahren am Ende des 19. Jahrhunderts als neue, mo‧derne Sportart. Das Fahrrad – liebevoll auch einfach „die Maschine“ genannt – war Ausdruck technischen Fortschritts und demonstrierte in besonderer Weise die menschliche Schaffenskraft und Kontrolle über die Technik. Anders als die Eisenbahn, die ihre Passagiere geradezu verschluckte, um sie dann an anderer Stelle wieder auszuspucken, verkörperte das Fahrrad ein enges, stets kontrolliertes Zusammenwirken von Körper und Technik. Auf dem Fahrrad war man sein „eigener Meister“ und konnte auf der „Fahrt ins Grüne“ das Grau der industrialisierten Städte hinter sich lassen und neue Kraft schöpfen.

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In beiden Ländern übten das Fahrrad und das Radfahren eine besondere Anziehungskraft auf liberale bürgerliche Kreise aus. Das Fahrrad als industriell gefertigtes Massenprodukt galt gleichermaßen als Reaktion wie auch als Antwort auf die moderne Lebensform: Alles musste schneller gehen, der Mensch musste seinen Körper für das hektische Leben der Moderne stählen, und das Fahrrad half wie keine andere Maschine dabei, Körper und Geist zu trainieren, das Leben in erhöhter Geschwindigkeit zu üben und dabei nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen.

Doch obwohl bei den libe‧ralen Radfahrerverbänden in Deutschland und den Niederlanden in diesem Punkt Einigkeit herrschte, so waren doch ihre jeweilige gesellschaftliche Situation und die an das Fahrrad geknüpften Erwartungen grundlegend verschieden. In den Niederlanden bildeten die Liberalen seit Mitte des 19. Jahrhunderts die gesellschaftliche Elite, die jedoch gegen Ende des Jahrhunderts zunehmend unter Druck geriet durch andere politische und soziale Gruppierungen, etwa die „kleinen Leute“ aus dem calvinistischen Milieu, die Katholiken und die Sozialisten. Solchermaßen unter Zugzwang gesetzt, erblickten die niederländischen Liberalen im Fahrrad ein Werkzeug, mit dem sie ihre Werte auch dem aus Sicht der Liberalen renitenten Volk vermitteln konnten.

Wer Rad fahre, argumentierte der niederländische Radfahrerverband ANWB, bis heute der größte Tourismusverband des Landes, erlebe am eigenen Leib die Notwendigkeit und den Genuss liberaler Werte wie Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Selbstkontrolle. Emotionale Ausbrüche, Zusammenrottungen, Trinkexzesse, all diese Hemmungslosigkeiten, denen sich das einfache Volk allzu leicht hingebe, würden durch die Disziplin des Radfahrens bekämpft. Zugleich „erführen“ die Radfahrer auf ihren Touren durch die verschiedenen Regionen der Niederlande die Einheit der Nation und fühlten sich dem eigenen Land auch ganz neu verbunden.

Ganz andere Hoffnungen verbanden hingegen die deutschen Radfahrer mit dem Fahrrad. Sie interessierten sich weniger für die Elemente der Körperbeherrschung beim Radfahren als vielmehr für die Geschwindigkeit. Groß war die Begeisterung, als auf dem Radrennen Wien – Berlin 1893 die ein Jahr zuvor beim Offiziersritt zu Pferde auf derselben Strecke erzielte Zeit weit unterboten wurde. Das Fahrrad sollte den Triumph der Technik manifestieren, das Pferd als Statussymbol der Aristokratie ablösen und damit gleichzeitig die Führungsansprüche des deutschen Bürgertums unterstreichen.

Kein Wunder, dass sich deutsche Radfahrer anders als ihre niederländischen Kollegen weitaus früher für das Automobil interessierten. Schließlich ging es um technischen Fortschritt und gesellschaft‧liche Anerkennung, und als nach der Jahrhundertwende das Fahrrad immer billiger und damit auch immer erschwinglicher für einfache Leute wurde, verlor es aus der Sicht der bürgerlichen deutschen Radfahrer viel von seiner Attrak‧tivität.

Insbesondere der Erste Weltkrieg beschleunigte das Auseinanderdriften der Entwicklungen in beiden Ländern. Aus dem Krieg, von dem man sagt, dass die Soldaten auf Pferden hineinritten und im Panzer hinausrollten, zogen deutsche Verantwortliche die Schlussfolgerung, dass die Zukunft der Motorisierung gehöre. Lange vor Hitlers Autobahnen und dem Volkswagen-Versprechen der Nazis versuchten die deutschen Verkehrsplaner in der Weimarer Republik die Straßen für das Kraftfahrzeug frei zu machen. Das Fahrrad war endgültig zu einem herabgesunkenen Kulturgut geworden. Der „Drahtesel“ gehörte zwar zum wichtigsten Verkehrsmittel der Arbeiter, aber er war längst im verkehrsplanerischen Abseits gelandet, und selbst die deutsche Fahrradindustrie bewertete die Zukunft der Zunft düster.

Ganz anders gestaltete sich die Situation in den Niederlanden. Im Ersten Weltkrieg blieb das Land neutral, und in der angespannten Situation riefen Politiker und Radfahrverbände gleichermaßen die Niederländer auf, „ruhig Blut“ und innere Ausgeglichenheit auf Radtouren zu trainieren. Während dieser Kriegsjahre be‧gann der Aufbau des niederländischen Radfahrwegenetzes, das seit Mitte der 1920er Jahre durch die Einführung einer heißumkämpften Fahrradsteuer mit zunehmender finanzieller Unterstützung durch den Staat rechnen konnte.

Bereits früher, mit der Einführung des ersten landesweiten Verkehrsgesetzes 1906, hatte das Land Zeichen gesetzt: Anders als beim deutschen Reichsverkehrsgesetz von 1909, das ausschließlich dem Verkehr mit Kraftfahrzeugen galt, berücksichtigte das niederländische Gesetz Fahrrad und Automobil gleichermaßen. Zugleich verbot der Gesetzgeber sämtliche Radrennen auf den Straßen: Das Fahrrad hatte fortan als Verkehrsmittel und nicht als Sportmittel zu gelten.

Die holländische Fahrradindustrie, die erst in den 1930er Jahren ihre deutschen und englischen Konkurrenten vom einheimischen Markt verdrängen konnte, entsprach dieser Bedeutung des Fahrrads mit Fabrikaten, die in ihrer Robustheit und Alltagstauglichkeit wenig Möglichkeiten für den Wettkampfsport ließen und den Bedeutungskontext widerspiegelten, in den niederländische Radfahrer das Fahrrad seit der Jahrhundertwende plaziert hatten: Schwere Rahmen, aufrechte Sitzhaltung und gedeckte Farben vermittelten niederländischen Radfahrern und Radfahrerinnen ein Fahrerlebnis, das nicht so sehr Tempo und Spaß, sondern Verkehrstauglichkeit, Selbstkontrolle, Ausgeglichenheit und den Blick für die Umgebung garantieren sollte. Unter diesem Signum trat das Holland-Rad seinen eindrucksvollen Siegeszug an.

Literatur: Anne-Katrin Ebert, Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940. Frankfurt am Main / New York 2010.

Quelle: Dr. Anne-Katrin Ebert
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