Hindenburg als Reichspräsident Phänomen Expressionismus - wissenschaft.de
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Hindenburg als Reichspräsident

Phänomen Expressionismus

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), Gründungsmitglied der Künstlervereinigung „Brücke“ und einer der bedeutendsten Künstler des Expressionismus, hatte prägenden Einfluss auf die Kunst der klassischen Moderne. Das Gesamtwerk des Malers, Grafikers und Bildhauers würdigt das Städel Museum noch bis zum 25. Juli 2010 mit der ersten, über 180 Werke umfassenden Retrospektive in Deutschland seit 30 Jahren. „Ich staune über die Kraft meiner Bilder im Städel“, schrieb Kirchner am 21. Dezember 1925 in sein Tagebuch. Kirchners Beziehungen zum Städel und zu Frankfurt waren eng. In der Frankfurter Galerie Schames fand 1916 nicht nur eine der ersten Kirchner-Ausstellungen überhaupt statt, das Städel war auch eines der ersten Museen, das bereits 1919 Gemälde von Kirchner erwarb.

Aufbauend auf der hauseigenen Kirchner-Sammlung, die mit zahlreichen Hauptwerken zu den bedeutendsten weltweit zählt, präsentiert die Ausstellung anhand hochkarätiger internationaler Leihgaben Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Neben Meisterwerken aus der Brücke-Zeit mit ihren Aktdarstellungen, den Arbeiten aus den Berliner Jahren mit den berühmten Straßenszenen, den vom Ersten Weltkrieg geprägten Gemälden, in denen sich Kirchners Existenzängste spiegeln, sowie den Davoser Arbeiten mit Sujets der Schweizer Bergwelt wird auch das weniger bekannte Früh- und Spätwerk des Künstlers vorgestellt. Die kontrovers diskutierten Arbeiten der Spätzeit im „neuen Stil“, die durch kompromisslose Flächigkeit und einen hohen Abstraktionsgrad überraschen, sind in Frankfurt erstmals in vollem Umfang gemeinsam mit seinen Hauptwerken zu sehen. Die Retrospektive im Städel Museum ermöglicht einen neuen Blick auf die verblüffende Modernität Kirchners, dessen exzessives Leben in seiner Kunst auf unvergleichliche Weise seinen Niederschlag fand.

Zum Auftakt der chronologisch angeordneten Ausstellung gibt eine Gruppe bedeutender Selbstporträts einen Überblick über die unterschiedlichen Lebensabschnitte des 1880 in Aschaffenburg geborenen und 1938 in Frauenkirch-Wildboden bei Davos durch Suizid gestorbenen Künstlers. Dass Kirchner viel mehr war als „nur“ ein Expressionist, kann hier bereits exemplarisch an der großen stilistischen Bandbreite der Werke abgelesen werden. Das nächste Ausstellungskapitel widmet sich Kirchners Frühwerk, das ihn auf der künstlerischen Suche zeigt. Er wählt Elemente aus dem Impressionismus, dem Symbolismus und dem Fauvismus. Van Gogh, Henri Matisse und Edvard Munch sind wichtige Referenzpunkte. Während in Kirchners Gemälde „Fehmarn-Häuser“ von 1908 eine nachimpressionistische und von van Gogh geprägte Malweise anklingt, wird bei vielen Bildern nach der Begegnung mit Werken von Matisse 1909 die innovative Kraft der betonten Fläche zum beherrschenden Element.

Der Einfluss des französischen Meisters zeigt sich auch deutlich in dem Gemälde „Liegende Frau in weißem Hemd“ von 1909 aus der Sammlung des Städel, das in der Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden kann. Da es sich auf der Rückseite des Gemäldes „Nackte Frau am Fenster“ aus dem Jahr 1922/23 befindet, wurde es bisher als wenig bedeutend bewertet. Die doppelseitige Bemalung von Leinwänden zählt zu einer Besonderheit in Kirchners Werk. „Auch ich muss etwas sparen jetzt, und das Material ist sehr kostspielig geworden. Aber die Leinwand hat Gott sei Dank 2 Seiten“, schrieb der Künstler 1919. Dadurch, dass Kirchner die Rückseite nicht, wie er es nannte, „restauriert“, das heißt, später bearbeitet hatte – was häufig vorkam –, gehört „Liegende Frau in weißem Hemd“ zu den wenigen großformatigen Frühwerken, die im Originalzustand erhalten sind. Auch die Signatur zeugt davon, dass das Bild als abgeschlossenes Werk betrachtet werden kann.

Der dritte Teil der Ausstellung fokussiert auf Kirchners expressionistische Werke der Dresdner Jahre. In dieser Zeit entwickelte sich Kirchner zur dominierenden Persönlichkeit der 1905 in Dresden gegründeten Künstlergemeinschaft „Brücke“, der es innerhalb weniger Jahre gelang, an die internationale Avantgarde anzuknüpfen und das Bild des Expressionismus in Deutschland mit ihrer sinnlich-impulsiven Malerei bis heute maßgeblich zu prägen. Im konservativ-akademischen Kunstbetrieb des wilhelminischen Deutschland wirkten nicht nur die expressiven Farben und perspektivisch verzerrten Bildkompositionen provokant, sondern auch die unkonventionelle antibürgerliche Lebens- und Arbeitsweise der Künstlergemeinschaft, die sich dem Ideal einer sinnlichen Harmonie von Leben und künstlerischem Handeln verschrieben hatte. Ihre Modelle, die häufig auch die jeweiligen Lebenspartnerinnen waren, teilten die Künstler genauso wie die Ateliers, in denen sie zusammenkamen, um frei von gesellschaftlichen Zwängen zu arbeiten. Ein Höhepunkt dieser Schaffensphase ist das Gemälde „Akt mit Hut“ (Städel Museum), für das Kirchner nach eigener Aussage die im Städel befindliche „Venus“ von Lucas Cranach d. Ä. als Inspirationsquelle diente. Auf dem Tableau präsentiert Kirchner seine damalige Freundin Dodo nackt – und doch selbstsicher und mondän. Neben Dodo spielen die Darstellungen der achtjährigen Fränzi und der etwas älteren Marcella, die neben einigen anderen Kindern zu den regelmäßigen Besuchern des Kirchner-Ateliers zählten, eine herausragende Rolle. In der Ausstellung werden Bildnisse und Akte der beiden Mädchen, u. a. aus dem Brücke Museum Berlin und dem Moderna Museet in Stockholm, gezeigt. Gleichzeitig wird jedoch auch der Umgang mit den Kindermodellen, deren Unerfahrenheit und Unschuld die Brücke-Künstler faszinierte, kritisch hinterfragt.

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Diese Darstellungen leiten über zu den Zirkus- und Varietémotiven, die durch Exotik und lebendige Farbenpracht bestechen. Das großformatige Hauptwerk „Zirkusreiter“ (Saint Louis Art Museum) kann anlässlich der Frankfurter Retrospektive zum ersten Mal seit 1980 wieder in Europa gezeigt werden. Das Thema des Tanzes als Element von Bewegung, wie es zum Beispiel „Varieté“ (Städel Museum) vorstellt, interessierte Kirchner ein Leben lang und taucht auch in seinem Spätwerk auf.

Der Wechsel von Dresden nach Berlin 1911 bedeutet für Kirchner eine Zäsur: Die neue Umgebung wirkte sich nicht nur motivisch, sondern auch stilistisch auf seine Werke aus. Mit eckigen, spitzen Formen, überlängten Körpern und giftigen fahlen Farben fing er die Nervosität der pulsierenden Großstadt ein. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind aufgeladen. Latent aggressive Begegnungen zwischen Huren und Freiern lösen die friedliche Stimmung der Dresdner Akte ab. Dieses Aufeinandertreffen übertrug Kirchner in seinen Straßenszenen in den öffentlichen Raum. Bis heute gelten diese Bilder vielen als Krönung seines Schaffens. Einen Höhepunkt der Berliner Jahre bildet in der Ausstellung – neben einem Raum mit Straßenszenen (u. a. Museum of Modern Art, New York), Aktdarstellungen wie „Toilette vor dem Spiegel“ (Centre Pompidou, Paris) oder dem Werk „Zwei gelbe Akte mit Blumenstrauß“ (Bündner Kunstmuseum, Chur) – das mit ca. 196 x 350 cm monumentale Triptychon „Die Badenden“. Das Triptychon konnte für die Ausstellung erstmals nach Kirchners Tod wieder mit Leihgaben aus Privatbesitz, dem Kirchner Museum Davos sowie der National Gallery Washington zusammengeführt werden. Kirchner selbst bezeichnet es als eines seiner stärksten Werke.

Die künstlerisch fruchtbare Zeit der Berliner Jahre erfuhr durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen tiefen Einschnitt. Auf die schreckliche Realität des Krieges reagiert Kirchner mit Angst und innerer Zerris-senheit. Seine beim Militär gemachten Erfahrungen und Existenzängste thematisierte er in Gemälden wie „Soldatenbad“ (Guggenheim Museum, New York) sowie in der Holzschnittfolge zu „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ (Städel Museum), einer der bedeutendsten druckgrafischen Arbeiten des 20. Jahrhunderts. Nach physischen und psychischen Zusammenbrüchen erholte sich Kirchner im Sanatorium in Königsstein im Taunus. Werke wie „Westhafen in Frankfurt am Main“ (Städel Museum) oder „Autostraße im Taunus“ (Privatbesitz) entstanden in dieser Zeit. In Frankfurt sollte Kirchner auch wichtige Förderer seines Werks finden: Nicht nur sein Galerist Ludwig Schames, auch einige seiner wichtigsten Sammler lebten hier. Zu ihnen gehörte der Chemiker Carl Hagemann, dessen Sammlung zeitgenössischer Kunst damals zu einer der umfangreichsten zählte. Der Kirchner-Bestand im Städel geht in großen Teilen auf diese Sammlung zurück, die dem Museum nach dem Zweiten Weltkrieg von den Erben als Geschenk bzw. Dauerleihgabe übergeben wurde.

Von der Kriegszeit zerrüttet kommt Kirchner 1917 zu einem Erholungsaufenthalt nach Davos und bleibt dort bis zu seinem Tod 1938. Ursprünglich als rein temporärer Rückzugsort gedacht, entwickeln sich die Schweizer Alpen rasch zu einer wichtigen Quelle künstlerischer Inspiration. Nicht mehr die pulsierende Großstadt, sondern die majestätische Landschaft der Berge und die dort erlebte bäuerliche Lebenswelt fungieren fortan für ihn als künstlerische Herausforderung.

Den Abschluss der Ausstellung markiert Kirchners seit Mitte der 1920er-Jahre entwickelter „neuer Stil“. Eine vollkommen gewandelte, von Rosa-, Braun- und Lavendeltönen bestimmte Farbpalette fordert die ästhetische Wahrnehmung des Betrachters. Bemerkenswert ist, dass sich der Künstler, wie in seinem Frühwerk, vor allem durch französische Kunst inspirieren lässt. Die geschwungenen Formen und geometrisch abstrahierten Figuren erinnern häufig an Picasso. Kirchners erneuter Stilwandel, den er selbst stets als Weiterentwicklung betrachtete, stieß bei seinen Anhängern auf wenig Verständnis. Bis in unsere Gegenwart reagieren Kritik und Publikum mitunter irritiert auf diese „postexpressionistische“ Werkphase.

Den vehementesten Angriff auf seine Kunst erlebte Kirchner 1937 durch die von den Nationalsozialisten eingeleitete Aktion „Entartete Kunst“, in deren Rahmen über 600 Werke Kirchners aus deutschen Museen verschwanden. Auch das Städel verlor damals alle Werke Kirchners. Seit Mitte der 1930er-Jahre hatte sich auch der körperliche Zustand des Künstlers wieder verschlechtert. Kirchner konsumierte erneut größere Mengen an Beruhigungsmitteln, auch gegen seine zunehmenden Depressionen. Als im März 1938 die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschierte und damit etwa 20 Kilometer Luftlinie vor Davos stand, zerstörte Kirchner einen Teil seiner Werke – wohl aus Angst, sie könnten den Deutschen bei einer Besetzung in die Hände fallen. Am Morgen des 15. Juni 1938 setzte Kirchner seinem Leben nahe seinem Haus mit zwei Schüssen ins Herz ein Ende.

In den vergangenen 30 Jahren haben zahlreiche Ausstellungen zu Einzelthemen in Ernst Ludwig Kirchners Œuvre die kunsthistorische Forschung um wichtige Ergebnisse bereichert. Nun bietet die umfangreiche Retrospektive im Städel Museum die Gelegenheit, diese zusammenzuführen und um neue Erkenntnisse zu ergänzen. Die Ausstellung wirft einen kritischen Blick auf die Künstlerfigur – mit all ihren Widersprüchen – und führt die Faszination des stilistischen Reichtums von Kirchners Arbeiten ebenso vor Augen wie dessen ungeheure gestalterische Kraft und verblüffende Modernität.

Katalog: Zur Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag ein umfangreicher, von Felix Krämer herausgegebener Katalog, der vor allem jüngere Positionen zur Kirchner-Forschung präsentiert.

Quelle: Sädel Museum
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