Pharaonenmord mit literarischen Folgen - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Pharaonenmord mit literarischen Folgen

Der Ägyptologe Ludwig Morenz hat sich mit einer mysteriösen Geschichte aus dem Reich am Nil beschäftigt. (Bild: Barbara Frommann/Uni Bonn)

Der unantastbare Pharao wurde ermordet! In einem ungewöhnlichen Stil verfasste Quellen berichten von einem Attentat auf den Pharao Amenemhet I. vor 4000 Jahren. Sind sie verlässlich und mit welchen Motiven wurde sie verfasst? Einem Ägyptologen zufolge handelte es sich um Literatur zur Bewältigung des Schocks, den das reale Mordereignis bei den Ägyptern des Mittleren Reichs ausgelöst hat.

Sie werden als „Lehre des Amenemhet“ und die Sinuhe-Dichtung bezeichnet: Diese beiden Werke sind uns aus altägyptischer Zeit überliefert und werden auf eine Entstehungszeit von vor 4000 Jahren datiert. Beide erwähnen die Ermordung des Pharao Amenemhet I., der das Reich am Nil im 20. Jh. v. Chr. beherrschte. Der Ägyptologe Ludwig Morenz von der Universität Bonn bezeichnet diese Werke als „schöne Literatur“: Sie sind in einem Stil geschrieben, der in dieser Zeit erstmals auftauchte. „Bereits vorher wurden poetische Texte verfasst – etwa Hymnen oder Litaneien, die dem Götter- oder Totenkult dienten“, sagt Morenz. Es gibt aber keine früheren Belege für Literatur, die eher der Erbauung gewidmet war – die Ägypter nannten dies „Erheiterung des Herzens“.

Was hat es mit diesen Werken auf sich?

Wie diese Werke einzuschätzen sind, gilt unter Ägyptologen als umstritten. So ist etwa unklar, ob Pharao Amenemhet I. tatsächlich einem Attentat zum Opfer gefallen ist und aus welchen Motiven die Werke entstanden sind. Denn aus anderen Quellen ist nur wenig über diesen Herrscher bekannt. In der Form einer Buchveröffentlichung hat sich Morenz nun erneut mit dem Thema „schöne Literatur“ und dem Fall Amenemhet I. auseinandergesetzt.

Zur Frage, ob sich die Wissenschaft sich auf „schöne Literatur“ – wie die „Lehre des Amenemhet“ und die Sinuhe-Dichtung als historische Quellen stützen darf, sagt Morenz: „Was in einem bestimmten Denkrahmen eigentlich nicht vorstellbar ist, kann nur schwer ersonnen werden. Man hätte wahrscheinlich nicht über den Pharaonenmord geschrieben, wenn es ihn nicht tatsächlich gegeben hätte“, meint der Ägyptologe. Man müsse in diesem Zusammenhang bedenken, dass die Pharaonen als weltliche Herrscher und Götter zugleich galten und damit quasi als unantastbar. „Es ist anzunehmen, dass im Mittleren Reich ein Königsmord noch als unvorstellbar galt“, sagt Morenz. „Wie sollte ein Attentat auf ein göttliches Wesen möglich sein?“

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Dass dies offenbar doch geschehen konnte, rüttelte an den Grundfesten der damaligen Herrschaftselite und löste eine gesellschaftliche Krise aus, vermutet der Ägyptologe. Ihm zufolge ist ein Hinweis auf diesen Effekt, dass in der „Lehre des Amenemhet“ erstmals eine altägyptische Wortneuschöpfung auftaucht, die „Attentat“ bedeutet. „Die Ungeheuerlichkeit des Ereignisses wird durch diesen neuen Begriff unterstrichen“, so Morenz.

Aufarbeitung des Traumas

Wie er erklärt, war es vermutlich wichtig, die Herrschaft nach diesem Einschnitt zu festigen. Seiner These zufolge dienten die ungewöhnlichen Texte genau diesem Zweck. „Die schöne Literatur könnte nach dem Königsmord als Therapie einen entspannten Raum für Diskurse geschaffen haben, der von den Eliten gesteuert wurde“, sagt Morenz. Angesicht der Krise sollten diese Texte wahrscheinlich die Herrschaft von Sesostris I. – des Sohnes und Nachfolgers des Ermordeten festigen. In der „Lehre des Amenemhet“ wendet sich der getötete Herrscher in einer direkten Ansprache an seinen Sohn: „Siehe, das Attentat geschah, als ich ohne dich war“, heißt es dort. Dabei wurde das außergewöhnliche Szenario entworfen, dass der Ermordete selbst aus dem Jenseits heraus spricht und „die Wahrheit“ verkündet.

Am Ende bleibt die Frage, welche Motive hinter dem Attentat auf Amenemhets I. gestanden haben könnten. Morenz verweist in diesem Zusammenhang auf Quellen, die darauf hindeuten, dass es während der Herrschaft Amenemhets I. zu Unruhen gekommen ist: „Solche instabilen Lagen können die Grundlage für Rivalitäten sein, aus denen Machtansprüche erwachsen.“ Konkrete Anhaltspunkte zu den Hintergründen der Tat gibt es aber nicht. „Wahrscheinlich sind die Verschwörer umgebracht und geächtet worden“, vermutet der Ägyptologe.

Quelle: Universität Bonn, Originalpublikation: Ludwig D. Morenz: Trauma und Therapie? Die Schöpfung der schönen Literatur als eine kulturpoetische Bewältigung des Königsmordes an Amenemhet I.?, EB-Verlag Dr. Brandt, Berlin 2020

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