Das Kloster Noravankh und die Fürsten Orbelian Physiognomie einer fixen Idee - wissenschaft.de
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Das Kloster Noravankh und die Fürsten Orbelian

Physiognomie einer fixen Idee

Mit der Ausstellung »Schillers Schädel — Physiognomie einer fixen Idee« präsentiert die Klassik Stiftung Weimar ein Resümee der Forschungen um Schillers Schädel. Ihr Ausgangspunkt ist das Projekt »Der Friedrich-Schiller-Code«, das der Mitteldeutsche Rundfunk Landesfunkhaus Thüringen 2006 initiierte und bis 2008 gemeinsam mit der Klassik Stiftung Weimar durchgeführt hat.

Die Ausstellung behandelt die über zwei Jahrhunderte wirkmächtige »fixe Idee«, die Echtheit der prominenten Dichterreliquie wissenschaftlich zu bestätigen. Heute ist Schillers Sarg in der Fürstengruft leer: Umfangreiche DNA-Analysen haben bewiesen, dass keiner der beiden mutmaßlichen Schiller-Schädel tatsächlich dem Dichter zugeschrieben werden kann.

Die Umstände der Bestattung, Bergung und Umbettung von Schillers sterblichen Überresten hatten früh Zweifel an ihrer Identität entstehen lassen. Zugleich nährte die besondere Rolle, die Schiller, beginnend schon zu Lebzeiten, erst recht aber nach seinem Tod als »Dichter der Deutschen« und Identifikationsfigur spielte, das Verlangen nach einem wirklichkeitsnahen Bild des Verewigten. Dabei reicht die Spannweite vom ewig jugendlichen Idealbild bis hin zur scheinbar naturalistischen Totenmaske.

Der Titel der Ausstellung, die von Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, konzipiert wurde, verwendet den Begriff der fixen Idee. Damit wird einerseits auf die »idée fixe«, das Leitmotiv, verwiesen, das durch Hector Berlioz in seiner »Symphonie fantastique«, die den Untertitel »Episoden aus dem Leben eines Künstlers« trägt, benutzt wurde, um damit das immer wiederkehrende musikalische Motiv zu bezeichnen. Andererseits findet der Begriff seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der sich entwickelnden klinischen Psychologie Verwendung. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner hat im psychologischen Teil seines Hauptwerks »Beiträge zu einer Kritik der Sprache« die Beschreibung des Krankheitsbildes geliefert: „Es ist am bequemsten, die fixe Idee eine Aufmerksamkeit zu nennen, die sich allein durch den höchsten Grad und durch die Dauer von der gespannten Aufmerksamkeit gesunder Menschen unterscheidet. […] wer eine fixe Idee hat, der stellt sich gewöhnlich nichts Unsinniges vor, sondern wendet nur einer an sich möglichen oder gar richtigen Idee eine krankhaft gesteigerte Aufmerksamkeit zu. Die Krankheit liegt also im Grade.“ Das ursprüngliche Interesse an Schillers Schädel mag verständlich sein, die anhaltende Obsession, mit der die Öffentlichkeit diesem Interesse in 200 Jahren bis in alle Aporien und Absurditäten hinein nachgegangen ist, zwingt dazu, dieses Interesse als eine krankhaft fixierte Idee im Horizont der deutschen Kulturgeschichte zu interpretieren. Eben dies ist die These der Ausstellung.

Mit ihrer Entscheidung, das vom Mitteldeutschen Rundfunk Landesfunkhaus Thüringen initiierte Forschungsprojekt zu unterstützen, bekannte sich die Klassik Stiftung zu ihrer kuratorischen Verantwortung für die in der Fürstengruft bewahrten Relikte ebenso wie zur Verpflichtung der Aufklärung, das, was man wissen kann, auch wissen zu wollen: sapere aude! Die Ausstellung stellt nun die wissenschaftsgeschichtlichen Facetten der Forschung über den Schiller-Schädel und die Ergebnisse des jüngsten Forschungsprojektes einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion.

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Die Ausstellung, die in drei Räume gegliedert ist, präsentiert Exponate, die es erlauben, die historischen Etappen der krankhaft gesteigerten Aufmerksamkeit historisch zurück zu verfolgen. Am Anfang stehen die sich widersprechenden Resultate der anthropologischen und der molekulargenetischen Untersuchungen, die der zwischen 2006 und 2008 entstandene Dokumentarfilm des Mitteldeutschen Rundfunks Landesfunkhaus Thüringen »Der Friedrich-Schiller-Code« (Regie: Dr. Ute Gebhardt) dokumentiert. Die beiden anschließenden Räume zeigen die über zweihundertjährige Geschichte der Auseinandersetzung mit Schillers Schädel bis zu ihrem Ursprung: Von der Gesichtsrekonstruktion des sowjetischen Anthropologen Gerassimow (1961) über die Bergung der Gebeine durch den Weimarer Bürgermeister Schwabe (1826) bis zum 9. Mai 1805, dem Todestag Friedrich Schillers.

Von Schillers Schädel ging eine Faszination aus, in der das Interesse am Dichtergenie mit einem säkularisierten Reliquienkult verschmolz. Galt der Schädel bald nach Schillers Tod als Ausdruck der idealisierten Charakter- und Geistesqualitäten des Dichters, so bemühte sich in der Folge die Anthropologie mit zunehmend verfeinerten metrischen Methoden, den authentischen Schädel zu identifizieren und das Aussehen des Dichters möglichst exakt zu rekonstruieren.

Seit man 1826 auf der Suche nach Schillers sterblichen Überresten einen Schädel und ein Körperskelett aus dem Chaos verfallener Särge und verstreuter Knochen im Weimarer Kassengewölbe geborgen und 1827 in die Fürstengruft umgebettet hatte, stand dort ein Schiller-Sarkophag, von dem sich nicht mit letzter Sicherheit sagen ließ, ob er tatsächlich die Gebeine des Dichters enthielt. Wiederholte anthropologische Untersuchungen im 19. und 20. Jahrhundert kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Seit ihren ersten Auseinandersetzungen mit dem 1826 geborgenen Schädel hat die Forschung gewaltige Fortschritte gemacht. Sie ist heute in der Lage, von einem Schädel sehr genaue Rückschlüsse auf das Gesicht zu ziehen, das einst zu dem Schädel gehört hat.

Im Fall des Schiller-Schädels standen zahlreiche zu Lebzeiten des Dichters entstandene Porträts sowie die Totenmaske als Vergleichsobjekte zur Verfügung. Die Überlagerung des Schädels mit verschiedenen Porträts Friedrich Schillers zeigte eine gute Übereinstimmung der künstlerisch dokumentierten Gesichtsmorphologie mit den Schädelmerkmalen. Während der in der Fürstengruft verwahrte Schädel aus Sicht der heutigen Anthropologie also sehr gut zu Friedrich Schiller gehören könnte, ergab sich für das Körperskelett ein anderes Bild. Bei der Untersuchung der Gelenkpassung der Knochen zeigte sich, dass es sich um die Knochen von mindestens drei verschiedenen Personen handeln muss.

Die aktuellen anthropologischen Untersuchungen des 1826 aus dem Kassengewölbe geborgenen Schädels ließen es als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass dieser tatsächlich zu Friedrich Schiller gehört. Erst aufwendige DNA-Analysen bewiesen das Gegenteil. Da es heute keine lebenden Nachkommen Schillers gibt, musste, nach sorgfältiger Abwägung ethischer Fragen, das Vergleichsmaterial durch Exhumierungen gewonnen werden. Vergleiche der DNA des vermeintlichen Schiller-Schädels mit den sterblichen Überresten von Schillers Söhnen und Schwestern zeigten keine Verwandtschaft. So konnte erwiesen werden, dass der Fürstengruft-Schädel trotz anderslautender Ergebnisse der Anthropologie nicht der Schädel Friedrich Schillers sein kann.

Im Verlauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts arbeiteten Künstler und Publizisten zunehmend an der Heroisierung Schillers. Je mehr der Dichter zum Heros und Heiligen der Deutschen stilisiert wurde, desto größer musste auch das öffentliche Interesse an der Identifizierung seiner Gebeine werden. Vor der Reichsgründung von 1871 diente Schiller als Projektionsfläche nationaler Sehnsüchte. Die gescheiterte Revolution von 1848 hatte nicht nur auf bürgerliche Freiheitsrechte, sondern auch auf die politische Einheit des in viele Teilstaaten zerstückelten Deutschen Bundes gezielt. In der danach einsetzenden Restaurationszeit wurde Schiller zur Ikone eines politisch enttäuschten Bürgertums. Seinen 100. Geburtstag 1859 machte gerade dieses Bürgertum zu einem nie dagewesenen Großereignis. Im Umfeld der Schillerfeiern entstand eine Fülle von Gedenkschriften und Bilderfindungen. Auch kam es zu einer regelrechten Inflation an Schillerdenkmälern. Die Überhöhung Schillers zur Heilsfigur der deutschen Nation ging so weit, dass unter Theologen der Vorwurf des Götzendienstes aufkam. Die Ausstellung zeigt im zweiten Raum Werke, die für den posthumen Schiller-Kult bezeichnend sind, wie etwa die Radierung »Erinnerung an die Schillerfeier von 1859« des Malers und Grafikers Carl Jaeger (1833-1887), die Schiller als geisterhaften, von einer Gloriole umrahmten und mit dem Lorbeer bekränzten Schutzpatron der deutschen Nation darstellt.

Am 9. Mai 1805, abends um halb sechs, stirbt Friedrich Schiller. Nachdem sich seine Frau Charlotte, die bis zum Tod bei ihm gewesen war, ins Haus ihrer Schwester zurückgezogen hat, wird Schillers Antlitz auf dem Totenbett von Ferdinand Jagemann gezeichnet; der Bildhauer Ludwig Klauer fertigt eine Totenmaske an. Außerdem führte der Arzt Johann Christian Huschke eine Obduktion durch, was zu dieser Zeit keineswegs üblich war. Die Bestattung im Landschaftskassengewölbe erfolgt auf Wunsch der Witwe in aller Stille und ohne das Beisein der Familie in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai. Erst zur offiziellen Trauerfeier am Nachmittag des 12. Mai, die in der Jakobskirche gemäß geltender Vorgaben für Adlige und Standespersonen als Begräbnisfeier Erster Klasse abgehalten wurde, ist sie mit den Kindern zugegen. Obwohl die Witwe die Begräbnisstätte stets als vorläufig betrachtete und auf die Errichtung einer Familiengrablege hoffte, streuten einige der bald erscheinenden Schiller-Biografien die Legende eines unwürdig verscharrten Dichters. Der dritte Raum der Ausstellung widmet sich Schillers Tod und der Zeit unmittelbar danach.

Hier wird auch auf die Gallsche Schädelkunde eingegangen, nach der sich Geistes- und Charaktereigenschaften an der Form des Schädels ablesen lassen sollten. Der Faszination, die vom vermeintlichen Schädel Schillers ausging, konnte sich auch Goethe nicht entziehen. Die Reliquie inspirierte ihn zu seinem berühmten Terzinen-Gedicht von 1826, das unter dem Titel »Bei Betrachtung von Schillers Schädel« Aufnahme in den Kernbestand seiner philosophischen Alterslyrik gefunden hat.

Die Klassik Stiftung stellt der Ausstellung eine Folge von sieben Vorträgen an die Seite. Als Auftakt wird am Sonntag, dem 4. Oktober 2009 um 11 Uhr die Autorin und Regisseurin Dr. Ute Gebhardt über ihren Film »Der Friedrich-Schiller-Code« sprechen.

Quelle: Klassik Stiftung Weimar
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Eu|pnoe  〈[–pno:e] f.; –; unz.; Med.〉 das normale, mühelose Atmen [<grch. eu ... mehr

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