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Geschichte+Archäologie

Pilze als Glutspender

Zunderschwamm
7300 Jahre alter Zunderschwamm (Ganoderma adspersum) mit angebrannter Oberfläche (Mitte) (Foto: La Draga-Team)

Der Gletschermann „Ötzi“ wusste den praktischen Nutzen von Zunderschwämmen zu schätzen: Er trug einen getrockneten Pilz bei sich, mit dem sich Glut entfachen und transportieren lässt. Jetzt haben Archäologen eines der ältesten Zeugnisse der Nutzung solcher Zunderschwämme entdeckt. Ihre Funde belegen: In Nordspanien sammelten und verwendeten jungsteinzeitliche Bauern schon vor 7300 Jahren mehrere Arten von Holzpilzen zum Feuermachen und wahrscheinlich auch zum Transport von Glut.

Feuer war für die Menschen der Steinzeit ein wertvolles Hilfsmittel: Sie nutzen es als Lichtquelle, um ihre Nahrung zuzubereiten, als Schutz gegen wilde Tiere und wahrscheinlich auch zu rituellen Zwecken. „Feuerstellen sind daher eine der häufigsten Merkmale archäologischer Fundstätten“, berichten Marian Berihuete-Azorin von der Universität Hohenheim und ihre Kollegen. „Aber meist wird der Frage wenig Beachtung geschenkt, wie diese Feuer angezündet wurden.“ Denn wenn beispielsweise durch Zusammenschlagen von Feuersteinen Funken erzeugt werden, kann man damit nicht direkt Holz zum Brennen bringen – man benötigt zuerst ein Material, das sich leichter entzündet und Glut bildet. Eines der beliebtesten Materialien dafür waren verschiedene Arten getrockneter Holzpilze, die sogenannten Zunderschwämme. „Ihre Nutzung zum Transport oder Entfachen von Glut ist für viele frühe Menschengruppen dokumentiert“, so die Forscher. Auch der berühmte Gletschermann „Ötzi“ trug vor rund 5000 Jahren einen solchen Zunderschwamm bei sich.

Zunderschwämme aus der Jungsteinzeit

Einen der frühesten Belege für die Nutzung solcher Zunderschwämme haben Berihuete-Azorín und ihre Kollegen nun im Nordosten Spaniens entdeckt. Die Fundstätte La Draga, 50 Kilometer südlich der Pyrenäen am Ufer des Sees von Banyoles gelegen, ist eine der reichhaltigsten Quellen für Funde aus dem frühen Neolithikum – der Zeit vor rund 7300 Jahren, in der die ersten sesshaften Bauern diese Gegend besiedelten. Im Rahmen der Ausgrabungen haben Archäologen dort insgesamt 86 verschiedene Stücke getrockneter Pilze gefunden. „Allein die Tatsache, dass wir so viele Pilzrelikte bergen konnten, ist außergewöhnlich“, sagt Co-Autor Antoni Palomo vom Archäologiemuseum Kataloniens in Barcelona. „Denn weil sie sich leicht zersetzen, bleiben sie nur selten in archäologischen Fundstätten erhalten.“ Um welche Pilze es sich handelte und wofür die Bewohner dieser jungsteinzeitlichen Siedlung diese Pilze einst sammelten, haben die Wissenschaftler nun untersucht.

Wie die Forscher feststellten, gehören die Pilzreste zu sechs verschiedenen Arten von holzbesiedelnden Pilzen: Skeletocutis nivea, Coriolopsis gallica, Daedalea quercina, Daldinia concentrica, Ganoderma adspersum and Lenzites warnieri. Keine dieser Arten ist essbar, dafür aber sind einige dieser Spezies als besonders geeignete Zunderschwämme bekannt, darunter auch die häufigste in La Draga gefundenen Pilzart. „Ganoderma adspersum hat hervorragende Zunder-Eigenschaften und fängt sehr leicht Feuer“, berichten die Wissenschaftler. Eine weitere Art, Daldinia concentrica, war dagegen besonders gut für den Transport von Glut geeignet. „Diese Pilzart entzündet sich leicht, brennt aber nicht mit offener Flamme – das macht sie besonders nützlich, wenn man Glut von einem Ort zum anderen bringen will“, so die Forscher.

Gezielt gesammelt und genutzt

Die Frage aber stellte sich, ob diese Pilze vielleicht nur zufällig so zahlreich in dieser Fundstelle vertreten waren oder ob die neolithischen Bauern sie gezielt sammelten und als Zunderschwämme nutzten. Denn theoretisch wäre es auch möglich, dass diese Pilze dort von Natur aus wuchsen oder sie mit dem Feuerholz in die Siedlung gelangten. Doch wie die Archäologen herausfanden, wuchsen die meisten dieser Pilzarten nicht in dem Waldtyp, der in La Draga vor 7300 Jahren vorherrschte. Zudem schätzen sie die Menge der Pilze auf so kleinem Raum als zu groß ein, um natürlich dorthin gelangt zu sein. „Unsere Daten sprechen dafür, dass die meisten dieser Pilze bewusst als Zunderschwämme ausgewählt, von den umliegenden Wäldern an diesen Ort gebracht, getrocknet und gelagert worden sind“, sagt Co-Autorin Raquel Piqué von der Autonomen Universität Barcelona. „Bei zwei der von uns analysierten Proben war es zudem offensichtlich, dass sie bereits als Zunder genutzt worden waren.“

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Damit gehört La Draga nun zu den wenigen Fundstätten, an denen die Nutzung von Zunderschwämmen während der Steinzeit dokumentiert werden konnte. Mit einem Alter von 7300 Jahren gehören die Pilze zudem zu den ältesten Zeugnissen solcher Feuermachhilfen überhaupt, wie die Forscher berichten.

Quelle: Marian Berihuete-Azorín (Universität Hohenheim) et al., PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0195846

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