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Geschichte+Archäologie

Planet der Rothäute

Es ist verblüffend, welch dominante Rolle Ocker und Rötel vor Zehntausenden von Jahren bei unseren Vorfahren gespielt haben. Tote wurden bei der Bestattung massiv rot überpudert. Und auch zu Lebzeiten waren die Mineralien groß in Mode.

Maisgelb, rosa, orange, violett, braun: Dr. Larry Barhams Schreibtisch ist übersät mit bunten, teilweise weiß übersinterten Gesteinsbrocken. Man könnte sich auf einer Tauschbörse für Mineralienfreunde glauben – wäre dies nicht das Department of Archaeology der University of Bristol.

„Die sind zweifelsfrei 300 000 Jahre alt“, erklärt der Archäologe und Afrika-Spezialist. „Wir haben die Kalkkruste, die sich im Höhlenklima auf den Oberflächen gebildet hat, mit dem Uranzerfall-Verfahren gut datieren können.“ Mehr als 300 der pflaumen- bis kindskopfgroßen Knollen haben Barham und sein Grabungsteam aus den Sedimenten der Twin Rivers Cave geborgen. Die weit verzweigte Höhle liegt unweit von Lusaka, der Hauptstadt von Sambia.

Dass die Mineralien auf natürlichem Weg in die Höhle gespült worden sein könnten, lehnt er rundweg ab. „Doch nicht in dieser Massierung! Außerdem sieht man bei einigen Brocken Gebrauchsspuren. In den Sedimenten kam auch ein gelblich verfärbter Reibstein zum Vorschein, ferner Steinwerkzeuge aus der Mittleren Altsteinzeit“ – die in Zentral- und Ostafrika nach Ansicht der Archäologen vor etwa 280 000 Jahren begann. Barhams Fazit: „Es ist der früheste Nachweis der Verwendung von Ocker in der Menschheitsgeschichte.“

Ocker, womit Farbkundige sofort toskanische Villen („Terra di Siena“) oder die Farbe von Chamois-Leder assoziieren, ist ein anorganisches Pigment. Der variierende Gehalt an Eisenhydroxiden, -sulfaten und -oxiden verschafft dem krümeligen Mineral seine breite Farbpalette von blassem Gelb bis Braun. Wird es erhitzt, wandelt es sich in leuchtend roten „Rötel“ um – chemisch: Eisen(III)oxid, Hämatit.

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Vor 300 000 Jahren lebte in Afrika die frühmenschliche Spezies Homo heidelbergensis, erläutert Larry Barham – zu ihr müssten also die Bewohner der Twin Rivers Cave gezählt haben. Was sie mit den in so vielen verschiedenen Farbnuancen gesammelten Pigmentbrocken angefangen haben könnten, liegt für den Bristoler Archäologen auf der Hand: „Sie haben den Ocker pulverisiert und, mit Wasser oder Fett gemischt, zur Körperbemalung verwendet – vielleicht sogar für Felsbilder, von denen nach dieser langen Zeitspanne natürlich nichts mehr erhalten sein kann.“

In jedem Fall, so Barham, hätten die Menschen mit den Farben rituelle Zwecke verfolgt – ein frühes Indiz für symbolisches Denken, was die Anthropologen früherer Jahrzehnte erst beim anatomisch modernen Homo sapiens für möglich gehalten hatten. „ Das farbige Markieren von besonderen Stellen in der Landschaft, ebenso wie das Bemalen des eigenen Körpers, dürfte für die Menschen damals sehr wichtig gewesen sein: zur Findung von Identität, als Merkmal der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe.“

Heute noch, argumentiert Barham, sei Ocker bei nichtindustriellen Gesellschaften für rituelle Zwecke in Gebrauch. So verwendet eine Untergruppe der San-Buschleute in Südwest-Afrika roten Ocker, um Brautleute zu überpudern – als Teil des Hochzeitsrituals. Ebenso verfahren Gruppen der Aboriginees in Australien während Initiationsriten und bei Reinigungszeremonien. Rötel symbolisiert für die Ur-Australier das Blut von mythischen Ahnen.

„Wenn man solche Formen von Ockergebrauch auch bei den Leuten der Twin Rivers Cave annimmt“, spinnt Larry Barham den Faden weiter, „muss man meiner Meinung nach automatisch das Vorhandensein von Sprache voraussetzen. Rituelles Verhalten innerhalb einer Gruppe braucht Gedankenaustausch und mündliche Vereinbarungen.“

Mit dieser Schlussfolgerung, schon Homo heidelbergensis vor 300 000 Jahren habe sprechen können, ist Barham noch nicht einmal der Kühnste unter den Verfechtern eines frühen Sprachbeginns in der Gattung Homo. Lange vor dem anatomisch modernen Homo sapiens – seine Ära beginnt vor zirka 160 000 Jahren in Ostafrika –, sogar noch vor Homo heidelbergensis, habe bereits der frühmenschliche Vorfahre Homo erectus und seine afrikanische Ausprägung Homo ergaster mit seinesgleichen geredet: Das meinen zumindest der südafrikanische Paläoanthropologe Prof. Phillip Tobias und sein australischer Kollege Robert Bednarik.

Ihr Argument: Es bestehen Hinweise darauf, dass Frühmenschen schon vor 800 000 Jahren 25 Kilometer breite Meeresarme überquerten. Das ging nicht ohne irgendeine Form von Wasserfahrzeugen. Deren Bau sowie die Planung solcher Überfahrten sind ohne gesprochene Verständigung kaum vorstellbar (bild der wissenschaft 7/2003, „Sie folgten den Elefanten“).

So Umstritten wie das Thema Sprach-Evolution ist auch der möglicherweise frühe Ockergebrauch in Asien sowie auf dem europäischen Subkontinent. Einige Ockerfunde an frühmenschlichen Siedlungsplätzen, die angeblich 250 000 Jahre alt oder älter sind, könnten fast aus der Zeit der Twin Rivers Cave-Funde im fernen Sambia stammen: Becov bei Karlsbad in Tschechien, Terra Amata bei Nizza und Ambrona in der Nähe der spanischen Stadt Torralba. An allen drei europäischen Fundorten müsste – wenn die Datierungen stimmen – ebenfalls Homo heidelbergensis der Handelnde gewesen sein.

Angesichts der spärlichen Funde aus jener Zeit sind die Anthropologen stark auf Spekulationen angewiesen. Doch in der Epoche des Neandertalers, des europäischen Nachfahren von Homo heidelbergensis, nehmen die Gewissheiten in punkto Ockergebrauch zu. Aus der Zeit des klassischen bis späten Neandertalers – etwa 100 000 bis 30 000 Jahre vor heute – kamen in den 35 europäischen und westasiatischen Fundstellen auch Farbpigmente zutage: in erster Linie schwarze Manganoxid-Mineralien, danach auch Ocker- beziehungsweise Rötel-Brocken. „Sehr viele Pigmentfragmente aus dieser Zeit tragen entweder eindeutige Reibflächen oder gut ausgebildete Facetten, die vom direkten Farbauftrag auf Oberflächen stammen dürften“, sagt Paul Mellars, Professor für Vorgeschichte und Evolution des Menschen an der University of Cambridge. An der 34 000 Jahre alten Neandertaler-Fundstätte von Arcy-sur-Cure bei Paris sind die Böden der Wohnplätze tiefrot von pulverisiertem Rötel – etliche Mahlsteine legen eine quasi-fabrikmäßige Herstellung großer Mengen von rotem Pigment nahe.

Spätestens mit dem Siegeszug des anatomisch modernen Menschen muss sich die Erde in einen Planeten der Rothäute verwandelt haben: Als Homo sapiens vor rund 40 000 Jahren einzuwandern begann, vermutlich aus Richtung Nahost, wurde Europa buchstäblich in eine rote Farbwolke getaucht.

Die Grabstätten, von denen aus den Epochen Gravettien, Solutréen und Magdalénien Dutzende erhalten sind, sind buchstäblich durchtränkt mit Ocker und Rötel. Die Toten wurden anscheinend mit dem pulverisierten Farbträger dick überpudert – wobei manche Forscher die Möglichkeit erwägen, die rote Farbe könne auch von intensiver Körperbemalung auf der Haut der Bestatteten stammen.

Doch nicht nur die Gräber, auch die Siedlungsplätze tragen die purpurne Kennung der „Menschenfarbe“ – so zuverlässig, dass Archäologen hellwach werden, wenn sie beispielsweise bei einer Stich- oder Notgrabung auf eine rote Schicht im Untergrund treffen. Denn das kann ein handfester Hinweis auf steinzeitliche Relikte sein. „Ab dem Gravettien ist alles knallrot“, sagt Randall White, Professor für Anthropologie an der New York University in Manhattan.

Sieht auch er, wie Larry Barham, diese Rot-Vernarrtheit als Indiz für symbolisches Denken, gar für Spiritualität? Darauf reagiert White extrem zurückhaltend: „Wir wissen nichts darüber.“ Was ihn so skeptisch gegenüber überhöhten Deutungen macht, sind seine eigenen Experimente mit den roten Pigmenten und deren höchst profanes Ergebnis.

Der New Yorker Anthropologe war aufmerksam geworden, als er auf mikroskopischen Aufnahmen von Schmuck und Kleinkunst aus dem Aurignacien – der frühesten Siedlungsperiode des anatomisch modernen Menschen in Europa – feine Riefen und darin eingekeilte mineralische Partikel entdeckte. Die chemische Analyse enthüllte: Hämatit, alias Rötel. Die Schöpfer hatten die Objekte mit Ocker- oder Rötelbrocken bearbeitet. Um sie rot zu färben?

Randall White begann eine Serie von Experimenten, in denen er die Mineralien über Materialien unterschiedlicher Art rieb und den Effekt dokumentierte. Dabei ging ihm ein Licht auf: Oberflächen aus Elfenbein und Schnecken- oder Muschelschalen wurden durch Polieren mit Ocker seidenglatt und glänzend – bei Knochen klappte das nicht, er blieb matt. Unter dem Mikroskop, bei starker Vergrößerung, wiesen die Oberflächen der Testobjekte die gleichen Polierstreifen mit darin verhakten Hämatit-Partikeln auf wie die Funde aus dem Aurignacien.

„Die wundervollen Beispiele figürlicher Kunst aus den Höhlen der Schwäbischen Alb, beispielsweise der 33 000 Jahre alte ,Löwenmensch‘ aus der Vogelherd-Höhle, bestehen aus Elfenbein und nicht aus Knochen“, sagt White, „und jetzt glaube ich auch zu verstehen, warum. Die Menschen des Aurignacien waren verliebt in den seidigen Griff, mit dem sich diese Objekte anfassen, und in ihren Glanz. Das erreichten sie mit dem Werkstoff Elfenbein und mit der Ockerpolitur.“ Dass die Elfenbeinfiguren dabei auch gefärbt wurden, bestreitet der New Yorker nicht. Aber dies sei nicht das vordergründige Ziel gewesen.

Ocker: vielleicht kein weihevoller Farbcode, sondern schlicht ein universell gebrauchtes Schleif- und Poliermittel? Whites Erkenntnis fügt sich reibungslos zu weiteren Fakten, die den symbolistisch argumentierenden Forschern nicht recht sein können – ermittelt von experimentell arbeitenden Archäologen, die in Laborversuchen steinzeitliche Technologien nachvollziehen.

· Gemahlener Ocker, mit Tierfett zu einer Paste vermengt, eignet sich, um Tierhäute zu gerben – in Leder zu verwandeln. Beim Gerbprozess werden die Kettenmoleküle des Hauteiweißes Kollagen miteinander vernetzt, was sie gegenüber Bakterien- und Pilzbefall haltbar macht. Steinerne Kratzer aus dem Magdalénien, die höchstwahrscheinlich zum Entfleischen von Häuten verwendet worden sind, tragen Ockerspuren.

· Ein Ocker-Fett-Gemisch, auf die Haut geschmiert, hält stechende Parasiten auf Distanz,

· und die in ihm enthaltenen Eisenoxid-Kristalle schirmen UV-Strahlung ab – eine rote Sonnencreme.

· Außerdem wirkt die mineralische Paste auf der Haut antimikrobiell. Das kann sie zum Steinzeit-Deo tauglich gemacht haben. Bei den Himba, einem Hirtenvolk in Namibia, ist heute noch eine solche Paste in Gebrauch – als Geruchsbremse.

Das wirft ein neues Licht auf die Bestattungsriten unserer Vorfahren. Wurden die Toten mit Ockerpulver überpudert, um den Verfall zu verlangsamen und den Fäulnisgeruch zu dämpfen? Anthropologe Randall White kommentiert diese Spekulation mit einem knappen „Möglich“. Und wiederholt fast beschwörend sein skeptisches Credo gegenüber jedweder Hypothese über unsere fernen Ahnen, die nicht experimentell überprüfbar ist: „Wir wissen einfach nichts!“ ■

Thorwald Ewe

Ohne Titel

• Schon vor 300 000 Jahren war das eisenhaltige Mineral Ocker bei Frühmenschen in Gebrauch.

• Manche Forscher tippen auf symbolträchtige Motive, etwa Körperbemalung.

• Andere unterstreichen mögliche praktische Zwecke – beispielsweise Lederherstellung.

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