Prächtiger Römer-Dolch entdeckt - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Prächtiger Römer-Dolch entdeckt

Durch die Restauration ließ sich der Dolch schließlich auch aus der Scheide ziehen. (Bild: LWL/Eugen Müsch)

Er war wohl der Stolz eines in Germanien stationierten Legionärs: Archäologen haben in Westfalen einen kunstvoll verzierten Dolch samt Scheide und Waffengürtel gefunden. Durch aufwendige Restaurierungsarbeiten haben sie die antike Pracht des Fundes erneut zur Geltung gebracht. Europaweit gibt es keine weitere derartig gut erhaltene Kombination, sagen die Experten.

Der Blick richtet sich auf den Ort Haltern am See im Regierungsbezirk Münster: Vor etwa 2000 Jahren befand sich dort ein römisches Militärlager zu dem auch ein Bestattungsbereich gehörte. Die Toten wurden dort vor allem in Urnengräbern bestattet. Der Untersuchung des Gräberfelds widmet sich ein Archäologenteam des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und der Universität Trier. Der spektakuläre Fund glückte dem 19-jährigen Praktikanten Nico Calmund. Zur Überraschung der Archäologen lagen Dolch und Waffengürtel nicht in einem Grabhügel selbst, sondern in der Verfüllung eines Grabens, der als Umfassung des Grabs diente.

„Für eine klassische Grabbeigabe ist dieser Fundort deshalb sehr ungewöhnlich“, sagt LWL-Römerexpertin Bettina Tremmel. Wie die beiden Objekte in den Graben gelangt sind, ist ihr zufolge unklar. „Ein zufälliger Verlust der kostbaren Waffe samt Gürtel an dieser Stelle scheint unwahrscheinlich. Denkbar wäre aber, dass der Dolch nach der Bestattung im Gedenken an den beigesetzten Kameraden dort niedergelegt wurde – aber das ist reine Spekulation“, so Tremmel.

Ein braunes Gebilde gibt seine Geheimnisse preis

Zum Zeitpunkt seiner Entdeckung sah der Fund allerdings noch keineswegs prächtig aus: Alles war von einer dicken Korrosionsschicht umgeben. „Es war aber sofort klar, dass der Fund so gut

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Der Dolch bei der Entdeckung.
(Bild: LWL/Josef Mühlenbrock)

wie möglich untersucht und restauriert werden musste“, erklärt LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger. Zunächst wurden die Teile dazu mittels Röntgenuntersuchungen und Computertomografie analysiert. Dabei wurden bereits die hohe Qualität der Waffe sowie einige Materialmerkmale deutlich. „Anhand der CT-Aufnahmen konnten wir erkennen, dass der Griff aus zahlreichen einzelnen Bauteilen aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt ist, die mit acht Nietstiften verbunden sind. Diese Informationen waren für die anschließende Restaurierung von großer Bedeutung“, so LWL-Restaurator Eugen Müsch. Darüber hinaus ergab die Analysen, dass die Klinge des Dolches einst aus unterschiedlichen Stählen gefertigt worden war.

Durch eine Kombination von Schleiftechniken und Sandstrahlen hat Müsch dann die Korrosionsschichten akribisch abgetragen. „Wenn man bedenkt, dass die Silberverzierungen stellenweise nur 0,15 bis 0,3 Millimeter dick sind, wird klar, wie vorsichtig man arbeiten muss“, beschreibt Müsch. Letztlich gelang es dem Restaurator aber, den Dolch unbeschadet aus der Scheide zu nehmen und allen Teilen nahezu das ursprüngliche Aussehen zurückzugeben. „Natürlich können wir ein 2000 Jahre altes Objekt nicht wie neu erscheinen lassen“, so Müsch. „Aber grundsätzlich entspricht das Aussehen nun wieder weitgehend der einstigen Optik.“

Zeugnis antiker Kunstfertigkeit

Besonders auffällig sind die komplexen Verzierungen an Griff und Scheide. Feine silbernen Linien und Flächen, die in die Eisenbleche eingearbeitet sind, verzieren die kostbare Waffe. Sie ergeben elegante Muster aus Rauten, Halbmonden und Blättern. Es handelt sich dabei um sogenannte Tauschierungen. Darüber hinaus schmücken den Griff und die Scheide Einlagen aus roter Emaille und Glas. Der Kern der Dolchscheide bestand aus Lindenholz, zeigten die Analysen. In dieser Fassung saß die Klinge, die eine charakteristisch geschweifte Form und eingearbeitete Blutrinnen aufweist, beschreibt das Team.

Dolch und Gürtel.
(Bild: LWL/Eugen Müsch)

Auch der Gürtel zur Befestigung der Waffe am Körper besteht aus zahlreichen Elementen. Es sind noch Teile des Gürtelleders erhalten, das durch Garn aus Flachs zusammengenäht war. Das Leder war außen dicht besetzt mit Plättchen aus Bronze und Messing. Sie waren mit Zinn überzogen, um den Eindruck von teurem Silber zu erwecken. Der Gürtel verfügt über zwei Haken, in die der Dolch mithilfe von Lederschlaufen eingehängt wurde, berichten die Archäologen.

Wie sie erklären, handelt es sich bei der Waffe um einen „Pugio“. Diese Waffe wurde von römischen Fußsoldaten getragen und im Nahkampf eingesetzt. Spuren an dem Dolch zeigen, dass er offenbar auch einige Zeit in Gebrauch war. Die Bedeutung des neuen Fundes liegt in der Kombination, sagen die Wissenschaftler: „Der Dolch aus Haltern gehört zu den bedeutendsten Funden seiner Gattung in Europa. Die Kombination aus vollständig erhaltener Klinge, Scheide und Wehrgürtel inklusive der wichtigen Informationen über die genaue Fundlage sind bisher ohne Vergleich“, resümiert LWL-Chefarchäologe Michael Rind.

Bis man den Fund bewundern kann, wird es allerdings noch etwas dauern: Ab März 2022 soll der Dolch im Rahmen des Programms „Roms fließende Grenzen“ im LWL-Römermuseum in Haltern ausgestellt werden.

Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe

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