Qumran-Schriftrollen: Material-Geheimnissen auf der Spur - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Qumran-Schriftrollen: Material-Geheimnissen auf der Spur

Die Schriftrollen vom Toten Meer werden im „Schrein des Buches“ in Jerusalem aufbewahrt. (Bild:Mlenny/iStock)

Spektakuläre Zeugnisse der religiösen Kultur – die teils erstaunlich gut erhaltenen Schriftrollen vom Toten Meer sind weltberühmt. Nun haben sich Forscher einmal nicht mit den hebräischen Texten beschäftigt, sondern mit dem Material: Sie haben Einblicke in das Geheimnis der Merkmale einer der berühmtesten Schriftrollen gewonnen: der Tempelrolle. Den Analysen zufolge bildete eine Behandlung mit einer besonderen Kombination aus Mineralien den speziellen Faktor bei der Pergament-Herstellung. Die Ergebnisse könnten nun dem Erhalt der Schriftrollen dienen und der Identifikation von Fälschungen, sagen die Forscher.

Es ist eine der berühmtesten Fundgeschichten aller Zeiten: Vor rund 70 Jahren wurden in Felshöhlen nahe Qumran am Toten Meer Tonkrüge entdeckt, die rund 2000 Jahre alte Reste von etwa 850 Schriftrollen mit kultisch-liturgischen Texten enthielten. Sie stammen von der Religionsgemeinschaft der Essener, die damals versuchte, ihre kostbaren Dokumente vor den anrückenden Römern zu verstecken. Eine der größten und am besten erhaltenen Schriftrollen ist die rund 7,60 Meter lange Tempelrolle. Erstaunlicherweise ist sie auch die dünnste von allen: Das Pergament ist nur ein Zehntel Millimeter dick und besitzt darüber hinaus die hellste Farbe aller Qumran-Schriftrollen. Auf welchen Herstellungsmethoden diese Merkmale beruhen könnten, haben nun die Forscher um Admir Masic vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge durch modernste Analysemethoden untersucht.

Unbehandelte Fragmente im Visier

„Wir hatten das Privileg, Fragmente der Tempelrolle aus dem „Schrein des Buches“ untersuchen zu können, der speziell für die Schriftrollen vom Toten Meer gebaut wurde“, sagt Masic. Besonders ein Fragment stand dabei im Fokus: Es handelt sich um ein etwa 2,5 Zentimeter großes Stück, das im Gegensatz zu anderen Teilen der Schriftrolle seit dem Fund nicht behandelt worden war. Die Forscher unterzogen es einer Reihe von nicht zerstörerischen Analysetechniken, die verborgene Merkmale und Substanzen aufdecken können.

Wie die Wissenschaftler erklären, wurde Pergament aus Tierhäuten hergestellt, indem zunächst durch bestimmte Methoden alle Haare und Fettrückstände entfernt wurden. Danach spannten die Hersteller das Material in Rahmen, um es zu dehnen und zu trocknen. Anschließend gab es noch spezielle Behandlungen – etwa durch Salze. Genau das zeichnet sich nun auch im Fall des Materials der Tempelrolle ab: Die Forscher entdeckten Schwefel, Natrium und Calcium in unterschiedlichen Anteilen auf der Oberfläche des Pergaments.

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Spezielle Kombination von Salzen

Dabei handelt es sich um eine Kombination von Salzen, die bisher nicht von anderen Pergament-Materialien bekannt ist, sagen die Forscher. Die Elementzusammensetzung der Beschichtung stimmt auch nicht mit der des Wassers des nahen Toten Meers überein. Es handelte sich wahrscheinlich um eine spezielle Verdunstungsablagerung. Ob sie von einem Ort in der Nähe oder aus der Ferne stammte, können die Forscher noch nicht sagen. Ihnen zufolge scheint aber klar, dass die ungewöhnliche Beschichtung dazu beigetragen hat, dass dieses Pergament seine ungewöhnlich helle Oberfläche erhielt und vermutlich auch so gut erhalten geblieben ist.

„Die einzigartige Zusammensetzung dieser Oberflächenschicht zeigt, dass sich der Produktionsprozess für dieses Pergament erheblich von dem anderer Schriftrollen in der Region unterschied“, resümiert Masic. Das Studienergebnis hat damit eine Bedeutung, die über die Erforschung der Schriftrollen vom Toten Meer hinausgeht: Es zeichnet sich ab, dass zu Beginn der Pergamentherstellung im Nahen Osten mehrere Techniken verbreitet waren.

Wie die Forscher erklären, können Untersuchungen der materiellen Merkmale von Schriftrollen auch der Entwicklung optimierter Erhaltungsstrategien dienen. Denn klar ist: Ein Großteil der Schäden an den Schriftrollen ist nicht auf ihren über 2000 Jahre langen Schlummer in den Höhlen zurückzuführen, sondern auf Beeinträchtigungen nach dem Fund. Die neuen Daten verdeutlichen in diesem Zusammenhang, dass die mineralische Beschichtung leicht Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen kann, was zu Schäden an dem darunter liegenden Material führt. Diese neuen Ergebnisse unterstreichen somit die Notwendigkeit, die Pergamente jederzeit in einer Umgebung mit kontrollierter Luftfeuchtigkeit aufzubewahren. „Es könnte eine unerwartete Empfindlichkeit für selbst geringfügige Änderungen der Luftfeuchtigkeit geben“, betont Masic abschließend.

Quelle: Massachusetts Institute of Technology, Fachartikel: Science Advances: doi: 10.1126/sciadv.aaw7494

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