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Geschichte+Archäologie

Rätsel um frühmittelalterliche Graböffnungen

Grab
Gestörtes Grab in Frankreich. (Bild: Éveha-Études et valorisations archéologiques/ G. Grange)

Einige Gräber aus dem europäischen Frühmittelalter zeigen Spuren nachträglicher Öffnung – bisher galt das als Anzeichen für Grabraub. Doch nun enthüllt eine neue Studie: Solche Graböffnungen waren im 5. bis 7. Jahrhundert in Europa weit verbreitet und offenbar Teil der Bestattungstraditionen. Im Rahmen dieser Praxis entnahm man oft nur ein Objekt aus dem Grab, veränderte die Lage der Toten oder legte sogar nachträglich noch etwas ins Grab hinein.

Schon länger rätseln Archäologen darüber, warum die Grabruhe einiger Toten aus dem frühen Mittelalter offenbar schon kurz nach ihrer Bestattung wieder gestört wurde. „In einigen Friedhöfen sind nur ein oder zwei Gräber betroffen, in anderen wurden fast alle Grabstätten nachträglich wieder geöffnet“, berichten Alison Klevnäs von der Universität Stockholm und ihre Kolleginnen. Besonders betroffen sind davon sogenannte Reihengräberfelder, wie sie in Mittel- und Westeuropa vom 5. bis 8. Jahrhundert häufig waren.

Totenruhe gestört

Typisch für diese Graböffnungen: „Die darin enthaltenen Skelette und Grabbeigaben sind unvollständig und durcheinandergebracht, manchmal deuten Fragmente oder metallische Ablagerungen auf fehlende Artefakte hin“, erklären Klevnäs und ihr Team. Wegen solcher Hinweise auf fehlende Objekte hielt man diese Störungen der Totenruhe bisher für das Werk von Grabräubern. Gestützt wurde dies unter anderem durch eine Reihe frühmittelalterlicher Gesetze, die explizite Verbote der Grabräuberei enthalten. Aber auch ein Zusammenhang mit der Christianisierung wurde vermutet.

KArte
Karte der frühmittelalterlichen Graböffnungen. (Bild: Universität Stockholm)

Bisher fehlte jedoch ein systematischer Überblick darüber, wie verbreitet diese Graböffnungen in Europa damals wirklich waren. Um das herauszufinden, haben Klevnäs und ihr Team nun Daten zu solchen Graböffnungen aus fast ganz Europa zusammengetragen. „Erstmals ist es dadurch möglich, das gewaltige Ausmaß dieses Phänomens im Detail zu bewerten“, so die Forscherinnen. Ihre Auswertung enthüllte, dass es im Frühmittelalter mehr als tausend nachträgliche Graböffnungen gab und dass dies in weiten Teilen Europas stattfand – von Transsylvanien bis nach England. „Die Graböffnung war demnach weit davon entfernt, eine Anomalie zu sein. Sie war stattdessen auf vielen frühmittelalterlichen Friedhöfen gängige Praxis“, erklären die Archäologinnen.

Gezielte Entnahme spezifischer Objekte

Die Häufigkeit der Graböffnungen war dabei je nach Region in Europa leicht unterschiedlich. In Bayern wurden mehr als 50 Prozent der Gräber gestört, in den Beneluxländern um die 40 Prozent und in Frankreich waren es rund 30 Prozent, wie Klevnäs und ihr Team ermittelten. Unabhängig von dieser übergeordneten Häufigkeit gab es aber auch Unterschiede darin, wie hoch der Anteil der Graböffnungen auf den einzelnen Friedhöfen war: In Süddeutschland, Ungarn und Rumänien waren meist alle Gräber einer Anlage betroffen, in Frankreich dagegen selten mehr als die Hälfte. „Diese Praxis kam demnach im gesamten Gebiet der Reihengräberfelder vor, aber seine Häufigkeit in einer bestimmten Gegend scheint von lokalen Gegebenheiten bestimmt worden zu sein“, so die Forscherinnen.

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Nähere Analysen ergaben, dass die meisten Gräber geöffnet wurden, solange der Sarg und die Toten noch nicht komplett zerfallen waren. Dabei wurden meist gezielt nur einzelne Objekte entfernt – und keineswegs alle Wertgegenstände entnommen, wie es bei einem Grabraub der Fall wäre. In einem Fall wurden beispielsweise Broschen entfernt, aber die Halskette der halbverwesten Toten zurückgelassen, die aus 78 Perlen, sechs Silberanhängern, sowie Verzierungen aus Glas und Granat bestand. „Offensichtlich wählten die Menschen sorgfältig aus, was sie aus dem Grab mitnahmen. Meist waren es Broschen bei den Frauen und Schwerter bei den Männern“, berichtet Klevnäs. Diese Objekte wurden sogar dann entfernt, wenn sie stark beschädigt oder halb zerfallen waren – einen praktischen oder materiellen Wert hatten sie daher wohl nicht mehr. Welche Motivation genau hinter diesem seltsamen Brauch stand und warum diese Praxis sich im 6. und 7. Jahrhundert so weit über Europa verbreitete, ist bislang jedoch ungeklärt.

Quelle: Universität Stockholm; Fachartikel: Antiquity, doi: 10.15184/aqy.2020.217

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