Rätselhafte Ur-Monumente Arabiens - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie

Rätselhafte Ur-Monumente Arabiens

Blick entlang der Längsseite eines Mustatil-Baus. Die Forscher sind am hinteren Rand der großen Struktur erkennbar. (Bild: Huw Groucutt)

Was hat es mit diesen mysteriösen steinernen Rechtecken in der arabischen Wüste auf sich? Archäologen präsentieren nun neue Hinweise zum Alter, den Merkmalen und dem möglichen Zweck der sogenannten „Mustatil“. Einer Datierung zufolge wurden die eindrucksvollen Baustrukturen schon vor etwa 7000 Jahren errichtet. Möglicherweise besaßen sie eine rituelle Bedeutung bei den frühen Viehzüchtern, die in dem damals noch fruchtbaren Gebiet lebten.

In den letzten zehn Jahren hat sich Saudi-Arabien zu einem Hotspot der Archäologie entwickel: Zahlreiche Spuren einstiger Kulturen dieser Region wurden entdeckt. Zu ihnen gehören auch die rätselhaften Steinmonumente im Nordwesten Saudi-Arabiens, die aus riesigen Rechtecken bestehen. Aufgrund dieser Form bekamen sie den Namen Mustatil – die arabische Bezeichnung für Rechteck. Vor allen auf Satellitenaufnahmen wurden die Strukturen deutlich. Da sie oft von jüngeren Strukturen überlagert waren, lag die Vermutung nahe, dass sie uralt sind – möglicherweise sogar aus dem Neolithikum stammen. Den geheimnisvollen Mustatil-Bauten hat nun ein internationales Archäologenteam eine Untersuchung gewidmet.

Geheimnisvollen Strukturen auf der Spur

Die Wissenschaftler analysierten erneut Satellitenbildern, führten aber auch Feldvermessungen vor Ort durch und untersuchten Funde im Bereich der Mustatil-Bauten. Wie sie berichten, konnten sie im Rahmen der Studie erneut verdeutlicht, wie ausgesprochen häufig diese Strukturen sind: Mehr als einhundert neue Mustatil-Bauten unterschiedlicher Größe haben sie am Südrand der Nefud-Wüste identifiziert. Sie reihen sich damit nun in die zahlreichen bereits bekannten Exemplare dieser Bauten ein, die zuvor durch Auswertungen von Google Earth-Bildern identifiziert worden waren.

Die Untersuchungen vor Ort zeigten, dass die Mustatil-Bauten in der Regel aus zwei großen Plattformen bestehen, die durch parallele Längswände verbunden sind und sich manchmal über 600 Meter Länge erstrecken. Die langen Wände sind sehr niedrig, weisen keine erkennbaren Öffnungen auf und befinden sich in unterschiedlichen Ausrichtungen in der Landschaft. Wie die Forscher weiter berichten, erscheint besonders überraschend, dass in der Umgebung dieser Monumentalbauten kaum andere archäologische Kleinfunde, wie etwa Steinwerkzeuge, entdeckt wurden. Ihnen zufolge legen die Hinweise nahe, dass es sich bei den Mustatil nicht um Nutzbauten wie Wasserreservoire oder Tiergehegen gehandelt hat.

Anzeige

„Mustatil“ gehören zu den ältesten Großbauwerken der Welt

Der wichtigste Befund im Rahmen der Studie ist allerdings der erste Hinweis auf die Entstehungszeit der Strukturen: Ein Fund von Holzkohle im Inneren einer der Plattformen ermöglichte eine Radiokohlenstoffdatierung. Diese Spur der menschlichen Aktivität und damit auch die Strukturen besitzen demnach das erstaunlich hohe Alter von mehr als 7000 Jahren. Sie wurden also mehr als zweitausend Jahre vor dem Bau der ersten Pyramiden in Ägypten errichtet. Die Mustatil sind damit zwar nicht die ältesten Gebäude der Welt, aber für diese frühe Periode der Menschheitsgeschichte stellten sie die Erbauer in einem einzigartig großen Maßstab her, betonen die Wissenschaftler.

Was den Zweck der Bauten betrifft, können sie bisher allerdings nur spekulieren. Hinweise dazu lieferte etwa der Fund einer Ansammlung von Tierknochen, die sowohl von Wildtieren aber wahrscheinlich auch von Hausrindern stammen. Bei einem anderen Mustatil fanden die Forscher zudem einen Stein, der mit einem geometrischen Muster bemalt war. „Wir gehen davon aus, dass es sich bei den Mustatil-Bauten um rituelle Stätten gehandelt hat, an denen sich Gruppen von Menschen zu sozialen Aktivitäten trafen. Was sie genau miteinander gemacht haben, wissen wir nicht“, sagt der Erstautor der Studie Huw Groucutt vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. „Vielleicht wurden die Stätten für Tieropfer oder Feste genutzt“, so der Wissenschaftler.

In dem Befund, dass mehrere dieser riesigen Bauwerke manchmal direkt nebeneinander platziert wurden, sehen die Forscher einen Hinweis darauf, dass die Errichtung möglicherweise eine Bedeutung für die soziale Verbindung unter den Menschen der damaligen Zeit besessen haben könnte. Wie sie erklären, waren vor 7000 Jahren die Niederschläge in Nordarabien deutlich höher als heute, sodass ein großer Teil der Region grün und von Gras bedeckt war. Frühe Hirtenvölker konnten in dieser Umgebung gut mit ihren Viehherden leben, auch wenn Dürren ein ständiges Risiko für Mensch und Tier darstellten. Die Hypothese des Forschungsteams besagt in diesem Zusammenhang, dass der Bau von Mustatilen eine Art sozialer Mechanismus war, der dem Überleben in dieser herausfordernden Landschaft diente.

Doch noch bleiben viele Fragen offen. Durch weitere Untersuchung dieser monumentalen Zeitzeugen wollen die Wissenschaftler nun weitere Einblicke in das Leben dieser geheimnisvollen frühen Gesellschaften gewinnen.

Quelle: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Fachartikel: The Holocene, doi: 10.1177/0959683620950449

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Der Podcast zur Geschichte.

Geschichten von Alexander dem Großen bis ins 21. Jahrhundert. 2x im Monat reden zwei Historiker über ein Thema aus der Geschichte. In Kooperation mit DAMALS – Das Magazin für Geschichte.

Hören Sie hier die aktuelle Episode:

Anzeige

Wissenschaftslexikon

exis|ten|zi|a|lis|tisch  〈Adj.; Philos.〉 zum Existenzialismus gehörend, darauf beruhend; oV existentialistisch ... mehr

Zwerg|huhn  〈n. 12u; Zool.〉 Angehöriges einer Rasse kleiner Haushühner

Wein|säu|re  〈f. 19; unz.〉 in vielen Früchten vorkommende Säure, chem. Dioxykarbonsäure; Sy Weinsteinsäure ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige