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Geschichte+Archäologie

Rätselhafter „Fangschrecken-Mensch“

Diese Felszeichnung gibt Archäologen Rätsel auf. (Bild: Dr. Mohammad Naserifard)

Ein seltsam geformter Körper mit sechs Gliedmaßen – was soll das darstellen? Archäologen haben im Iran eine Felszeichnung entdeckt, die für Rätselraten sorgt. Nach näheren Analysen kommen sie zu dem Schluss, dass es sich um die Jahrtausende alte Abbildung eines Mischwesens handelt – halb Mensch, halb Gottesanbeterin. Den Wissenschaftlern zufolge spiegelt sich darin die uralte Faszination für diese skurrilen Raubinsekten wider.

Wie Grüße aus grauer Vorzeit sind sie überall auf der Welt zu finden: Unsere Vorfahren haben uns in Höhlen, auf Felswänden oder Steinen zahlreiche Abbildungen hinterlassen. Sie zeigen Tiere, Menschen, Handsilhouetten oder abstrakte Symbole. Das prähistorische Kunstwerk, über das die Forscher um Mohammad Naserifard von der Universität Arak nun berichten, stammt aus dem Markazi-Provinz im Iran. Wie alt die 14 Zentimeter große Darstellung ist, können die Forscher bisher nicht genau sagen. Als Mindestalter geben sie 4000 Jahre an. Die durch Ritzung entstandene Felszeichnung könnte aber auch bis zu 40.000 Jahre als sein. Wahrscheinlich haben sie Nomaden angefertigt, die in dieser Zeitspanne in der Region gelebt haben, so die Wissenschaftler.

Wie Naserifard und seine Kollegen erklären, unterscheidet sich der Fund von anderen bekannten Felszeichnungen aus der Markazi-Provinz deutlich. Während oft leicht erkennbare Tiere abgebildet sind, wirkt die Identität des Wesens in diesem Fall mysteriös: Es scheint sich um eine Kreatur mit aufrechter Gestalt und sechs Gliedmaßen mit seltsam rundlichen Enden zu handeln. Der mutmaßliche Kopf weist eine dreieckige Form auf sowie zwei große Augen und einen Fortsatz.

Ein Mischwesen?

Diese Gottesanbeterin aus der Familie der Empusa könnte als Vorbild gedient haben. (Bild: Herr Mahmood Kolnegari)

Diese Merkmale bildeten die Grundlage für den Verdacht, dass es sich um die Darstellung einer Gottesanbeterin handeln könnte. Deshalb zogen die Wissenschaftler im Rahmen ihrer Recherche Insektenforscher zu Rate. Sie kamen zu dem Schluss, dass eine Gottesanbeterin aus der Familie der Empusa abgebildet sein könnte. In der Region Markazi kommen demnach Vertreter dieser Fangschrecken vor, die einen auffällig länglichen Kopfputz besitzen und somit als Vorbild für die Darstellung gedient haben könnten, so die Erklärung.

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Die Wissenschaftler vermuten allerdings, dass nicht nur ein Insekt dargestellt sein soll. Die rundlichen Strukturen an den Enden der Gliedmaßen erinnern ihnen zufolge an die bekannten Abbildungen des sogenannten „Squatter Man“. Dabei handelt es sich um stilisierte Abbildungen menschlicher Gestalten in Verbindung mit Kreisstrukturen, die von vielen Fundorten der Welt bekannt sind. Welche Bedeutung diese prähistorischen Abbildungen haben, ist allerdings bisher unklar. Wie die Forscher erklären, scheint es sich bei der Darstellung aus dem Iran um eine Kombination aus Gottesanbeterin und diesem mysteriösen Motiv zu handeln.

Uralte Faszination für die skurrilen Raubinsekten

Doch warum eine Gottesanbeterin? Naserifard und seine Kollegen sehen in der Darstellung einen Beleg für die Faszination vieler Menschen für diese skurrilen Raubinsekten. Gottesanbeterinnen besaßen auch in der Mythologie der mesopotamischen Völker eine Bedeutung, berichten die Forscher. Und auch bei den alten Ägyptern spielten die Fangschrecken eine religiöse Rolle: Im ägyptischen Totenbuch erscheinen Gottesanbeterinnen als Wesen, die die Toten auf ihrem Weg in die Unterwelt begleiten. „Gottesanbeterinnen haben Menschen schon immer fasziniert und zum Gruseln gebracht – wegen ihrer Tarn- und Mimikry-Fähigkeiten, ihrer rabiaten Jagdtechnik und den bizarren sexuellen Verhaltensweisen“, schreiben die Forscher.

Verschiedene Erklärungen scheinen somit möglich, warum vor Jahrtausenden jemand einen „Fangschrecken-Mensch“ in den Fels geritzt haben könnte. In diesem Zusammenhang erwähnen die Wissenschaftler am Ende noch einen interessanten Aspekt: Vielleicht war der Künstler in Trance. Eine Hypothese besagt, dass das Erstellen von Felskunst mit dem Verzehr halluzinogener Pflanzen verbunden gewesen sein könnte.

Quelle: Pensoft Publishers, Fachartikel: Journal of Orthoptera Research, doi: 10.3897/jor.29.39400

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