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Geschichte+Archäologie

Römerlager in Bielefeld entdeckt

An der Oberfläche sind Reste des Walls zu erkennen, im Grabungsschnitt der vorgelagerte Spitzgraben. (Bild: LWL/D. Jaszczurok)

Um 12 v.Chr. wagte sich das römische Heer erstmals tief in germanisches Gebiet rechts des Rheins – vermutlich um eine Strafexpedition gegen germanische Stämme zu führen. Danach zogen die Römer immer wieder unter den Kaisern Augustus und Tiberius ins freie Germanien, wie schriftliche Quellen berichten. Sie gelangten bis zur Weser und die Elbe, erlitten dann 9. n.Chr. eine schwere Niederlage in der Varusschlacht. Zwischen 11 und 16 n.Chr. starteten sie weitere, erfolglose Feldzüge. Diese Militärkampagnen sind auch durch die Überreste römischer Lager bezeugt. Ein solches Lager haben Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe jüngst in Bielefeld im Stadtteil Sennestadt identifiziert und freigelegt. Das Besondere an dem Fund: Große Teile der Wallanlage sind erhalten. Umfang und Form des Lagers sind eindeutig erkennbar.

Als die Römer zwischen 12 v.Chr. und 16 n.Chr. immer wieder Feldzüge nach Germanien rechts des Rheins durchführten, legten sie zahlreiche Militärlager an. Wenige Reste dieser Lager haben Archäologen entdeckt, etwa entlang der Lippe – dort zuletzt 2011 in Olfen. Nun fand sich ein weiterer, gut erhaltener Militärposten aus jener Epoche: auf einer Waldfläche in Sennestadt, einem südlichen Stadtteil von Bielefeld. Ein ehrenamtlicher Helfer des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) hatte das Lager entdeckt, als er frei verfügbare Laserscans der Geländeoberfläche durchforstete. „Mithilfe von Laserscans aus der Luft kann der Wall des Lagers und somit dessen Ausmaß schon jetzt genau bestimmt werden“, erklärt der Direktor der LWL-Archäologie Michael Rind. Die Experten berechneten einen Umfang von 1,4 Kilometern und eine Größe von ungefähr 26 Hektar, was einer Fläche von circa 36 Fußballfeldern entspricht. „Darin hätten ohne Probleme drei römische Legionen inklusive Hilfstruppen und Tross gleichzeitig untergebracht werden können, also je nach Truppenstärke circa 25.000 Menschen“, berichtet Bettina Tremmel, provinzialrömische Archäologin und Fachfrau für Römerlager. Die Dimensionen und die Form des Lagers erinnern die Forscher an vergleichbare Anlagen aus der Zeit des Kaisers Augustus, der von 27 v.Chr. bis 14 n.Chr. über das Römische Reich herrschte. „Uns fehlen leider bislang noch römische Funde, die eine engere Datierung möglich machen würden“, bedauert LWL-Archäologin Tremmel.

Das Militärlager grenzte mit einer Seite an einen Bach, wo die Römer die mehrere Meter hohe Hangkante als natürlichen Schutzwall nutzten. An zwei Stellen im Wall befanden sich zudem Tore. Die Archäologen identifizierten sie auf den Laserscans als sogenannte Clavicula-Tore – abgeleitet von „clavicula“, lateinisch für Schlüsselbein. Ähnlich der Knochenform waren die Tore so konstruiert, dass der Wall in einem viertelkreisförmigen Bogen nach innen verlief. So ließ sich der Torbereich besser verteidigen.

Ein typisch römisches Marschlager

Einen Abschnitt des Walls haben die Archäologen freigelegt und einen 0,8 Meter tiefen und einst 1,5 Meter breiten Spitzgraben entdeckt. Der Graben verlief vor dem Wall, der ehemals circa 0,6 Meter hoch war. „Solch eine Wall-Graben-Anlage ist typisch für römische Marschlager“, erklärt Tremmel. „Die römischen Truppen legten am Ende jedes Tagesmarsches ein solches Lager an, um darin die Nacht zu verbringen.“ Dazu hoben die Legionäre einen Graben aus und warfen die Erde daneben als Wall auf. Darauf errichteten sie eine Palisade aus Pfählen, die jeder Soldat im Marschgepäck mit sich führte. Marschierte das Heer weiter, wurde die Palisade abgebaut. Wall und Graben blieben unberührt, um das Lager auf dem Rückweg gegebenenfalls wieder zu benutzen. „Ob das in Bielefeld-Sennestadt der Fall war, können wir noch nicht beurteilen“, sagt Tremmel. „Dazu sind noch weitere Forschungen notwendig.“

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Auf den Laserscans lässt sich der Verlauf des Walls erkennen (rote Pfeile). (Bild: Land NRW; LWL/B. Tremmel)

Durch die Grabungen und die Laserscans sehen es die Forscher aber als gesichert an, dass das Marschlager circa 2000 Jahre alt ist und im Zusammenhang mit den Feldzügen des Augustus in Germanien entstanden war. Seine Entdeckung verdanken Forscher der sogenannten LiDAR-Technologie. LiDAR steht für „Light Detection and Ranging“. Bei diesem Verfahren werden von einem Hubschrauber aus Laserimpulse auf den Boden gesendet, mehrere Hunderttausend pro Sekunde. Viele Impulse prallen an den Wipfeln der Wälder ab, manche durchringen die Vegetation und werden vom Boden reflektiert. Die rückläufigen Signale werden von einem Sensor am Hubschrauber registriert. Später am Computer lässt sich die Vegetation herausrechnen und ein Bild des Bodenprofils gewinnen.
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Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)

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