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Jahrhundertfund

Römischer Schienenpanzer in Kalkriese entdeckt

Schiene des Panzers
Eine der Metallschienen des römischen Schienenpanzers aus Kalkriese. (Bild: Museum und Park Kalkriese)

Es ist eine echte Rarität: im niedersächsischen Kalkriese haben Archäologen einen römischen Schienenpanzer entdeckt – eine Rüstung aus Metallplatten. Der rund 2000 Jahre alte Fund ist der bislang älteste und am vollständigsten erhaltene Panzer dieser Art und ermöglicht ganz neue Einblicke in die Ausrüstung römischer Soldaten. Zudem verrät er etwas über das tragische Schicksal seines Trägers.

Lange trugen die römischen Legionäre nur Kettenhemden als Rüstung in der Schlacht. Doch in der frühen Kaiserzeit sorgte die Erfindung des Schienenpanzers für einen effektiveren und bequemeren Schutz. Denn er war mit rund acht Kilogramm Gewicht nur halb so schwer wie ein Kettenhemd und ließ sich schneller und effizienter fertigen. Wurden beim Kampf Teile dieses aus Metallplatten gefertigten Oberkörperschutzes beschädigt oder gingen verloren, konnten sie schnell ausgetauscht werden. Damit brachte der Schienenpanzer wirtschaftliche und logistische Vorteile bei der Versorgung der römischen Armeen mit sich. Bis ins 4. Jahrhundert gehörte der Schienenpanzer zur Standardausstattung der römischen Legionäre.

Fund auf dem antiken Schlachtfeld

Doch wie die römischen Schienenpanzer im Detail aussahen und wie sie gefertigt waren, war bislang nur in Teilen bekannt. Zwar gab es zeitgenössische Abbildungen dieses Rüstungsteils, aber archäologische Funde von Schienenpanzern sind extrem selten. Die bislang beste Auskunft über die technischen Details dieser Schutzrüstung lieferten sechs Hälften von Schienenpanzern, die im englischen Corbridge gefunden wurden. Sie stammen allerdings bereits aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und damit nicht aus der Anfangszeit dieser Neuentwicklung der römischen Soldatenausstattung.

Jetzt liefert ein Fundstück aus dem niedersächsischen Kalkriese ganz neue Einblicke. Bei Ausgrabungen auf dem antiken Schlachtfeld der Varusschlacht stießen Archäologen auf einen mehr als einen Meter großen Gesteinsblock, in dem ein größeres Metallstück verborgen zu sein schien, wie erste Röntgenaufnahmen im Zollamt des Flughafens Münster/Osnabrück nahelegten. Um nähere Details zu enthüllen wurde der gesamte Block ins Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Fürth gebracht. Hort steht der weltweit größte öffentlich zugängliche Computertomograph. Die sogenannte XXL-CT erschließt die einzigartige Möglichkeit, großvolumige Objekte vollumfänglich dreidimensional zu erfassen – so auch beim Fund aus Kalkriese.

Schienenpanzer vollständig und überraschend gut erhalten

Die Aufnahmen enthüllten: Bei dem Fund handelt es sich um einen fast vollständigen römischen Schienenpanzer. Nach derzeitigem Erkenntnisstand besteht der Kalkrieser Schienenpanzer aus 30 einzelnen Platten, nur vier bis fünf Platten fehlen. „Er ist bislang der älteste und der einzig erhaltene römische Schienenpanzer. Dieser Fund liefert uns gänzlich neue Einblicke in die römische Rüstungstechnik“, sagt Salvatore Ortisi von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Schienenpanzer wird zurzeit Platte für Platte freigelegt und restauriert. Die einzelnen Bestandteile der Rüstung sind durch den Druck der aufliegenden Erde zusammengedrückt, aber weitgehend intakt.

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„Trotz der schlechten Erhaltungsbedingungen durch den sauren und sandigen Boden in Kalkriese ist der Schienenpanzer in seiner Komplexität relativ gut erhalten“, berichtet Rebekka Kuiter, Restauratorin im Museum und Park Kalkriese. „Scharniere, Schnallen und die Bronzebeschläge sind gut erkennbar. Und wir haben sogar organische Bestandteile, wie Reste von Leder.“ Den Datierungen zufolge ist der Schienenpanzer rund 100 Jahre älter als die Funde aus dem englischen Corbridge.

(Video: Varusschlacht im Osnabrücker Land)

Damit liefert der Fund wertvolle Informationen über die Frühformen dieser Rüstungen. So waren die Platten schon damals auf ähnlich Weise verbunden wie bei den späteren Versionen. Der Fund lasse eine herausragende handwerkliche Qualität erkennen, die einen großen Tragekomfort erzeugen sollte, erklären die Forscher. Deutliche Unterschiede aber gab es im Aufbau der Rüstung: Im Gegensatz zum englischen Modell entsprach der Schienenpanzer aus Kalkriese mehr einer Weste oder einem Trägerhemd, das die Oberarme freiließ. Hier scheinen die römischen Waffenschmiede später nachjustiert zu haben.

Ein Legionär als Kriegsgefangener

Der Fund aus Kalkriese verrät aber nicht nur etwas über die römische Rüstungstechnik, sondern gibt auch Hinweise auf das Schicksal seines Trägers. Denn im Hals- und Schulterbereich des Schienenpanzers fanden die Archäologen eine sogenannte Halsgeige – eine römische Fessel. Sie besteht aus Metallspangen, die die Hände am Hals fixieren und so die Bewegungsfähigkeit des Gefangenen stark einschränken. Typischerweise wurden diese Fesselungsinstrumente vor allem Kriegsgefangenen angelegt, die dann als Sklaven mitgenommen wurden. Aus dem Fund der Halsgeige nahe dem Schienenpanzer schließen die Archäologen, dass hier ein römischer Legionär von den germanischen Siegern der Varusschlacht mit dem römischen Unterwerfungssymbol gefesselt wurde.

„Der Schienenpanzer ist damit nicht bloß ein einzigartiges archäologisches Fundstück, sondern ebenfalls Teil einer tragischen Szene, die sich hier abbildet“, erklärt der Archäologe und Geschäftsführer vom Museum und Park Kalkriese Stefan Burmeister. „Wir sehen neben all den bisherigen römischen Funden vom Schlachtfeld erstmals ein individuelles Schicksal auf dem Fundplatz Kalkriese, das die schreckliche Seite des Krieges zeigt.“

Quelle: Museum und Park Kalkriese

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