Rückbesiedelte Geisterstadt - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Rückbesiedelte Geisterstadt

Der beeindruckendste Überrest der Stadt Cahokia ist der Pyramidenstumpf „Monks Mound“. (Bild: MattGush/iStock)

Die geheimnisvolle nordamerikanische Indianer-Metropole Cahokia wurde um 1400 n. Chr. für immer verlassen, nahm man bisher an. Doch eine Studie dokumentiert nun, dass der Ort nach dem Ende der Mississippi-Kultur nicht dauerhaft menschenleer blieb: Ab dem 16. bis ins 17. Jahrhundert hinein bevölkerten demnach erneut sesshafte Indianer das ehemalige Stadtgebiet. Doch noch vor der Ankunft der Europäer in Cahokia war auch diese Siedlungsgeschichte bereits zu Ende gegangen, zeichnet sich ab.

Monumentale Ritualhügel, weitläufige Wohngebiete und Verteidigungsanlagen: Die Indianer-Stadt Cahokia am Ufer des Mississippi war zu ihrer Blütezeit im 11. Jahrhundert die größte präkolumbische Stadt nördlich von Mexiko. Die beeindruckende Siedlung gilt als das Hauptzentrum der sogenannten Mississippi-Kultur, die damals das Tal des mächtigen Flusses prägte. Neben Jagd und Fischfang bildete der Maisanbau auf dem fruchtbaren Schwemmland die Ernährungsgrundlage der Bewohner Cahokias. Die üppige Nahrungsmittelversorgung ermöglichte auf dem Höhepunkt der Entwicklung eine Bevölkerung von mehreren zehntausend Menschen, die in einer hochentwickelten Gesellschaft zusammenlebten. Wie sich in früheren Untersuchungsergebnissen abzeichnete, setzte dann allerdings ein langsamer Niedergang Cahokias ein, der um 1400 in der völligen Aufgabe der Siedlung gipfelte.

Geheimnisvolle Siedlungsgeschichte

Was genau das Ende herbeigeführt hat, ist unklar. Wahrscheinlich spielten aber klimatische Faktoren eine wichtige Rolle: Eine Studie hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass der Niedergang und die Aufgabe Cahokias mit klimatischen Schwankungen und häufigen Überschwemmungen des Kulturlandes durch den nahen Mississippi einhergingen. „Basierend auf den archäologischen Funden ging man bisher davon aus, dass Cahokia anschließend zu einer Geisterstadt wurde“, sagt A.J. White von der University of California in Berkeley. Das hat den Mythos eines von den amerikanischen Ureinwohnern für immer verlassenen Ortes entstehen lassen. Doch wie White und seine Kollegen nun zeigen konnten, bildete der Exodus um 1400 noch nicht das Ende der indianischen Siedlungsgeschichte an dem legendären Ort.

Ihre Ergebnisse basieren neben weiteren Hinweisquellen auf der Analyse von Sedimentbohrkernen. Sie stammen aus dem nahen Horseshoe See, in dem einst die Abwässer des Siedlungsbereichs landeten. Um Rückschlüsse auf die Entwicklung Cahokias zu gewinnen, erfassten die Wissenschaftler vor allem sogenannte Fäkalstanole in den Ablagerungen. Dabei handelt es sich um stabile organische Moleküle, die in unserem Darm gebildet werden, wenn wir Lebensmittel verdauen. Durch Untersuchungen und zeitliche Einordnungen dieser Überbleibsel aus den menschlichen Geschäftchen konnten die Forscher Rückschlüsse auf die lokale Besiedlungsgeschichte ziehen.

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Nicht dauerhaft verlassen

Aus den Ergebnissen geht hervor, dass die Region Cahokia den archäologischen Funden entsprechend um 1400 n. Chr. ein Bevölkerungsminimum erreichte. Doch der Ort blieb anschließend nicht für immer menschenleer: Ab etwa 1500 kam es zu einer erneuten Besiedlung, zeichnet sich in den Analyseergebnissen ab. Das bedeutet: Nach der Aufgabe von Cahokia und einer Zeit der Entvölkerung besiedelten im 16. Jahrhundert erneut Indianer den Bereich der einstigen Stadt. Sie lebten dort bis in das 17. Jahrhundert hinein und ernährten sich vom Maisanbau in umliegenden Feldern aber auch von der Bisonjagd, geht aus den Hinweisen hervor.

Den Forschern zufolge handelte es sich offenbar um Menschen aus der Volksgruppe der Illinois, deren Stammesgebiete sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts über große Teile des heutigen Mittleren Westens erstreckten. Sie lebten zwar ebenfalls sesshaft, entwickelten aber keine so komplexen Gesellschaftsstrukturen wie zuvor die Menschen der Mississippi-Kultur. Deshalb hinterließen sie auch keine so deutlichen archäologischen Spuren, erklären die Wissenschaftler.

Somit zeichnet sich nun ab, dass der Niedergang der Mississippi-Kultur nicht das Ende der Präsenz der amerikanischen Ureinwohner in der Region Cahokia bedeutete: In den 1500er und 1600er Jahren war das Areal der einst beeindruckenden Anlage erneut ein Siedlungsgebiet. Doch noch bevor sich die ersten Europäer in der Region breit machten, war auch diese Geschichte bereits zu Ende gegangen, sagen die Forscher: Kriege unter den Indianerstämmen, die mit der europäischen Kolonialisierung verknüpft waren und eingeschleppte Krankheiten hatten die indianische Bevölkerung in der Region im frühen 18. Jahrhundert bereits drastisch reduziert. Bei der Ankunft der ersten europäischen Siedler wirkte das Areal mit den Überresten der Monumentalbauten deshalb wie schon lange verlassen.

Quelle: University of California – Berkeley, Fachartikel: American Antiquity, doi: 10.1017/aaq.2019.103

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