Faszinierende Figuren: Gabriela Signori über Gertrud die Große Sagalassos, Stadt der Träume - wissenschaft.de
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Faszinierende Figuren: Gabriela Signori über Gertrud die Große

Sagalassos, Stadt der Träume

Die Überreste lange vergangener Träume von Göttern, Macht und Reichtum können vom 29. Oktober 2011 bis zum 17. Juni 2012 im Gallo-Römischen Museum im belgischen Tongeren bestaunt werden. Das Museum zeigt in einer Sonderausstellung knapp 250 Artefakte aus dem Fundus der Grabungen um das antike Sagalassos in den Bergen der südlichen Türkei. Die seit Beginn des römischen Einflusses in Kleinasien zur Blüte gekommene Provinzmetropole beherbergte einst zahlreiche prunkvolle Bauten und Plätze, mit reich verzierten Brunnen und Statuen von Göttern und römischen Herrschern. Nach einigen schweren Erdbeben im 6. und 7. Jahrhundert wurde die Stadt aufgegeben und geriet in Vergessenheit. Erst Ende des 20. Jahrhunderts organisierte der belgische Archäologe Prof. Dr. Marc Waelkens eine großangelegte Ausgrabung der durch ihre unzugängliche Lage kaum von Menschen veränderten Ruinen. Die Früchte dieser Arbeit werden nun zum ersten Mal außerhalb der Türkei in multimedial aufwendig gestalteter Weise im Museum in Tongeren gezeigt.

Gleich der klassischen Dramen dieser Zeit spiegelt die Geschichte von Sagalassos eindrucksvoll den Aufstieg und Niedergang der griechisch-römischen Kultur in Kleinasien wider. Die Bühne dieses Dramas bilden die Höhenlagen des westlichen Taurus-Gebirges, 100 Kilometer nördlich von Antalya, in der türkischen Provinz Burdur. Sein Prolog erzählt von ersten Grenzkonflikten zwischen den Hethitern und „Salawassa“, einer befestigten Siedlung indo-europäischer Einwanderer. Seit Anfang der Eisenzeit zunächst von Phrygiern, dann Lydiern und, seit 546 v. Chr., von Persern beherrscht, nahm der Ort rasch urbane Züge an. Im 4. Vorchristlichen Jahrhundert stellte Sagalassos bereits ein bedeutendes regionales Zentrum dar. Als bedeutend genug muss auch Alexander der Große die Stadt erachtet haben. 334 eroberte er die Stadt und verhalf der griechischen Kultur, die bereits zuvor Anteil am Leben der Menschen und der Entwicklung der Stadt gehabt hatte, zum endgültigen Siegeszug. Nach zwei Jahrhunderten hellenistischen Einflusses wurde die Polis Sagalassos ab 129 v. Chr. Teil des Imperium Romanum. Nach den kriegerischen und politischen Wirren im ersten vorchristlichen Jahrhundert erlebte die Stadt seit Beginn der römischen Kaiserzeit eine lange Blüte: Durch verbesserte Verkehrswege konnten ihre Bewohner rege am Mittelmeerhandel teilnehmen, vor allem mit Oliven und Töpferwaren. Infolge des gestiegenen Reichtums entstanden zahlreiche Prachtbauten wie Bäder, ein Macellum (Lebensmittelmarkt), zwei Agoren und ein Amphitheater mit Blick auf die Berge. Später widmete man Kaiser Hadrian einen Ehrentempel, ebenso seinem Nachfolger Antoninus Pius, in dessen Zeit auch eine mit zahlreichen Statuen und Säulen geschmückte Brunnenanlage entstand, das antoninische Nymphaeum. Den angesichts dieser kulturellen Blüte fast traurig anmutenden Epilog leiteten seit 400 nach Christus anhaltende Konflikte mit den Ostgoten ein. Doch auch der Bau eines neuen Mauerrings verhinderte schließlich nicht das Eindringen der Pest, die in den Jahren 541/42 die halbe Bevölkerung der Provinz Asia Minor hinwegraffte. Den Schlussakt stellten dann jedoch die beiden schweren Erdbeben um 500 und 590 dar. In der darauf fast vollständig eingeebneten Stadt gab es danach nur noch kleine Siedlungskerne um die alten Tempel, die im Zuge der Christianisierung zu Kirchen umgestaltet worden waren. Als die Seldschuken im 13. Jahrhundert diese letzten Siedlungen unter ihre Herrschaft brachten, hatten sie bereits das heute nahe der Grabungsstätte gelegene Ağlasun zum neuen Hauptort der Region gemacht.

Die Wiederentdeckung der einstigen Großstadt ließ viele Jahrhunderte auf sich warten. Erst im 18. Jahrhundert entdeckten französische Gesandte die Ruinen wieder. Als die Reste des antiken Sagalassos identifiziert wurde de Ort aber erst ein Jahrhundert später durch den Briten Francis Arundell. Das Interesse zeitgenössischer Archäologen fand er jedoch nicht. So vergingen noch einmal über 100 Jahre, bis 1985 ein britisches Projekt zur Aufnahme antiker Stätten des ehemaligen Pisidien, an dem auch der spätere Grabungsleiter von Sagalassos Marc Waelkens von der Katholischen Universität in Leuven beteiligt war, die Ruinen genauerer Untersuchung unterzog. Damals als aussichtsreichen Ort für Grabungen prospektiert, leitet Waelkens daher seit 1990 ein großangelegtes Projekt, an dem nicht nur Archäologen beteiligt sind, sondern auch zahlreiche Wissenschaftler aus dem Bereich der Geowissenschaften, der Archäobotanik, der Archäozoologie sowie der Geoinformatik. Außerdem wurden mehrere Gebäudestrukturen, darunter auch das antoninische Nymphaeum, teilweise wiedererrichtet mittels Anastylose, einer genauen Rekonstruktion unter hauptsächlicher Verwendung der originalen, am Ort aufgefundenen Bausubstanz. Die im Rahmen der Grabungen gefundenen Relikte, von Prunkbüsten bis hin zu Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens, sind zahlreich und erlangten auch schon einige Berühmtheit, so zum Beispiel die großen Köpfe zweier mehrere Meter hoher Statuen Hadrians und Antoninus, über deren Fund 2007 und 2008 in der britischen BBC berichtet wurde. Das Teile dieser Funde, eingeschlossen der Kopf der Hadrian-Statue, nun erstmals in einem Museum in Europa zu sehen sein werden, verdankt sich zum Großteil den Bemühungen von Grabungsleiter Waelkens. Der Spezialist für ostmediterrane Archäologie ist Mitglied zahlreicher internationaler wissenschaftlicher Netzwerke. 2001 erhielt er den begehrten John E. Solvay Preis für Geisteswissenschaften in Belgien. Ein Jahr später ehrte ihn die Türkei mit der höchsten Auszeichnung für Ausländer, der Medaille für überragende Verdienste. 2009 wurde der Forscher von König Albert von Belgien zum Ritter geschlagen.

Dass die Wahl des Ortes der Sonderausstellung auf das just 2011 mit dem „European Museum of the Year Award“ ausgezeichneten Gallo-Römischen Museum in Tongeren fiel, überrascht daher kaum. Ganz im Sinne des eigenen Anspruchs baute das Museum bei der Konzeption der Ausstellung daher auf eine Mischung traditioneller Formen der Präsentation der Artefakte mit neuen, multimedialen Methoden. Über dem ihr zentralen architektonischen Modell der Stadt, welches durch Infobildschirme multimedial ergänzt wird, zeigt ein großer Bildschirm im Winkel von 270 Grad Impressionen der Grabungsstätte. Die Präsentation der Artefakte erfolgt in einer kunstvollen, an das Chaos nach dem letzten Erdbeben in der Stadt angelehnten Kulisse von Opernregisseur Guy Joosten. Die im Vorraum präsentierten Filme mit Inhalten zu Wissenschaft und Technik der Archäologen soll der Ausstellung außerdem eine pädagogische Form geben.

Quelle: Daniel Tuttenuj
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