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Geschichte+Archäologie Gesellschaft+Psychologie

Scheidungsfaktor Töchter?

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Credit: Thinkstock
Viele Ehen mit Kindern scheitern – doch dabei gibt es eine seltsame statistische Besonderheit: Paare mit Töchtern haben eine etwas höhere Scheidungswahrscheinlichkeit als solche mit Söhnen. Bisher vermutete man, dass Töchter irgendwie der Auslöser des Effektes sind. Doch nun präsentieren Forscher eine verblüffende neue Erklärung für diesen eigenartigen Zusammenhang: Da Mädchen widerstandsfähiger als Jungs sind, überleben sie häufiger Schwangerschaften, die durch eine kriselnde Beziehung belastet sind.

Der Zusammenhang zwischen Geschlecht der Kinder und der Scheidungsrate ist bereits seit einiger Zeit bekannt. Bisher ging man von einer kausalen Beziehung mit psychologischem Hintergrund aus: Einige Forscher vermuteten, dass Männer Jungs bevorzugen und deshalb eher eine Ehe aufrechterhalten, die Söhne hervorgebracht hat als eine mit Töchtern. „Man nahm also an, dass Mädchen einen negativen Effekt auf die Stabilität der Ehe ihrer Eltern haben“, sagt Amar Hamoudi von der University of Wisconsin-Madison. Doch ihm und seinen Kollegen zufolge handelte es sich wohl um einen voreiligen Schluss – sie glauben, die Ursache ist biologisch.

Ihre Auswertung einer repräsentativen Datenerhebung von US-Bürgern aus den Jahren 1979 bis 2010 belegt zunächst erneut: Das Konfliktniveau in einer Beziehung spiegelt sich in der Scheidungswahrscheinlichkeit deutlich wider. Neben dieser wenig überraschenden Feststellung konnten sie aber auch zeigen, dass das Konfliktniveau Voraussagen über das Geschlecht der Kinder zulässt, die das Paar zu einem späteren Zeitpunkt bekommen wird. Demnach brachten Frauen, die über besonders viele Konflikte berichtet hatten, in den Folgejahren statistisch auffällig häufig Mädchen zur Welt.

Weibliche Embryos sind widerstandsfähiger

Hamoudi und seinen Kollegen zufolge ist die Ursache dieses Effekts vermutlich die vergleichsweise höhere Widerstandsfähigkeit weiblicher Embryos. Es ist bekannt, dass Jungs und Männer von der Geburt bis ins Alter eine höhere Sterbewahrscheinlichkeit aufweisen als das angeblich schwache Geschlecht. Vermutlich gilt dieser Überlebensvorteil auch schon im Mutterleib, legen Studien nahe. Demnach erscheint es den Forschern zufolge plausibel, dass weibliche Embryos auch widerstandsfähiger gegenüber den ungünstigen Effekten von Stress während der Schwangerschaft sind, die durch Beziehungsprobleme hervorgerufen werden.

 

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„Mädchen überleben möglicherweise die gesundheitlichen Folgen von stressigen Schwangerschaften eher als Jungs“, sagt der Forscher. Dadurch werden sie statistisch häufiger in angespannte Ehen geboren, die wiederum oft mit einer Scheidung enden, so die Erklärung. Töchter verursachen demnach also keine höheren Scheidungsraten, sondern sind ein „Nebeneffekt“ von Eheproblemen.

Diese Geschichte repräsentiert somit ein schönes Beispiel dafür, dass Statistiken mit Vorsicht zu genießen sind. Die tatsächlichen Zusammenhänge und Ursache-Wirkungs-Effekte können anders sein, als sie auf den ersten Blick scheinen. Im konkreten Fall heißt die Botschaft: „Wer die dynamischen Prozesse von Familien und Populationen untersuchen will, muss den Untersuchungsrahmen weiter stecken“, sagt Hamoudi: „Die Uhr beginnt nicht erst ab der Geburt zu ticken“.
 

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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Ami|no|säu|re  〈f. 19; Chem.〉 Carbonsäure, die eine Aminogruppe im Molekül enthält, Baustein der Proteine, z. B. Aminoessigsäure

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