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Geschichte+Archäologie

Schiff des englischen Freibeuters Sir Henry Morgan entdeckt

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Ein internationales Forscherteam hat in der Karibik erstmals ein versunkenes Schiff des englischen Piraten und Freibeuters Sir Henry Morgan entdeckt. Rund 350 Jahre lang ruhten die zerschlagenen Überreste der „Merchant Jamaica“ in fünf bis zehn Metern Tiefe vor der Südküste Haitis. In Zusammenarbeit mit der kanadischen Filmgesellschaft Ocean Discovery Network (ODN) hat die Crew unter der Leitung von Schatzsucher Klaus Keppler nun das Wrack geortet. Anhand von zahlreichen Hinweisen und Artefakten konnten sie das Schiff identifizieren.

Es handelt sich definitiv um ein englisches Schiff. Auf einer der Kanonen haben wir die englische Lilie gefunden, erklärt Keppler, Vorstandsvorsitzender der Sea Explorer AG, gegenüber bild der wissenschaft. Das Schiff stamme aus dem späten 17. Jahrhundert. Die Ankerform, Münzen und ein Krug, dessen Alter mit einer Radiokarbondatierung bestimmt wurde, weisen auf einen Zeitraum zwischen 1650 bis 1680. Dass es sich bei dem Wrack tatsächlich um das Schiff von Morgan handelt, zeigt die Bordbewaffnung: Das Schiff hat nur noch sechs kleinere Kanonen, die großen fehlen. Überlieferungen berichten, dass Morgan die großen Kanonen der Merchant Jamaica bergen ließ, nachdem das Schiff untergegangen war. Die leichten Kanonen vom Oberdeck konnten nicht mehr geholt werden, da ein Sturm die Bergungsarbeiten störte. Außerdem deutet die unterschiedliche Größe der restlichen Kanonen auf ein Piratenschiff hin. Einst hatte die Merchant Jamaica rund 30 Kanonen an Bord. Keppler fasst die bisherigen Ergebnisse zusammen: „Mit 98-prozentiger Sicherheit handelt es sich um das Schiff des Freibeuters Henry Morgan.“ Ein letzter Beweis für die Identität des Schiffes wäre die Schiffsglocke oder der Schiffsname. Für eine Dokumentation „Auf den Spuren von Henry Morgan“ wollte Keppler gemeinsam mit der ODN ein Schiff des Seeräubers finden. Es ging ihnen dabei weniger um eine Schatzsuche als vielmehr um historische Aspekte. Sir Henry Morgan war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts der gefürchtetste Pirat in Mittelamerika. Er plünderte und brandschatzte die Bahamas und vergrub dort angeblich zahlreiche Schätze. Der Freibeuter kämpfte unter inoffizieller Zustimmung der englischen Krone gegen die Spanier und plünderte deren Kolonien in der Karibik. Seine herausragendste Leistung, für die er 1674 im Nachhinein von König Charles II. zum Ritter geschlagen wurde, war der Angriff auf Panama-City am 19. Januar 1670: Mit 36 Piratenschiffen segelte er in den Hafen und schlug eine wesentlich größere Streitmacht. Zu dieser Zeit war Panama eine der reichsten Handelsorte der Welt. Morgan plünderte die Stadt und brannte sie nieder. Mit einer immensen Beute machte sich der Pirat ohne seine Mannschaft davon.

Weil der Angriff nur ein paar Tage nach Friedensschluss zwischen England und Spanien stattgefunden hatte, wurde Morgan aber festgenommen und nach England gebracht. Als der König dann 1673 Krieg gegen Holland führte, brauchte er Morgans Wissen über die Karibik und ließ ihn frei. Der Freibeuter wurde schließlich Vizegouverneur von Jamaica und machte die Insel zum Hauptstützpunkt englischer Seeräuberei gegen die spanische Seemacht.

Eigentlich waren Keppler und seine Kollegen auf der Suche nach der „Oxford“, dem Flagschiff von Morgans Flotte. Die Oxford soll nach überlieferten Quellen 1669 an dieser Stelle explodiert und gesunken sein. Mit modernstem Gerät gingen die Schatzsucher auf die Jagd: Ein Magnetometer half ihnen, metallene Gegenstände aufzuspüren und deren Größenordnung zu bestimmen. Ein so genanntes Sidescan-Gerät scannte den Boden ab und brachte Bilder in Fotoqualität. Auch Sonartechnik setzten die Forscher ein. Die Oxford fanden sie nicht, dafür stießen sie auf die Merchant Jamaica. Dieses Schiff ist um einiges wertvoller als das Flagschiff, da es Kunstgegenstände geladen hatte, die nun über das Riff verstreut liegen. Außerdem fanden sie nur zehn Meilen entfernt das Wrack eines vermutlich ebenfalls aus England stammenden Kriegsschiffes aus jener Zeit. Diese Entdeckung überraschte Keppler um einiges mehr als die Überreste des Piratenschiffs: „Das Schiff dürfte dort gar nicht liegen, da von einem untergegangenen Kriegsschiff zu dieser Zeit in dieser Region überhaupt nichts überliefert ist.“ Dieses Kriegsschiff war ein mächtiges Schiff mit über 50 Kanonen an Bord. Solche Schiffe kamen damals in der Karibik äußerst selten vor. „Eigentlich müsste der Verlust eines Schiffes von diesen Ausmaßen verzeichnet sein“, erklärt Keppler. Der einzige überlieferte Untergang eines ähnlich großen Schiffes aus dieser Gegend sei aber etwa 400 Seemeilen entfernt.

In den umliegenden Korallen um die Maerchant Jamaica haben die Schatzsucher noch weitere Kunstgegenstände gesichtet, aber noch nicht geborgen. Dazu und für die Untersuchung des Kriegsschiffs warten sie auf Experten. Anfang nächsten Jahres wollen Keppler und sein Team gemeinsam mit Archäologen, Historikern und Wissenschaftlern von der Universität Haiti wieder auf Tauchfahrt gehen und weitere Bergungsarbeiten vornehmen. In einer weltweit angelegten Wanderausstellung will die Sea Explorer AG die Artefakte dann präsentieren.

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Cornelia Pfaff
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