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Bares aus der Bronzezeit

„Schrott“ mit Kaufkraft

Metallfragmente wie diese Funde aus dem Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern könnten in der späten Bronzezeit als Geld gedient haben. (Foto: Volker Minkus/Thomas Terberger)

Wie bezahlten die einfachen Menschen im bronzezeitlichen Europa, bevor sich das Münzgeld durchsetzte? Offenbar mit genormten Bruchstücken von Bronzeobjekten wie Schwertern, Äxten oder Schmuck, geht aus einer Studie hervor. Die Forscher konnten zeigen, dass die Massen solcher „Schrott-Stücke“ aus verschiedenen europäischen Hortfunden den damals gängigen Gewichtseinheiten entsprachen. Sie schließen daraus, dass die Metallfragmente den Europäern der späten Bronzezeit als alltägliches Bargeld dienten.

Runde Metallobjekte mit offizieller Prägung: Ab der Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. avancierten Münzen zu den Zahlungsmitteln der frühen klassischen Zivilisationen im Westen Eurasiens. Sie sollten das Wirtschaftssystem vereinfachen und standardisieren. Man könnte meinen, dass es zuvor nur auf einem eher simplen Tausch von Waren oder Dienstleistungen basierte. Doch man geht davon aus, dass auch schon vor der Ära des Münzgeldes standardisierte Tauschobjekte in den Wirtschaftssystemen der Bronzezeit üblich waren.

Spezielle Funde im Visier

So kamen Forscher in einer kürzlich erschienenen Studie zu dem Schluss, dass sogenannte Spangenbarren aus Kupfer, die an verschiedenen Fundorten Zentraleuropas entdeckt wurden, als standardisierte Zahlungsmittel gedient haben könnten. Als eine Form von vormünzlichem Geld gilt zudem sogenanntes Hacksilber. Diese Bruchstücke des Edelmetalls wurden im Nahen Osten in der Bronzezeit als eine Form von Geld genutzt, geht aus einer früheren Studie hervor. Wie Nicola Ialongo von der Universität Göttingen und Giancarlo Lago von der Universität Sapienza in Rom nun berichten, könnten in Europa Bronze-Stücke eine vergleichbare Rolle gespielt haben.

Es handelt sich dabei um Objekte aus der späten Bronzezeit (1350 bis 800 v. Chr.), die bei zahlreichen Ausgrabungen in Europa entdeckt wurden und oft einen Hort aus mehreren Einheiten bildeten. Ein markantes Beispiel ist dabei ein etwa 3300 Jahre alter Komplexfund aus dem Fluss Tollense in Mecklenburg-Vorpommern: Die Sammlung aus vielen Bronzefragmenten ließ vermuten, dass sie einst gemeinsam in einem Beutel gelegen haben. War das eine Geldbörse? Der Annahme, dass solche Stücke in der späten Bronzezeit als Zahlungsmittel gedient haben, sind Ialongo und Lago nun systematisch nachgegangen. In ihre Studie flossen Analysedaten von rund 2500 Metallobjekten und -fragmenten aus vielen Hortfunden ein. Für die Auswertungen nutzten die Wissenschaftler ein statistisches Verfahren, das zugrundeliegende Gemeinsamkeiten in Objektdaten aufzeigen kann.

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Das Kleingeld der Bronzezeit

So zeichnete sich schließlich ab: Die Gewichte der analysierten Objekte entsprachen Bruchteilen oder dem Vielfachen bestimmter Einheiten: Sie orientierten sich an Gewichten zum Wiegen, die in dieser Ära in Europa als Maßeinheiten zum Erfassen von Gütern üblich geworden waren, konnten die Forscher verdeutlichen. Wie sie erklären, zeichnet sich ab, dass die untersuchten Stücke absichtlich zerkleinert worden waren, um definierte Einheiten im Zusammenhang mit diesen Normgewichten herzustellen. Die Forscher folgern daraus, dass die Stücke als Bargeld verwendet wurden und dass das Zerkleinern von Bronzeobjekten darauf abzielte, so etwas wie Kleingeld für den alltäglichen Einsatz zu erhalten. Diese Praxis ging mit einem Aufschwung der wirtschaftlichen Entwicklung im westlichen Eurasien in der späten Bronzezeit einher, heben die Forscher hervor.

„Das Bezahlen mit Metallstücken war nicht primitiv, denn diese Art Geld – bevor Münzen erfunden wurden – erfüllte genau die gleichen Funktionen wie das moderne Geld heute“, sagt Ialongo. „Den eigentlichen Wendepunkt bei der Entwicklung stellte wohl das Abwiegen von Gewichten dar, das sich um 3000 vor Christus im Nahen Osten entwickelte. Damit stand erstmals in der Menschheitsgeschichte ein objektives Mittel zur Verfügung, um den ökonomischen Wert von Dingen und Dienstleistungen zu quantifizieren, ihnen also einen Preis zuzuordnen“, sagt der Wissenschaftler.

Quelle: Universität Göttingen, Fachartikel: Journal of Archaeological Science, doi: 10.1016/j.jas.2021.105379

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