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Geschichte+Archäologie

Skandinavien: Walfang begann früher als gedacht

Spielfigur aus Walknochen
Fragmente einer schwedischen Spielfigur aus dem sechsten Jahrhundert (Foto: Bengt Backlund/Rudolf Gustavsson)

Der Walfang hat in Skandinavien schon eine lange Tradition, doch wann begann diese? Bisher war dies mangels eindeutiger Funde strittig. Jetzt jedoch liefern ungewöhnliche Grabbeigaben aus Schweden eine Antwort: aus Knochenmaterial geschnitzte Spielfiguren. Wie Analysen jetzt enthüllen, wurden sie ab etwa 550 vorwiegend aus Walknochen gefertigt. Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass die ersten Walfänger schon lange vor der Wikingerzeit Meeressäuger erlegten.

„Walknochen mit mehr oder weniger deutlichen Bearbeitungsspuren wurden bei Ausgrabungen schon aus fast jeder prähistorischen Periode im Nordatlantikraum gefunden“, erklären Andreas Hennius von der Universität Uppsala in Schweden und seine Kollegen. Aus der Wikingerzeit sind zahlreiche Alltagsobjekte wie Webschiffchen, Spalter und auch Figuren aus Walknochen erhalten. Bisher war jedoch unklar, ob die Knochen für diese Objekte von gestrandeten Walen stammten oder aus dem Walfang.

Walknochen-Spielfiguren als Zeitzeugen

Das Problem: Zwar gibt es Dokumente aus dem Mittelalter, die von frühem Walfang berichten. Doch wie verlässlich sie sind, blieb umstritten. „Das früheste schriftliche Zeugnis von skandinavischem Walfang stammt von Ohthere/Ottar, einem Reisenden und Händler aus dem neunten Jahrhundert, der am Hof von König Alfred von England zu Gast war“, berichten Hennius und seine Kollegen. Ohthere schildert in seinem Bericht die Tötung von mehr als 60 Großwalen in zwei Tagen. Doch der Wahrheitsgehalt dieses historischen Berichts ist strittig – auch weil es keine eindeutigen archäologischen Zeugnisse für solche Jagden gibt.

„Wann in Skandinavien die Ära des Walfangs begann, ist daher noch immer unklar“, so Hennius. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben er und seine Kollegen nach indirekten Beweisen für frühen Walfang gesucht: unter prähistorischen und mittelalterlichen Grabbeigaben. Damals wurden vielen Toten nicht nur Gefäße, Schmuck und andere Utensilien mit ins Grab gegeben, sondern auch Spielfiguren – sozusagen zum Zeitvertreib im Jenseits.

Viele dieser Spielfiguren sind aus Knochen gefertigt, von welchem Tier jedoch ist meist nicht bekannt. Hier setzt die aktuelle Studie an: Hennius und seine Kollegen haben 200 solcher Spielfiguren aus der Zeit von 300 bis 1210 auf ihren Ursprung hin analysiert.

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Walfang schon im sechsten Jahrhundert

Das Ergebnis: Von den 166 aus Gräbern in Schweden stammenden Spielfiguren waren 99 aus Walknochen gefertigt. Diese stammen vor allem aus der Zeit von etwa 550 bis 1050, wie die Archäologen berichten: „Etwa um 550 tauchen Spielfiguren aus Walknochen immer häufiger auf, während Figuren aus Geweihen oder den Knochen von Landtieren weniger werden“, so Hennius und seine Kollegen. „Von dieser Zeit an dominieren Walknochen bis zum Beginn des elften Jahrhunderts, als dann Walross-Stoßzähne häufiger wurden.“

Aus der Menge der Walknochen-Figuren schließen die Forscher, dass es schon im sechsten Jahrhundert eine verlässliche und reichliche Quelle von Walknochen in Skandinavien gab. Für nur zufällig gestrandete und gefundene Wale seien dies zu viele und zeitlich zu sehr verteilte Objekte. „Historische Quellen sprechen dafür, dass es während der Wikingerzeit schon Walfang an den norwegischen und westeuropäischen Küsten gab“, so Hennius und seine Kollegen. „Die Walknochen-Figuren aus dem sechsten Jahrhundert sind nun ein starkes Argument dafür, dass der Walfang schon deutlich früher begann.“

Nach Ansicht der Archäologen sprechen Alter, Herkunft und Verteilung der Spielfiguren zudem dafür, dass es schon im sechsten Jahrhundert einen schwunghaften Handel mit Walprodukten in Skandinavien gab. „Wir vermuten, dass die Walknochen-Figuren aus Nordnorwegen stammten und dass Handelsnetzwerke die norwegische Küste damals mit viele Teilen Schwedens verbanden“, sagen die Forscher. Der Beginn des Walfangs vor knapp 1500 Jahren passe zudem zu einer stärkeren Hinwendung der Menschen damals zu marinen Ressourcen und Fortaschritten in der Bootsbau-Technik.

Quelle: Universität Uppsala, Fachartikel: European Journal of Archaeology, doi: 10.1017/eaa.2018.15

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