Skelettfunde im Londoner Tower - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Skelettfunde im Londoner Tower

Tower of London
Blick auf den Tower of London von der Themse aus (Bild: DaLiu/ iStock)

Im Londoner Tower haben Archäologen zwei Skelette entdeckt, die neue Einblicke in das Leben der „normalen“ Bewohner dieser Palastanlage werfen. Denn die rund 500 Jahre alten Gebeine stammen von einer Frau und einem Kind, die offenkundig eher zum „gemeinen Volk“ gehörten als zur royalen Elite. Ihre Knochen belegen, dass beide ein eher hartes Leben hatten und höchstwahrscheinlich an einer Krankheit starben, wie die Forscher berichten.

Der Londoner Tower ist heute vor allem für seine königlichen Bewohner, die zahlreichen Hinrichtungen und als Aufbewahrungsort der englischen Kronjuwelen bekannt. Doch der mittelalterliche Palastkomplex umfasste auch Werkstätten, Küchen, Kapellen, Pubs, Büros und Unterkünfte für die Männer und Frauen, die im Tower arbeiteten. Seit dem Bau der ersten Festungselemente durch Wilhelm den Eroberer im elften Jahrhundert lebten hunderte solcher Arbeiter und „normale“ Bürger in den Mauern des Towers.

Mehr als nur ein Königspalast

„Diese Festung war fast 1000 Jahre lang bewohnt, aber wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, dass es sich nicht nur um einen Palast, eine Festung und ein Gefängnis gehandelt hat, sondern auch um einen Wohnort derjenigen, die in seinen Mauern arbeiteten“, sagt Alfred Hawkins, Kurator von Historic Royal Palaces. Doch darüber, wie diese „normalen“ Menschen im Tower lebten und wie es ihnen erging, war bislang kaum etwas bekannt. Denn im Gegensatz zu ihren royalen Mitbewohnern fand ihr Schicksal keinen Eingang in historische Dokumente. Während von vielen der im Tower hingerichteten Adeligen zudem die Gräber bekannt und teilweise untersucht sind, gilt dies für die einst dort Arbeitenden nicht.

Doch jetzt haben Archäologen erstmals zwei Skelette entdeckt, die von „normalen“ Bewohnern des Towers stammen. Gefunden wurden sie unter dem Eingang der Kapelle Str. Peter ad Vincula, einer Kirche innerhalb der Festungsmauern. Diese Kapelle diente einst als Gemeindekirche, aber auch als Begräbnisort für einige im Tower hingerichtete Adelige, darunter Anne Boleyn und Catherine Howard, beides Frauen von Heinrich VIII. Wie die neuen Funde nun belegen, wurden im Umfeld dieser Kapelle offenbar auch einfache Towerbewohner bestattet. „Diese Ausgrabung hat neue Information und Artefakte zutage gebracht, die unsere Vorstellungen über die Entwicklung der Kapelle St Peter ad Vincula völlig verändern“, sagt Hawkins.

Frau und Kind aus dem „gemeinen Volk“

Bei den Funden handelt es sich um die weitgehend vollständigen Gebeine einer 35- bis 45-jährigen Frau und die Überreste eines etwa siebenjährigen Kindes. Die beiden Toten wurden flach auf dem Rücken liegend und mit den Füßen in Richtung Osten bestattet – ein Indiz dafür, dass sie nach christlichem Ritus beerdigt wurden, wie die Archäologen berichten. Reste von Sargnägeln im Umfeld des Frauenskeletts sprechen dafür, dass sie einst in einem Sarg bestattet wurde, während das Kind offenbar nur in ein Leichentuch gehüllt war. Aus diesen Merkmalen sowie einer Datierung von Materialien aus dem Umfeld der Gräber schließen die Forscher, dass die beiden Toten zwischen 1450 und 1550 bestattet wurden – zwischen den Rosenkriegen und der Regierungszeit von Edward VI, dem Sohn Heinrichs VIII.

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„Dies sind die ersten vollständigen menschlichen Überreste aus dem Inneren dieser Festung“, sagt Hawkins. „Und als solche geben sie uns nun einen Einblick in das menschliche Element des Towers, das so leicht zu übersehen ist.“ Die nähere Untersuchung der Skelette ergab, dass Frau und Kind keinerlei Verletzungen oder Anzeichen einer Hinrichtung aufwiesen. Stattdessen waren Spuren einer schweren Krankheit zu erkennen, an der sie möglicherweise auch starben. Der Zustand der Knochen und Zähne verrät zudem, dass beide ein eher hartes, entbehrungsreiches Leben führten, wie die Archäologen berichten. Sie schließen daraus, dass diese Toten nicht zum Adel, sondern zu den arbeitenden, einfachen Bewohnern des Tower gehörten. Auch sie wurden damals offensichtlich in dem zur Kapelle gehörende Friedhof bestattet.

„Das ist das Schöne daran, eine königliche Festung archäologisch zu betreuen: Indem wir die hier gefundenen Relikte der Vergangenheit untersuchen, können wir viel darüber lernen, wie unsere Vorfahren lebten und starben“, sagt Hawkins. Die sterblichen Überreste der beiden Toten aus der Tudor-Ära wurden inzwischen im Rahmen einer christlichen Zeremonie auf dem Gelände des Towers erneut bestattet.

Quelle: Historic Royal Palaces

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