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Geschichte+Archäologie

So syphilitisch war London

London war im 18. Jahrhundert eine Brutstätte für Geschlechtskrankheiten. (Bild: William Hogarth, duncan1890/iStock)

Folgenreicher Sex im späten 18. Jahrhundert: Über 20 Prozent der Londoner hatten sich bis zum Alter von 35 Jahren schon einmal mit Syphilis infiziert, haben Historiker anhand von Krankenhaus-Daten berechnet. In den Provinzstädten Englands grassierte die gefährliche Geschlechtskrankheit hingegen nur etwa halb so intensiv. Wie die Wissenschaftler erklären, begünstigte die starke Zuwanderung und die mit der Armut verbundene Prostitution die enorme Verbreitung der Syphilis in der stark wachsenden Metropole.

Neben Pest, Colera und Co suchte in der Geschichte Europas auch ein spezielles Grauen die Menschen heim: Die Syphilis war nicht nur lebensgefährlich, sie wirkte auch wie eine Strafe Gottes für „unzüchtiges“ Verhalten, denn es war klar, wie man sich mit diesem „Leiden der Venus“ ansteckt. Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts begann sich die sexuell übertragbare Erkrankung stark in Europa auszubreiten. Besonders schlimm wütete sie dann auch im 18. Jahrhundert, wie aus zahlreichen Quellen hervorgeht. Sie verweisen dabei auch auf einen ausgesprochenen Hotspot der Syphilis: die expandierende Metropole London.

Die Lust-Seuche im Visier

Wie die Historiker Simon Szreter und Kevin Siena von der University of Cambridge berichten, dokumentieren dies die Tagebücher von James Boswell (1740 bis 1795) besonders eindrucksvoll: Der berühmte Schriftsteller berichtet von zahlreichen schmerzhaften Erfahrungen mit der Syphilis und weiteren Geschlechtskrankheiten. Aus seinen Aufzeichnungen geht auch hervor, wie er sie sich aufgeschnappt hatte: Boswell notierte in seinen Tagebüchern seine häufigen Besuche bei den Prostituierten Londons. Für diese sexuellen Aktivitäten bezahlte er dann im doppelten Sinne: Syphilis war schmerzhaft, lebensgefährlich und die Behandlungsformen der Zeit waren fast so schrecklich wie die Krankheit selbst.

Bei ersten Anzeichen wie Ausschlag oder Schmerzen beim Wasserlassen, hofften die Menschen im georgianischen England, dass sie sich nur Gonorrhoe aufschnappt hatten. War es hingegen die Syphilis, wurden die Symptome schlimmer: Es kam zu lähmenden Schmerzen und Fieber. Unbehandelt konnte die Krankheit dann zu Nervenschäden und zum Tod führen. Das einzige wirksame Behandlungsmittel gegen den bakteriellen Erreger war damals Quecksilber. Die Kur mit dem giftigen Schwermetall hatte allerdings schlimme Nebenwirkungen und erforderte mindestens fünf Wochen stationäre Behandlung. Diese wurde von einigen Krankenhäusern Londons sogar kostenlos angeboten.

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Der Verbreitung auf der Spur

Doch wie schlimm grassierte die „Lust-Seuche“ damals tatsächlich? Um das Ausmaß der Verbreitung mit Zahlen zu untermauern, haben Szreter und Siena große Datenmengen aus Krankenhausinformationsregistern und Inspektionsberichten sowie aus weiteren Quellen der Zeit ausgewertet. Neben London nahmen sie dabei auch die Provinzstadt Chester und ländliche Bereiche Englands ins Visier. So kamen sie vor dem Hintergrund der Bevölkerungszahlen um das Jahr 1775 zu einer Einschätzung der Verbreitung der Syphilis.

Aus ihren Berechnungen geht hervor, dass sich im Durchschnitt jeder fünfte Londoner bis zu seinem 35. Geburtstag mit Syphilis angesteckt hat. Das entspricht einer Wahrscheinlichkeitsrate für eine Ansteckung von 20 Prozent. Im Vergleich dazu war sie in Chester deutlich geringer, ergaben die Berechnungen: Das durchschnittliche Risiko einer Infektion bis zum 35. Lebensjahr lag dort nur bei acht Prozent. “Es ist nicht sehr überraschend, dass sich die Sexualkultur Londons in dieser Zeit von der des ländlichen Großbritanniens unterschied. Aber jetzt wird klar, dass London in einer ganz anderen Liga spielte als selbst größere Provinzstädte wie Chester”, sagt Szreter.

Hotspot der Geschlechtskrankheiten

Die beiden Historiker betonen, dass davon auszugehen ist, dass sich damals eine weitaus größere Zahl von Londonern mit Gonorrhöe oder Chlamydien infiziert hat. “Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Boswells London seinen historischen Ruf voll und ganz verdient”, sagte Szreter. “Man kann sogar davon ausgehen, dass die Mehrheit der Londoner als junge Erwachsene an einer Geschlechtskrankheit erkrankten“, so der Historiker.

Doch warum war London so stark betroffen? Ein wichtiger Faktor war den Autoren zufolge der enorme Zustrom von Menschen, der London schließlich zur größten Stadt der Welt machen sollte. Darunter waren auch viele unverheiratete, verarmte Frauen. Oft waren sie gezwungen, sich durch kommerziellen Sex finanziell zu versorgen. Zudem waren sie auch häufig den Übergriffen von Männern ihres Milieus ausgeliefert. In einer Zeit vor Möglichkeiten der Prophylaxe oder wirksamen Behandlungen konnte die Syphilis sich dadurch stark ausbreiten und auch in andere Bevölkerungsschichten vordringen.

Neben den Einblicken in die Medizingeschichte und Sexualkultur geben die Ergebnisse auch weitere Hinweise, betonen die Historiker: “Syphilis und andere sexuell übertragbare Krankheiten können einen bedeutenden Einfluss auf die Sterblichkeitsrate und auch auf die Fruchtbarkeit einer Bevölkerung haben. Die Infektionsraten stellten somit eine ernsthafte Lücke in unserem historischen Wissen dar, mit erheblichen Auswirkungen auf die Einschätzung von Gesundheit, Demographie und damit auf die Wirtschaftsgeschichte. Wir hoffen, dass unsere Arbeit beitragen kann, dies zu ändern”, sagt Szreter.

Quelle: University of Cambridge, Fachartikel: Economic History Review, doi: 10.1111/ehr.13000

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