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Sommerzeit das ganze Jahr?

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Am Sonntag werden die Uhren eine Stunde zurückgestellt. (thinkstock)
Sonntagnacht ist es wieder soweit: Die Uhren werden eine Stunde zurückgestellt, die diesjährige Sommerzeit geht zu Ende. Gleichzeitig mehren sich die Diskussionen darüber, wie sinnvoll dieser zweimal jährliche Wechsel unseres Tagesrhythmus ist. Immerhin gibt es inzwischen einige Belege dafür, dass er der Gesundheit nicht gerade zuträglich ist. Viele Menschen – auch in Deutschland – sind daher für eine Abschaffung der Zeitumstellung. Doch welche Zeit dann als Dauerzeit gelten sollte, darüber gibt es unter Forschern geteilte Ansichten: Einige halten eine permanente Standardzeit für sinnvoll, andere plädieren für eine dauerhafte Sommerzeit.

Klar ist: Die Zeitumstellung belastet den Körper, denn die innere Uhr stellt sich erst allmählich auf den um eine Stunde verschobenen Rhythmus ein. Für sie ist der natürliche Wechsel von Tageslicht und Dunkelheit der entscheidende Zeitgeber. Diese Synchronisation sorgt dafür, dass unzählige Stoffwechselprozesse und unser Energiehaushalt im Takt bleiben. So wird das Müdigkeitshormon Melatonin beispielsweise nur bei Dunkelheit ausreichend produziert, fehlt dagegen ausreichend Tageslicht am Arbeitsplatz, kann dies ebenfalls die innere Uhr aus dem Takt bringen. Durch die Zeitumstellung geht unser innerer Rhythmus einige Tage lang gegenüber dem Tag-Nacht-Wechsel nach oder vor – und das hinterlässt bei vielen Menschen spürbare Folgen. Schlafstörungen, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme häufen sich und sogar die Zahl der Herzinfarkte steigt, wie 2012 eine schwedische Studie nachwies.

Zeitumstellung abschaffen?

Unter anderem deshalb wird die ursprünglich aus Gründen der Energieersparnis eingeführte halbjährliche Zeitumstellung immer unbeliebter. So sprachen sich bei uns in Deutschland vor kurzem immerhin 71 Prozent in einer bundesweiten Forsa-Umfrage für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus. Interessant dabei: Immerhin 60 Prozent wollen nicht zur dauerhaften Winterzeit zurückkehren, sondern das ganze Jahr die Sommerzeit behalten. Dadurch wäre es zwar morgens länger dunkel, dafür aber bliebe es abends auch im Winter länger hell. Eine solche dauerhafte Sommerzeit wurde in Australien und Großbritannien sogar schon im Parlament diskutiert.

Längst abgeschafft hat Russland den ständigen Wechsel: Im Jahr 2011 entschied Präsident Dmitry Medvedev, dass es keine Zeitumstellungen mehr geben wird. Stattdessen blieben alle neun Zeitzonen des Riesenlandes von da an permanent bei der Sommerzeit. Aber das erwies sich leider nicht als das Nonplusultra: Zwar war diese Entscheidung anfangs populär, seither aber mehrten sich Klagen über gesundheitliche Folgen vor allem im Norden Russlands. Dort stieg 2012 zudem die Zahl der morgendlichen Verkehrsunfälle deutlich an. Medvedevs Nachfolger Wladimir Putin zieht daher in diesem Jahr die Konsequenz: An diesem Sonntag wechselt ganz Russland zurück zur Winterzeit – auf Dauer.

Sommer- oder Winterzeit?

Welche Variante aber ist gesundheitlich besser – ständige Winterzeit oder dauerhafte Sommerzeit? Über dieser Frage scheiden sich auch unter Wissenschaftlern die Geister. So zeigen Studien, dass das Licht am Morgen als Taktgeber für die innere Uhr besonders wichtig ist. Zudem ist die Winterzeit die Standardzeit und entspricht am besten dem natürlichen Tag-Nacht-Wechsel im Jahresverlauf. „Aus medizinischer Sicht ist die Winterzeit für den Organismus gesünder“, erklärt Elisabeth Thomas, Ärztin bei der Gesundheitsberatung der DAK. Denn dann wird es morgens früher hell und das erleichtert der inneren Uhr das Umstellen auf die Tagesaktivität. „Gehen wir dagegen häufig im Dunkeln zur Arbeit oder Schule, dann fehlt uns ein wichtiges Signal“, so Thomas. Welche konkreten Folgen dies auf den Lernerfolg von Schülern haben kann, zeigte 2011 eine Studie zweier US-Forscher im US-Bundesstaat Indiana. Dort gab es bis 2006 einige Regionen mit Zeitumstellung und einige ohne. Wie sich zeigte, schnitten Schüler in den Gebieten mit Sommerzeit signifikant schlechter im staatlichen Schulabschlusstest ab als diejenigen ohne Zeitumstellung.

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Doch es gibt auch Argumente für eine dauerhafte Sommerzeit: Anna Goodman von der London School of Hygiene & Tropical Medicine und ihre Kollegen liefern in einer aktuellen Studie Belege dafür, dass die Sommerzeit für Kinder gesundheitliche Vorteile hätte. Sie verfolgten die Aktivität und die körperliche Bewegung von mehr als 23.000 Kindern in neun Ländern, darunter mehreren europäischen Staaten, Australien, Brasilien und den USA. Dabei zeigte sich, dass sich die Kinder vor allem in Europa und Australien stärker bewegten und mehr draußen spielten, wenn es abends länger hell war – nicht wirklich überraschend. Ähnliches zeigte sich unmittelbar nach der Zeitumstellung zur Sommerzeit. „Der Nachmittag und frühe Abend sind die kritischen Stunden für das Draußenspielen der Kinder“, erklärt Goodman. „Würde man diese Zeit der Helligkeit verlängern, dann könnte dies erheblich zur öffentlichen Gesundheit beitragen.“ Denn Bewegungsmangel sei einer der Hauptursachen für Übergewicht und die Folgekrankheiten. Ob das allerdings die Nachteile durch die dunkleren Morgenstunden ausgleicht, bleibt bisher unklar.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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