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Mittelalter

Spitze Schuhe – schiefe Zehen

Links die Sohle eines spitzen Schuhs aus dem 14. Jahrhundert. (Bild: Cambridge Archaeological Unit). Rechts das Beispiel eines mittelalterlichen Falls von Hallux valgus. (Bild: Jenna Dittmar)

Ein modebewusstes Auftreten kann bekanntlich auf Kosten der Fußgesundheit gehen. Das war auch schon im späten Mittelalter der Fall, berichten Archäologen: Die Häufigkeit einer Fehlstellung der großen Zehe hat im Zuge der Verbreitung der spitzen Schnabelschuhe im 14. Jahrhundert stark zugenommen, zeigen Untersuchungen von Skeletten aus der englischen Stadt Cambridge. Vor allem die wohlhabenderen Schichten litten demnach häufig unter einem sogenannten Ballenzeh.

Hallux valgus heißt der medizinische Fachausdruck: Es handelt sich dabei um eine Fehlstellung der großen Zehe, bei der sie sich übermäßig zu den anderen Zehen neigt, sowie an der Basis eine Ausbuchtung bildet. Je nach Ausprägung können Ballenzehen zu Schmerzen führen und das Gehen und Abrollen des Fußes beeinträchtigen. Als Entstehungsursache dieser Fehlstellung ist neben einer Veranlagung ungünstiges Schuhwerk bekannt: Das häufige Tragen von spitzen, engen oder hochhackigen Schuhen begünstigt durch die unnatürlichen Druckeffekte auf den Fuß die Entstehung eines Hallux valgus.

Blick auf mittelalterliche Füße

Im Rahmen einer Studie ist ein britisches Forscherteam nun der Frage nachgegangen, wie verbreitet Ballenzehen bei den mittelalterlichen Bewohnern der Stadt Cambridge waren. Sie untersuchten dazu Funde von Fußknochen, die von insgesamt 177 Erwachsenen unterschiedlichen Standes stammen, die vom 11. bis zum 15. Jahrhundert in Gräbern der Stadt und ihres Umlandes begraben worden waren. Die Auswertungen ergaben dabei: Nur sechs Prozent der Toten aus dem 11. bis zum 13. Jahrhundert zeigten Anzeichen eines Hallux valgus. Im Gegensatz dazu waren bei den Menschen des 14. und 15. Jahrhunderts durchschnittlich 27 Prozent von Ballenzehen betroffen. Dabei zeichnete sich zudem ab, dass im Vergleich zu den Landbewohnern eher die wohlhabenden Bürger und auch der Klerus von der Fehlstellung der großen Zehe betroffen waren. „Es ist erstaunlich, wie viele damals unter Ballenzehen litten“, sagt Erstautorin Jenna Dittmar von der University of Cambridge.

Wie die Wissenschaftler erklären, spiegelt sich in der Zunahme der Häufigkeit der Fehlstellung das Aufkommen einer markanten Schuhmode im mittelalterlichen Europa wider: Im 14. Jahrhundert wurde die zuvor abgerundete Form der Schuhe immer schmaler und schließlich spitz auslaufend. Dies gipfelte in den sogenannten Schnabelschuhen, die auch Poulaines genannt wurden. „Das 14. Jahrhundert brachte eine Fülle von neuen Kleidungs- und Schuhmodellen in einer großen Auswahl an Stoffen und Farben. Zu diesen Modetrends gehörten auch diese spitz zulaufenden Schuhe“, sagt Co-Autor Piers Mitchell. „Die Überreste von Schuhen, die an Orten wie London und Cambridge ausgegraben wurden, deuten darauf hin, dass im späten 14. Jahrhundert dort fast jeder Schuhtyp zumindest leicht spitz zulief“.

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Buchstäblich überspitzte Schuhmode

Interessanterweise stellten die Wissenschaftler am häufigsten einen Hallux valgus bei den Toten eines Klosterfriedhofs fest. Wie sie erklären, erscheint dies aber durchaus plausibel: „Im 13. und 14. Jahrhundert wurde es zunehmend üblich, dass auch die Mitglieder klerikaler Orden in Großbritannien elegante Kleidung trugen“, sagt Mitchell. „Die Übernahme modischer Kleidungsstücke durch den Klerus war so verbreitet, dass sie sogar in der zeitgenössischen Literatur Kritik hervorrief“. Wie die Wissenschaftler berichten, nahm die Spitzigkeit der Schuhe teilweise so absurde Formen an, dass sich König Edward IV. im Jahr 1463 schließlich zum Eingreifen veranlasst sah: Er begrenzte die maximale Länge der Schuhspitzen auf fünf Zentimeter.

Abschließend heben die Wissenschaftler noch einen weiteren interessanten Befund an den untersuchten Skeletten hervor: Die Personen mit Hallux valgus wiesen auffallend häufig auch Anzeichen von Frakturen an den oberen Gliedmaßen auf, die typischerweise die Folge von Stürzen sind, bei denen die Betroffenen nach vorne auf die Arme gefallen sind. Wie die Forscher erklären, könnte es sich dabei um eine Folge der Fehlstellung der großen Zehe und damit letztlich auch der Schuhmode gehandelt haben: „Die moderne klinische Forschung an Patienten mit Hallux valgus hat gezeigt, dass es die Fehlstellung des großen Zehs den Betroffenen erschwert, das Gleichgewicht zu halten und dadurch das Risiko von Stürzen erhöht“, sagt Dittmar.

Quelle: University of Cambridge, Fachartikel: International Journal of Paleopathology, doi:10.1016/j.ijpp.2021.04.012

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