"Sprechende" Wandgemälde in antikem Grab - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

„Sprechende“ Wandgemälde in antikem Grab

Wandgemälde
Ausschnitt aus einem der Wandgemälde im antiken Grab (Foto: Julien ALIQUOT/ HiSoMA 2018)

In römischen Villen und Gräbern sind prachtvolle Wandgemälde nichts Ungewöhnliches. Doch nun haben Archäologen in Jordanien ein antikes Grab entdeckt, das besonders „sprechende“ Fresken in sich birgt. Denn die Wandmalereien erzählen in mehreren, zeitlich aufeinanderfolgenden Szenen, wie die nahe Römerstadt Capitolias gebaut wurde. Das Besondere daran: Einige der dargestellten Figuren werden von Sprechblasen-ähnlichen Inschriften begleitet – ähnlich einem Comic.

Der Fund war ein glücklicher Zufall: Als Bauarbeiter Ende 2016 vor der Schule des Dorfes Bayt Ras im Norden Jordaniens die Straße aufrissen, stießen sie auf eine Art Tunneleingang. Nähere Untersuchungen und Ausgrabungen enthüllten: Es handelte sich um den Eingang zu einem in den Berghang hineinführenden römischen Grab aus dem ersten Jahrhundert vor Christus. Seither haben Archäologen eines internationalen Teams um Julien Aliquot von der Forschungseinrichtung HiSoMA das antike Grab nach und nach freigelegt.

„Das Grab besteht aus zwei Grabkammern und enthält einen sehr großen Sarkophag aus Basalt“, berichtet Aliquot. „Obwohl es offenbar bereits zuvor ‚Besuch‘ erhalten hat, ist es in einem sehr guten Erhaltungszustand.“ Wie die Forscher erklären, gehörte diese Grabstätte einst zur Nekropolis der antiken Stadt Capitolias, die im späten 1. Jahrhundert v. Chr. gegründet wurde. Sie gilt als typisch für die hellenisierten, aber zum römischen Reich gehörenden Städte, die damals im Gebiet zwischen Damaskus und Amman errichtet wurden.

Szenen einer Stadtgründung

Das Besondere am neuentdeckten Grab aber sind seine Wandgemälde: Sie zieren alle Wände ringsherum und zeigen reich ausgeschmückte Szenen mit insgesamt mehr als 260 Darstellungen von Menschen, Göttern und Tieren. „Diese wimmelnden Figuren bilden eine Erzählung, die sich zu beiden Seiten eines zentralen Gemäldes entlangziehen“, so Aliquot. Die verschiedenen Szenen folgen dabei einem zeitlichen Ablauf: Sie berichten von der Vorgeschichte und dem Bau der Stadt Capitolias. So sieht man links erst eine Bankettszene, in der die Götter den Bau beschließen, dann eine Landschaft mit Bauern, die Früchte und Wein ernten und das Land mit Hilfe von Ochsen bestellen und für den Bau vorbereiten. Dann folgt eine Szene, in der Waldarbeiter Bäume fällen – Baumaterial für die neue Stadt.

Auf der rechten Seite des Grabes sieht man, wie die Befestigungsmauer der Stadt errichtet wird: „Figuren, die Architekten oder Vorarbeitern ähneln, stehen neben Arbeitern, die Material auf dem Rücken von Kamelen und Eseln heranbringen“, beschreibt Aliquot die Szene. „Steinmetze und Maurer erklimmen die Wände, und auch Unfälle sind dargestellt.“ Im letzten Wandgemälde sieht man, wie Priester nach getaner Arbeit zu Ehren der Schutzgötter von Capitolias ein Dankopfer darbringen. An der Decke und beiderseits des Grabeingangs finden sich dagegen Fresken mit eher klassisch-mythologischen Motiven, wie die Archäologen berichten: Der Nil und die Meereswelt sind dort dargestellt, komplett mit Nymphen, die auf Wassertieren reiten. Auch die Tierkreiszeichen und Planeten sind zu sehen.

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Die Entdeckung des antiken Grabes in Bayt Ras (Video: USAID SCHEP)

„Sprechblasen“ im Fresko

Sehr ungewöhnlich sind zudem 60 kurze Inschriften, die in das Fresko des Städtebaus integriert sind: „Diese Inschriften sind Sprechblasen in Comicbüchern sehr ähnlich, denn sie beschreiben, was die Charaktere gerade tun oder sagen. Beispielsweise: ‚Ich behaue den Stein‘ oder ‚Wehe mir, ich bin tot‘. Das ist wirklich außergewöhnlich“, berichtet Aliquots Kollege Jean-Baptiste Yon. Zudem seien diese Texte in aramäischer Sprache verfasst, aber mit griechischen Buchstaben geschrieben. „Diese Kombination der beiden primären Idiome des antiken Nahen Ostens ist extrem rar, so Yon.

Die Wandgemälde geben auch erste Hinweise darauf, wer in diesem Grab bestattet wurde. „Nach unserer Interpretation ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der in diesem Grab liegende Tote die Person ist, die in der Opferszene auf dem zentralen Gemälde als Leiter des Rituals abgebildet ist“, sagt Yons Kollege Pierre-Louis Gatier. „Es muss sich dabei um den Gründer der Stadt Capitolias handeln.“ Noch kenne man allerdings nicht den Namen des Toten. Die Archäologen vermuten, dass dieser auf dem Türstock des Grabes eingraviert sein könnte, diese ist allerdings bisher noch nicht freigelegt.

Quelle: CNRS News

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