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Geschichte+Archäologie

Spuren keltischer Eisenproduktion

Einer der eisenzeitlichen Öfen: Vorne befindet sich das Fundament des Schürkanals an den sich der runde Ofengrundriss anschließt. (Bild: Deutsches Bergbau-Museum Bochum/Dominic Bachmann)

Hier hämmerten die Kelten und schürten die Glut: Das Siegerland war schon vor über 2000 Jahren ein Zentrum der metallverarbeitenden Industrie, belegen neue Funde: Archäologen haben bei Siegen zwei Verhüttungsöfen und ein Schmiedeareal aus dem 2. bis 1. Jahrhundert v. Chr. freigelegt. Vom Fundort sind auch bereits mittelalterliche Spuren der Eisenverarbeitung bekannt. Dadurch zeichnen sich interessante Umbrüche in der Technikgeschichte ab, sagen die Forscher.

Bei den Neuentdeckungen handelt sich um eindrucksvolle Spuren einer Technologie, die einer ganzen Epoche den Namen gegeben hat – der Eisenzeit. Sie löste in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. die Zeit ab, in der die deutlich weichere Bronze die Metallurgie prägte. Aus früheren Funden ist bereits bekannt, dass das Siegerland vor über 2000 Jahren bis zum Ende der Eisenzeit einen Hotspot der Metallproduktion und -verarbeitung darstellte. Nach einer jahrhundertelangen Unterbrechung lebte die Metallherstellung dann im Mittelalter erneut auf und etablierte sich nachaltig. 1965 endete zwar der aktive Bergbau – doch noch immer besitzt die metallverarbeitende Industrie in der Region im Süden Westfalens eine große Bedeutung. Die aktuellen Funde zeigen nun erneut, wie tief diese Tradition in der Geschichte wurzelt.

Wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe berichtet, haben die eisenzeitlichen Hüttenleute im 2. oder 1. Jahrhundert v. Chr. am Fundort „Gerhardsseifen“ bei Siegen-Niederschelden eine Terrasse angelegt, in die Öfen zur Verhüttung eingebaut waren. Wie die Untersuchungen zeigen, waren diese aus einem Gemisch aus Lehm, Ton und Spreu gebaut und im Inneren wurde das Eisenerz verhüttet. Am Boden des Ofens sammelte sich dann schließlich Schlacke und schmiedbares Eisen an.

Neubau wegen „nasser Füße“

Von einem der beiden entdeckten Öfen haben sich nur die Fundamente der Ofenwand erhalten. Wie die Archäologen berichten, zeichnet sich ab, dass dieser Ofen nach kurzer Zeit aufgegeben und durch eine neue Anlage weiter oben auf der Terrasse ersetzt wurde. Diese zweite entdeckte Anlage ist heute noch fast vollständig erhalten. „Wahrscheinlich mussten die eisenzeitlichen Hüttenleute den älteren Ofen zwangsweise aufgeben“, sagt Jennifer Garner vom Deutschen Bergbau-Museum Bochum. „Unsere Ausgrabungen konnten klar nachweisen, dass bei nasser Witterung und vor allem während starker Niederschläge die Hüttenleute sprichwörtlich nasse Füße bekamen. Wahrscheinlich wurde dadurch auch der ältere Ofen beschädigt“, so die Archäologin.

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Zwischen dem älteren und dem jüngeren Ofen stießen sie und ihre Kollegen außerdem auf die Überreste eines Bereichs, in dem die eisenzeitlichen Handwerker das Metall einst geschmiedet haben. Analysen des Areals und der Funde belegen, dass dort beachtliche Mengen Eisenerzeugt und verarbeitet wurden. Bei dieser Beurteilung konnten sich die Archäologen auch auf Ergebnisse eines experimentellen Projekts stützen: 2017 bis 2018 haben sie einen Nachbau eines eisenzeitlichen Ofens getestet. Aus den Ergebnissen ging hervor, dass die Anlagen ohne Unterbrechung wochenlang betrieben werden konnten.

Brüche in der Technikgeschichte zeichnen sich ab

„Das war eine bemerkenswerte Erkenntnis für unser Wissen über die Verhüttung“, sagt Manuel Zeiler von der LWL-Archäologie für Westfalen, „denn bislang galt eine kontinuierliche Prozessführung in der Eisenverhüttung als eine Erfindung des Hochmittelalters.“ Tatsächlich ging den Archäologen zufolge mit dem Ende der keltischen Zivilisation auch ihre hochentwickelte Verhüttungstechnologie verloren.

Erst im 9. oder 10. Jahrhundert nach Christus bauten dann mittelalterliche Hüttenleute am Gerhardsseifen erneut Öfen. Die gute Erhaltung nicht nur der eisenzeitlichen, sondern auch der mittelalterlichen Verhüttungswerkstatt ist international einzigartig, sagen die Experten. So sind auch interessante Vergleiche möglich. Garner betont in diesem Zusammenhang: „Die mittelalterlichen Öfen waren im Vergleich zu den eisenzeitlichen Vorläufern ein klarer technologischer Rückschritt“. Letztlich zeigt die Fundstätte am Gerhardsseifen damit nicht nur außergewöhnliche Zeugnisse der Technologie der Eisenzeit, sondern verdeutlicht auch die Brüche in der Technikgeschichte.

Die archäologischen Strukturen sollen deshalb nun auch langfristig gesichert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden: Auf die archäologischen Maßnahmen werden noch dieses Jahr Konservierungsarbeiten und die Errichtung eines Schutzbaus über die ausgegrabenen Öfen folgen, kündigt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe an.

Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe

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