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Geschichte+Archäologie Gesellschaft+Psychologie

Stammtische besser als ihr Ruf

Tradition bis ins 17. Jahrhundert

Was auch immer an Stammtischen geredet wird und wie auch immer sie zusammengesetzt sind – ihr Ruf scheint davon unberührt zu bleiben: Die Rede ist immer von konservativen bis reaktionären Positionen und Borniertheit.

In aktuellen Diskussionen und Kommentaren wird der Stammtisch immer wieder in diesem Sinne charakterisiert. Dabei liegt doch die Vermutung nahe, dass hier kommunikationsfreudige, also auch aufgeschlossene und somit eher weniger bornierte Menschen zusammentreffen. Erhebungen und Untersuchungen bestätigen das, erklärt der Kommunikationswissenschaftler und Soziologe Franz Dröge von der Universität Bremen.

Das Institut für Demoskopie Allensbach stellte Mitte der neunziger Jahre fest, dass die politische Gedankenwelt der meisten Stammtische ziemlich genau in der Mitte zwischen der Gedankenwelt der CDU/CSU- Anhängerschaft und der Anhängerschaft der SPD liegt. Für den Bremer Professor wie für die Volkskundlerin Gudrun Schwibbe von der Universität Göttingen hat sich das nicht geändert. 85 Prozent der Stammtischbesucher fanden damals die Auffassung richtig: „Rechtsradikale haben nichts aus der Vergangenheit gelernt. Man muss schärfer gegen sie vorgehen“.

Die Befragungen durch Schwibbes Team weisen als Motiv für den Besuch von Stammtischen kein vorrangiges Bedürfnis nach Austausch mit politisch Gleichgesinnten auf. Am häufigsten wurde das Motiv Unterhaltung genannt. Es folgten Geselligkeit, Neuigkeiten erfahren und Diskussion. Bei vielen dieser Nennungen wurde deutlich, dass es den Teilnehmern eben nicht darum geht, einseitig politische Meinungen durchzusetzen, sondern solche ohne Streit und Konflikte auszutauschen.

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Sowohl Dröge als auch Schwibbe glauben, dass Stammtische in der Vergangenheit eher progressiv als konservativ waren. Diese Tradition reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts schrieben in Londoner Cafehäusern so berühmte Journalisten wie Richard Steele und James Addison ihre moralischen Wochenblätter „The Tatler“ und „The Spectator“. „Wenn man sich in Cafehäusern traf und dort über Politik diskutierte und eventuell auch darüber schrieb, war den Herrschenden das seinerzeit genauso verdächtig wie heute die Kneipen“, sagte der Bremer Wissenschaftler.

Die Kneipen gewannen ihren als gefährlich geltenden Charakter in der Zeit, in der sie im 19. Jahrhundert Treffpunkte in der Arbeiterbewegung waren. Da trafen sich Sozialdemokraten oder auch Kommunisten und Gewerkschafter und diskutierten über politische Probleme und auch Aktionen. Hier wurde damals geprägt, was dann der Begriff Stammtischpolitik zum Ausdruck brachte. Dröge: „Insofern ist das ein Begriff hoher politischer Relevanz.“

Die Cafehäuser des 17. und 18. Jahrhunderts waren Treffpunkte des sich von den herrschenden Adelsgruppen abgrenzenden Bürgertums. „Es sind also immer die etwas Unterprivilegierten, denen man andichtet, dass sie an ihren Treffpunkten nur Unsinn reden“, erläutert der Professor. Inzwischen haben sich Stammtische entpolitisiert. Es gibt Untersuchungen zufolge zwar weiterhin viel Politik, aber beispielsweise auch viel Sport. Die Mischung hängt jeweils vom Thema ab, das gerade Konjunktur hat, aber auch von der Zusammensetzung der Stammtische: Es gibt den Akademiker- Stammtisch oder solche einzelner Betriebsressorts. Manchmal finden die Treffen auch unter der weniger belastenden Kennzeichnung „Jour fixe“ statt.

bdw und dpa

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