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Geschichte+Archäologie

Steinwerkzeuge der ersten Frühmenschen

Steinwerkzeug
Eines der Steinwerkzeuge von Bokol Dora 1 in Fundlage. (Bild: David R. Braun)

Wann begannen unsere Vorfahren, Steinwerkzeuge zu fertigen – und wie entwickelten sich ihre Techniken dabei weiter? Eine neue Antwort auf diese Fragen liefern nun mehr als 2,58 Millionen Jahre alte Steinabschläge, die Forscher in Äthiopien entdeckt haben. Anders als noch ältere Steine, die von unseren Vorfahren weitgehend unbearbeitet als Hämmer eingesetzt wurden, sind diese scharfkantigen Werkzeuge gezielt durch Abschlagen schmaler Klingen entstanden. Sie repräsentieren damit die bisher ältesten bekannten Exemplare der sogenannten Oldowan-Werkzeugkultur, wie die Wissenschaftler berichten.

Lange galt der Mensch als das einzige Tier, das Werkzeuge fertigen und nutzen kann. Inzwischen aber haben zahlreiche Beobachtungen unter anderem bei Menschenaffen aber auch Kapuzineraffen gezeigt, dass auch andere Primaten Steinwerkzeuge einsetzen – beispielsweise als Hammer zum Nüsseknacken. Ähnliche einfache Faustkeile nutzten auch unsere Vorfahren schon vor 3,3 Millionen Jahren, wie Funde im Lomekwi in Kenia belegen. Doch nur der Mensch hat im Laufe seiner Evolution gelernt, sich aus Steinen durch gezielte Schläge dünne, scharfe Klingen zu fertigen. Die bisher ältesten Exemplare dieser Oldowan-Technologie sind 2,55 bis 2,58 Millionen Jahre alte Steinabschläge, die Forscher vor einigen Jahren im äthiopischen Gona entdeckt haben.

Entdeckung am Klippenrand

Nun jedoch haben David Braun von der George Washington University und seine Kollegen Oldowan-Steinwerkzeuge entdeckt, die noch ein wenig älter sind. Sie stammen von der Ausgrabungsstätte Bokol Dora 1 (BD 1) in der Afar-Region im Nordosten Äthiopiens. Sie liegt nur rund fünf Kilometer entfernt von der Fundstelle, an der Wissenschaftler vor wenigen Jahren den 2,78 Millionen Jahre alten Unterkiefer eines Frühmenschen entdeckt haben – den bisher ältesten bekannten Vertreter der Gattung Homo. Jetzt könnten Braun und sein Team Steinwerkzeuge entdeckt haben, die ebenfalls aus der Zeit der ersten Frühmenschen stammen. „Zuerst haben wir mehrere Gegenstände an der Oberfläche gefunden, wussten aber nicht, aus welchen Sedimentschichten sie stammten“, berichtet Co-Autor Christopher Campisano von der Arizona State University. „Doch als ich über den Rand einer kleinen Klippe blickte, sah ich Gesteinsbrocken aus der Tonsteinwand ragen. Ich stieg an die Gesteinswand und fand zwei gut erhaltene Steinwerkzeuge, die aus den Hangsedimenten herauswitterten.“


Luftaufnahmen rund um die Fundstelle Bokol Dora (Video: David Feary / MPG)

Es dauerte mehrere Jahre, bis die Archäologen die Gesteinsschicht freilegen konnten, die die Artefakte barg. Dann zeigte sich, dass in dieser Sedimentschicht neben einigen hundert Tierknochen auch rund 300 kleine Steinabschläge eingebettet lagen. Dabei handelte es sich um größtenteils Steine, die eine oder zwei Abschlagsflächen aufwiesen sowie um abgeschlagene Gesteinsklingen. „In vielen Aspekten ähneln die Funde aus BD 1 damit denen früher Oldowan-Fundstätten“, sagen Braun und sein Team. „Sie markieren den Beginn des homininen Verstehens, wie man systematisch und sequenziell Steinklingen abschlägt und herstellt – ein typisches Merkmal der Oldowan-Technologie.“ Datierungen ergaben, dass diese Steinwerkzeuge zwischen 2,61 und 2,58 Millionen Jahre alt sind. Sie sind damit etwas älter als die bisher bekannten Oldowan-Werkzeuge. „Damit ist BD 1 die älteste bekannte Oldowan-Fundstätte“, konstatieren die Forscher.

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Technologiesprung vor rund 2,6 Millionen Jahren?

Gleichzeitig unterscheiden sich die neuentdeckten Steinwerkzeuge deutlich von den weniger stark bearbeiteten und meist nur als Hammer eingesetzten Werkzeugen anderer Primaten oder den 3,3 Millionen Jahre alten Vormenschen-Steinwerkzeugen aus Lomekwi. „Als wir uns die Steinartefakte genauer ansahen und mit statistischen Methoden untersuchten, wurde uns klar, dass sie nur wenig mit den Steinwerkzeugen verbindet, die uns aus älteren archäologischen Fundstellen bekannt sind oder die von heute lebenden Primaten hergestellt werden“, berichtet Co-Autor Will Archer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Zwischen den Hammersteinen von Lomekwi oder heutigen Primaten und den Oldowan-Steinabschlägen fehlen bisher Funde von Übergangsformen, wie die Forscher erklären.

Ihrer Ansicht nach könnte dies darauf hindeuten, dass der Beginn des Oldowan einen Technologiesprung kennzeichnet, den unsere Vorfahren möglicherweise an verschiedenen Orten fast gleichzeitig vollführt haben. „Wenn unsere Annahme richtig ist, dann würden wir erwarten, dass wir ab einem Zeitpunkt vor etwa 2,6 Millionen Jahren, jedoch nicht vorher, eine Art Kontinuität bezüglich der Form dieser Steinartefakte vorfinden“, sagt Braun. „Um diese Annahme hinreichend zu belegen, müssen wir weitere Fundstellen ausfindig machen.“ Die Forscher haben bereits einige vielversprechende Ausgrabungsorte identifiziert und wollen noch in diesem Jahr mit weiteren Grabungen beginnen.

Quelle: David Braun (George Washington University, Washington D.C) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1820177116

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