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Experimentelle Archäologie

Steinzeit-Kunst im Feuerschein

So könnte eine eiszeitliche Feuerstelle ausgesehen haben, die von gravierten Steinen umringt wurde. © Needham et al., 2022, PLOS ONE, CC-BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)

Schon die Menschen der Altsteinzeit ließen sich möglicherweise von „animierten Bildern“ faszinieren. Dies legen Ergebnisse einer experimentellen Studie nahe, bei der Archäologen Versuche mit Nachbildungen von Kalksteinen durchgeführt haben, in die Menschen im heutigen Frankreich vor 15.000 Jahren Darstellungen geritzt haben. Die Steine weisen Erhitzungsspuren auf, die darauf schließen lassen, dass sie eng an Feuerstellen lagen. Wie die Forscher berichten, erzeugte der flackernde Feuerschein bei den Experimenten eine Art Animationseffekt, der die Tierdarstellungen dynamisch erschienen ließ.

Eiszeitliche Höhlenmalereien, Schnitzereien und Gravuren von verschiedenen Fundorten verdeutlichen, wie tief die Kunst in der Menschheitsgeschichte verwurzelt ist. Zu den Objekten, auf denen sich unsere Vorfahren in Europa am Ende der letzten Eiszeit verewigten, gehören dabei auch sogenannte Plaketten, die der Kulturstufe des Magdalénien zugeordnet werden. Es handelt sich dabei um Steine, die mit Gravuren versehen sind und an verschiedenen Fundorten entdeckt wurden. Im Fokus der Studie der Forscher um Andy Needham von der University of York standen nun 50 Plaketten aus Kalkstein, die bereits im 19. Jahrhundert an einem Fundort bei Montastruc in Frankreich entdeckt wurden und sich heute im British Museum in London befinden. Sie werden auf ein Alter von 15.000 Jahren datiert und viele tragen die eingeritzten Darstellungen von Tieren der eiszeitlichen Fauna.

Hitzespuren an gravierten Steinen

Wie die Wissenschaftler berichten, erregten rötliche Verfärbungen an einigen der Steine ihr besonders Interesse. Wie sie erklären, lag nahe, dass es sich um Spuren von Hitzeeinwirkungen handelt, denn bestimmte Substanzen im Kalkstein führen bei hohen Temperaturen bekanntermaßen zu solchen Verfärbungen. Doch auf welche Weise könnten sie an den dekorierten Steinen entstanden sein? Um dieser Frage nachzugehen, wendeten die Wissenschaftler Verfahren der experimentellen Archäologie an. Sie fertigten dazu Nachbildungen einiger der Steine aus einem vergleichbaren Material an, gravierten sie in der Art der Vorbilder und führten anschließend Versuche mit ihnen durch: Sie platzierten die Nachbildungen in unterschiedlichen Entfernungen und Konfigurationen in der Nähe von Lagerfeuern.

„Es erschien möglich, dass die auf einigen Plaketten sichtbaren Hitzespuren nur durch zufällige Expositionen verursacht wurden. Doch aus unseren Experimenten mit den Replikationen geht hervor, dass sie eher darauf zurückzuführen sind, dass sie absichtlich in der Nähe eines Feuers positioniert wurden“, sagt Needham. Konkret legen die Ergebnisse der Experimente nahe, dass sie eine Art Einfassung um Feuerstellen bildeten. Bei den Versuchen sowie durch 3D-Modelle und Virtual-Reality-Darstellungen zeigte sich zudem, wie die prähistorischen Menschen die Steine im nächtlichen Feuerschein wahrgenommen hätten. „Dabei wurde deutlich, dass die sanfte dynamische Lichtquelle die eingravierten Formen animiert erscheinen ließ“, schreiben die Wissenschaftler. Sie vermuten, dass die Menschen dies beim Erschaffen und der Betrachtung der Darstellungen damals ebenso empfanden.

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Untermalte „lebendige“ Kunst Lagerfeuergeschichten?

„Das Schaffen von Kunst im Feuerschein wäre eine sehr sinnliche Erfahrung gewesen, die verschiedene Teile des menschlichen Gehirns aktiviert hätte“, sagt Needham. „Wir wissen, dass das Spiel von Licht und Schatten die menschliche Neigung verstärkt, Formen und Gesichter in unbelebten Objekten zu sehen. Das könnte auch erklären, warum bei vielen Plaketten die natürlichen Merkmale des Gesteins genutzt wurden, um Tiere oder künstlerische Formen darzustellen“, so der Forscher.

Co-Autorin Izzy Wisher von der Universität Durham führt weiter aus: „Während des Magdalénien waren die Bedingungen sehr kalt und die Landschaft war stärker exponiert. Die Menschen waren zwar gut an die Kälte angepasst und trugen warme Kleidung, aber das Feuer war dennoch sehr wichtig, um sich warmzuhalten. Unsere Ergebnisse untermauern dabei die Annahme, dass die warme Glut des Feuers den Mittelpunkt der Gemeinschaft bildete, um sich zu treffen, Geschichten zu erzählen – und sich künstlerisch auszudrücken. Es zeichnet sich ab, wie diese Aktivitäten seit Tausenden von Jahren zu dem gehören, was uns zu Menschen macht, und zudem wird die kognitive Komplexität der prähistorischen Menschen deutlich“, so die Wissenschaftlerin.

Quelle: University of York, Fachartikel: PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0266146

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