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Geschichte|Archäologie Gesellschaft|Psychologie

Steinzeitjäger im Cyberspace

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Der alte Adam stolpert ins 3. Jahrtausend. Zeitenwende: Eine neue Ära bricht an. Doch mit seinen genetisch verankerten Problemlöse-Programmen ist der Mensch an sich besser für die Welt der Altsteinzeit gerüstet.

Bevölkerungsexplosion, Ressourcenknappheit, wachsende Kluft zwischen Arm und Reich – viele globale Herausforderungen müssen gemeistert werden. Selbst der häufig bejubelte Trend zur Informationsgesellschaft birgt Krisenpotential: Viele Menschen sind den Datenlawinen nicht gewachsen. Schon macht der Name einer neuen Krankheit die Runde: „Attention Deficit Disorder“, Aufmerksamkeitsstörung durch Informationsüberflutung. Auch die weltweite ökologische Krise wird von der Menschheit – obwohl verstandesmäßig erkannt – größtenteils unbewältigt mit ins 21. Jahrhundert geschleppt. Dabei beteuern Regierungen, Industrieverbände, Kommunen und Individuen unisono, wie notwendig Umweltschutz sei. Und doch handeln viele entgegen ihren eigenen Lippenbekenntnissen. Warum nehmen Umweltsünder kurzfristige Vorteile – „ex und hopp“ – für wichtiger als die langfristigen Nachteile, die am Ende auf sie selbst zurückschlagen? Der Mensch scheint für das 21. Jahrhundert merkwürdig schlecht gerüstet. Ist er, der sich selbst Homo sapiens – den „Vernunftbegabten“ – nennt, in Wahrheit auf einem Auge blind? Eine neue Forschungsrichtung bietet plausible Antworten. Ihre Vordenker – darunter die Psychologin Leda Cosmides und der Anthropologe John Tooby, beide an der University of California in Santa Barbara – gaben ihr den Namen „Evolutionäre Psychologie“. Verwandte Wissenschaften sind die „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ und die Soziobiologie. Auf einen kurzen Nenner gebracht, lautet die zentrale These: Das Gehirn des Menschen ist ein für vergangene Epochen optimiertes Organ. Seine Denkprozesse sind bestimmten Anforderungen der Jetztzeit nicht gewachsen. Der Klumpen Nervengewebe unter unserer Schädeldecke ist kein Computer, keine neutrale Universal-Problemlösemaschine. Wie Herz, Magen oder Geschlechtsorgane ist das Gehirn ein Produkt der biologischen Evolution. Wie wir heute unsere Umgebung wahrnehmen, was wir davon verarbeiten können, was wir als Problem erkennen und wie wir es zu lösen versuchen, ist – zumindest teilweise – als Erbteil in unseren Genen verankert. Hinter uns liegt ein Selektionsprozeß, der seit 2000000 Jahren läuft: Etwa so alt ist die Gattung Homo. Erst vor frühestens 10000 Jahren begannen Menschen, als Bauern seßhaft zu werden. Danach entstanden größere Siedlungen mit ihrem sozialen und kulturellen Überbau – das, was wir Zivilisation nennen. In den Kategorien der Evolution des Menschen sind 10000 Jahre freilich so gut wie nichts. Nach obiger Rechnung lebte unsere Gattung während 99,5 Prozent ihrer Geschichte als Jäger und Sammler – in nomadisierenden Kleingruppen, die durch baumbestandene Savannen streunten. Wir Jetztzeit-Menschen sind nicht zufällig so, wie wir sind. Wir sind die Nachkommen von Wesen, deren Gehirne die Probleme ihrer Umgebung besser lösen konnten als die von Konkurrenten – und folglich lange genug überlebten, um Kinder zu zeugen. Durch diesen Ausleseprozeß ist auch das menschliche Gehirn ein Produkt der Stammesgeschichte – ebenso, wie und was dieses Gehirn wahrnimmt und welche Problemlösungen es vorschlägt. Was wir für unvoreingenommene Erkenntnisse unseres Verstandes halten, nämlich „spontane Vernunft“ oder „gesunder Menschenverstand“, ist vorgefärbt. Nicht nur unsere Sinnesorgane, auch Wahrnehmungsfähigkeit, Erfahrungsstrukturen, Alltagssprache und Problemlösevermögen sind auf die Welt der Altsteinzeit zugeschnitten. Es ist in Tests mit Versuchspersonen vielfach belegt: Was außerhalb dieses „Mesokosmos“ liegt, wie Vollmer das nannte, empfinden Menschen als unanschaulich und abstrakt – ob Elementarteilchen, Lichtgeschwindigkeit oder allzu komplexe Wirkungsketten. Vor jeder Erfahrung stehen zudem angeborene kognitive Verarbeitungsmuster. Sie sind zwar individuell und kulturell leicht unterschiedlich. Doch ihre Grundzüge sind bei Eskimos und Feuerländern gleich. Der Biologe Rupert Riedl nennt sie die „Arbeitshypothesen unseres Erkennens“: Die Hypothese vom anscheinend Wahren, die Hypothese von den Ursachen und die Hypothese von den Zwecken. Doch der Mensch ist seinen angeborenen Neigungsstrukturen nicht hilflos ausgeliefert. Er kann lernen. Lernen ist eine kognitive Anpassungsleistung an eine veränderte Umwelt. Auch die ökologische Krise der Menschheit ist vor allem eine Lernkrise. Die Alltagserfahrung zeigt: Es gibt durchaus Menschen, die mit komplexen, schwer durchschaubaren Problemen gut umgehen können. Im 21. Jahrhundert sollte es zur Grundaufgabe in Sachen Bildung werden, in abstraktes Denken einzuführen und dies zu trainieren. Verbesserte Selbstreflexion wird später den Verhaltensspielraum bei Schlußfolgerungen und Entscheidungen deutlich erweitern. Ganz wichtig ist: Der alte Adam, der mit seiner altsteinzeitlichen Gen-Ausstattung ins dritte Jahrtausend stolpert, braucht eine angstfreie Psyche und – allerdings selbstkritisches – Selbstvertrauen. Sonst wird er kaum den Mut aufbringen, die ihm angeborenen Wahrnehmungsmuster und Lösungsangebote – den „gesunden Menschenverstand“ – immer wieder in Frage zu stellen.

Dr. Annette Scheunpflug
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