Steinzeitliche Konservennahrung - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Steinzeitliche Konservennahrung

Experimentelle Anthropologie: Ein Forscher entfernt die Haut von einem Beinknochen. (Bild: Maite Arilla)

Sie hatten offenbar zukünftige Notzeiten im Sinn: Menschen der Altsteinzeit lagerten Tierknochen, um das darin konservierte Knochenmark bei Bedarf später verzehren zu können, geht aus einer Studie hervor. Dieser Befund belegt, dass bereits unsere Vorfahren aus der Zeit von vor 420.000 bis 200.000 Jahren nicht nur von der Hand in den Mund lebten, sondern bereits vorausschauend agierten, sagen die Forscher.

Sie bilden normalerweise die Reste einer Mahlzeit – doch manche Knochen haben durchaus noch etwas zu bieten: In den langen Röhrenknochen der Gliedmaßen von Tieren steckt eine besonders nahrhafte und wohlschmeckende Substanz: das Knochenmark. Das fettreiche Gewebe stellte für unsere Vorfahren eine wichtige Nahrungsquelle dar, wie zahlreiche Funde belegen. Es ist deutlich erkennbar, wie die Menschen die Knochen einst aufbrachen und das kostbare Fettgewebe sorgfältig herauskratzten.

Diese Knochen hatten es in sich

Knochenreste mit entsprechenden Bearbeitungsspuren sind auch aus der Qesem-Höhle in Israel bekannt. Sie zeugen von einer menschlichen Besiedlung dieser Höhle vor 420.000 bis 200.000 Jahren. Es ist jedoch auffällig, dass die Bewohner nur bestimmte Körperteile von erlegten Tieren in die Höhe brachten, berichtet das internationale Forscherteam in der aktuellen Veröffentlichung. Die häufigste Beute waren demnach Damhirsche, deren Körper offenbar am Jagdplatz von Fleisch und Fett befreit wurden. „Die Reste wurden dort zurückgelassen – das galt allerdings nicht für die Beine der Tiere – sie wurden in die Höhle gebracht“, sagt Co-Autor Jordi Rosell von der spanischen Universität Rovira i Virgili in Tarragona.

Aus diesen Stücken wurde dort das Knochenmark herausgeholt, wie Bearbeitungsspuren verdeutlichen. Dazu schabten die Menschen zunächst Haut und Gewebeteile von den abgetrennten Gliedmaßen und brachen dann die Knochen auf. Doch geschah das sofort oder wurden die Beine zunächst gelagert und erst später als Nahrungsquelle genutzt? Um dieser Frage nachzugehen, untersuchten die Wissenschaftler, ob die Spuren an den gefundenen Knochen Hinweise liefern, wann das Knochenmark extrahiert wurde. Um sich Vergleichsmaterial zu schaffen, lagerten sie Beinteile von Damwild unterschiedlich lange und führten an diesen Stücken experimentelle Knochenmarks-Extraktionen durch.

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Wie sie berichten, zeichnete sich ab: Durch eine Lagerung wird mehr Anstrengung nötig, um die getrocknete Haut vor dem Aufbrechen von den Knochen zu entfernen. In den experimentellen Bearbeitungsspuren spiegelte sich dies deutlich wider, berichten die Forscher: Wenn sie die Haut nach zwei oder mehr Wochen entfernten, entstanden deutlich mehr kurze Schnitte und Sägespuren an den Knochen. Es zeichnete sich dabei das Prinzip ab: je länger die Lagerungsdauer, desto mehr Bearbeitungsspuren. Dieses Wissen konnten die Forscher anschließend für die Beurteilung der Knochenfunde aus der Höhle nutzen.

Spuren der Lagerung

Es zeigte sich: 80 Prozent der Knochen sind offenbar erst nach einer Lagerungszeit von mindestens vier Wochen aufgebrochen worden. Die Analysen des Knochenmarks ergaben, dass auch eine längere Haltbarkeit möglich war: Die Nahrungsqualität kann bis zu einer Lagerdauer von neun Wochen erhalten bleiben. Somit zeichnet sich ab: „Die Knochen wurden wie Konservendosen verwendet: Erst wenn es nötig war, zog man ihnen die trockene Haut ab, zertrümmerte sie und verspeiste dann das Knochenmark“, sagt Co-Autor Ran Barkai von der Tel Aviv University. Es handelt sich damit um den frühesten bekannten Hinweis auf eine Form der Lebensmittelkonservierung, sagen die Wissenschaftler.

Bisher dominierte die Vorstellung, dass die Menschen der Altsteinzeit noch von der Hand in den Mund lebten – was verfügbar war, wurde sofort konsumiert. Bei einem knappen Nahrungsangebot war hingegen Hungern angesagt und die eigenen körperlichen Reserven wurden aufgebraucht. Aus der aktuellen Studie geht nun hingegen hervor, dass dies wohl nicht uneingeschränkt der Fall war. „Wir zeigen zum ersten Mal, dass vor 420.000 bis 200.000 Jahren prähistorische Menschen in der Qesem-Höhle wussten, dass man die gehaltvollen Knochen unter bestimmten Bedingungen aufbewahren kann, um ihnen bei Bedarf später das Mark zu entnehmen“, resümiert Co-Autor Abraham.

Quelle: American Friends of Tel Aviv University, Faschartikel: Science Advances, doi: eaav982

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