Stör auf dem königlichen Speiseplan - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Stör auf dem königlichen Speiseplan

Stör
Im Wrack entdecktes Holzfass und Stör-Schuppen (Bild: Brett Seymour, Brendan Foley)

Im Jahr 1495 machte sich der dänische König Hans per Schiff nach Schweden auf, um die schwedische Krone zu beanspruchen. Mit an Bord: Ein zerteilter Stör, der als königlicher Fisch und prestigeträchtige Delikatesse galt. Der Fisch sollte vermutlich den Speiseplan beim geplanten Festmahl bereichern und Eindruck schinden. Allerdings kam er nie am Ziel an, denn das royale Flaggschiff sank – und in seinem Wrack blieben die Störteile erhalten.

Für den dänischen König Hans war es eine extrem wichtige Reise: Als er im Frühjahr 1495 von seiner Hauptstadt Kopenhagen zur schwedischen Stadt Kalmar aufbrach, hatte er nichts weniger als eine weitere Krone im Sinn. Bei einem Treffen mit dem Ältesten Sten Sture hoffte er, seinen Anspruch geltend machen zu können und die Herrschaft über Schweden zu erhalten. Entsprechend kostbar waren die Gaben und Güter, die sein Flaggschiff Gribshunden an Bord hatte.

Ein Stör im Schiffswrack

Doch vor der Küste Südschwedens kam es zu einem Unglück: An Bord des Schiffs brach ein Feuer aus und die Gribshunden sank mit ihrer gesamten Fracht. Der König konnte zwar rechtzeitig an Land übersetzen, sein Schiff aber blieb am Grund der Ostsee und geriet in Vergessenheit. Erst in den 1970er stießen Sporttaucher auf das Wrack de mittelalterlichen Schiffs. „Die Struktur des Schiffs und die Materialien an Bord waren außergewöhnlich gut erhalten, dank der sauerstoffarmen, kühlen und salzarmen Umgebung am Grund der Ostsee“, erklären Stella Macheridis von der Universität Lund und ihre Kollegen. „Das Wrack gibt uns detaillierte Einblicke in die Konstruktionstechniken, das Leben an Bord eines royalen Schiffs und auch die alltäglichen Praktiken im spätmittelalterlichen Skandinavien.“

Unter den zahlreichen Gütern an Bord der Gribshunden waren auch einige hölzerne Fässer, von denen eines einen ungewöhnlichen Inhalt hatte: Es enthielt zahlreiche Stücke eines zerteilten Fisches und große Schuppen. Deren Analyse ergab relativ schnell, dass es sich bei diesen Fischresten um einen zerteilten Stör handeln musste – und damit einem schon damals ganz besonderen Fisch. Während Meerestiere, die schwerer waren als ein Mann, zu dieser Zeit als Eigentum des Königs galten, hatten Störe eine Sonderrolle: „Sie gehörten immer dem König, selbst wenn sie leichter waren“, erklären die Forscher. „Sie waren per se royales Eigentum und unterlagen dem Jagdrecht des Königs.“

Ein Fisch als Propaganda-Werkzeug

Entsprechend prestigeträchtig war der Fang eines solchen Fischs. Im Falle des Funds von der Gribshunden kommt noch ein Aspekt hinzu: Wie Vermessungen der Schuppen und DNA-Analysen ergaben, war dieser Stör nicht nur zwei Meter lang, er gehört auch zu der Art Acipenser oxyrhinchus -dem Atlantischen Stör. Diese Störspezies kommt heute nur noch vor der Ostküste Nordamerikas vor, während in europäischen Gewässern der Europäische Stör Acipenser sturio dominiert. Im Mittelalter jedoch gab es den Atlantik-Stör auch noch in der Ostsee – wie nun der Fund seiner Relikte im Flaggschiff des dänischen Königs Hans bestätigt.

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Aufgrund der eher groben Zerstückelung des wertvollen Fischs vermuten Macheridis und ihre Kollegen, dass der Fang des Störs ein ungeplanter Glücksfall war. Er wurde vermutlich von Seeleuten an Bord der Gribshunden gefangen – auf der Fahrt oder kurz vor dem Beginn der Reise vor der Küste von Kopenhagen. „Da König Hans zu dieser Zeit an Bord seines Flaggschiffs war, dürfte ihm der große Wert dieses Fangs nicht entgangen sein“, sagen die Wissenschaftler. Es liege nahe, dass er den Befehl gab, den Fang notdürftig zu konservieren, um mit dieser Rarität seinen Gastgeber zu beeindrucken. Denn Störe waren nicht nur wegen ihrer Größe und Seltenheit begehrt, aus ihrer Schwimmblase wurde auch Klebstoff hergestellt, mit dem Blattgold beim Vergolden auf Pergament oder anderen Untergründen fixiert wurde.

„Der Stör war damit ein Propaganda-Werkzeug – so wie das gesamte Schiff“, erklärt der Meeresarchäologe Brendan Foley von der Universität Lund. „Alles auf diesem Schiff diente einer politischen Funktion, was diese Entdeckung so interessant macht. Sie liefert uns wichtige Information über diesen entscheidenden Moment der Nationenbildung in Europa, zu einer Zeit, als Politik, Religion und Wirtschaft – quasi alles – sich zu verändern begann.“

Quelle: Universität Lund; Fachartikel: Journal of Archaeological Science: Reports, doi: 10.1016/j.jasrep.2020.102480

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