Streitwagen aus dem Fels - wissenschaft.de
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Streitwagen aus dem Fels

Zum Alltag der Urartäer gehörte der Krieg – und zum Krieg vor 3000 Jahren der Streitwagen. Doch erst jetzt haben Archäologen entdeckt, wie die Ostanatolier das Kriegsgefährt konstruierten: mithilfe von Gravuren im Fels.

Das ostanatolische Hochland ist schroff und rau. Die Winter sind bitterkalt, die Sommer kühl und verregnet. Die Niederschläge sorgen immerhin dafür, dass das Land fruchtbar und grün ist. Trotzdem ist das Leben hart in den Gebirgstälern, die von Drei-, Vier- und sogar Fünftausendern umzingelt sind. Doch ungeachtet der unwirtlichen Bedingungen gründeten die Menschen dort vor drei Jahrtausenden den ersten Staat in Ostanatolien: Urartu.

Im Namen des Berges Ararat – mit 5137 Metern der höchste Berg in der heutigen Türkei – klingt die Erinnerung an das längst untergegangene Reich nach, von dessen einstiger Größe die Ruinen imposanter Bauwerke zeugen. Mächtig ragt etwa am Ostufer des Vansees die Burg der alten Hauptstadt Tuschpa in die Höhe.

Um die Festung zu errichten, hatten die Urartäer die Kuppe des steilen Felsens mit großem Aufwand gekappt. Von der Burg ließen sich der gesamte See und das Plateau bis hin zu den fernen Gipfeln überblicken. Unbemerkt konnte sich kein Feind nähern. Das war überlebenswichtig, denn ein starker, aggressiver Widersacher lauerte im Süden: das Assyrische Reich.

Viele Städte zerstört

Zum Staat wurde Urartu wohl aus reiner Not heraus. Um 1250 v.Chr. taucht der Name erstmals auf – in einem Kriegsbericht des assyrischen Königs Salmanassar I. Der rühmt sich darin, auf einem Feldzug gegen das Land Uruatri viele Städte zerstört zu haben. Zu jener Zeit lebten in der unwegsamen Region mehrere nomadische und halbnomadische Völker, von denen selbst die mächtigsten nur die eine oder andere Talsenke beherrschten. Da die Assyrer auch lange nach Salmanassar immer wieder bei den nördlichen Nachbarn einfielen, schlossen sich die verstreuten Urartäer – oder Biainili, wie sie sich nannten – im 9. Jahrhundert v.Chr. zusammen. Ihr Staat sollte zum Bollwerk gegen die assyrische Großmacht werden. Tatsächlich lag er bis zu seinem Untergang um 600 v.Chr. fast ständig im Krieg mit dem Erzfeind.

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Überall in Urartu thronen deshalb, ähnlich wie in Van, Zitadellen auf den steil aufragenden Felswänden. Diese Festungen füllten die Urartäer mit gewaltigen Tempelanlagen, prächtigen Palästen und Kornspeichern, legten üppige Gärten an und trieben tiefe Stollen ins Gebirge, um ihre toten Könige darin zur letzten Ruhe zu betten.

Dort auf dem harten Felsgestein hinterließen sie der Nachwelt auch ein Rätsel, für das erst jetzt – mehr als 2500 Jahre nach dem Untergang des Urartäer-Reichs – Archäologen eine Lösung gefunden haben: An 17 Orten in ihrem einstigen Herrschaftsgebiet, vor allem aber im Zentrum rund um den Vansee, schlugen die Urartäer merkwürdige Symbole in die zuvor abgeflachten Felsen: meistens V-, U-, kreis- oder sichelförmige Gravuren, die bis zu 10 Zentimeter tief und 15 Zentimeter breit sind. Archäologen hielten diese monumentalen Felszeichen mal für Zeichen einer unbekannten Schrift, mal für Kultsymbole, die allerlei Gefahren abwehren sollten.

EINE WERKSTATT AUS STEIN?

Dem Archäologen Erkan Konyar von der Universität Istanbul kam nun eine völlig andere Deutung in den Sinn – eine, die gar nichts mit Kulten oder Geheimschriften zu tun hat, aber sehr viel mit dem kriegerischen Alltag der Urartäer. Seine Idee: Die Vertiefungen waren Pressformen zur seriellen Herstellung von Streitwagen. Und seine Argumente sind durchaus einleuchtend.

Aber der Reihe nach. Anfang des 1. Jahrtausends v.Chr. setzten alle großen Mächte im Nahen Osten Streitwagen ein. Die Urartäer legten, wie auch die Assyrer, besonderen Wert darauf, in ihren Schlachtberichten akribisch die Zahl der erbeuteten Wagen festzuhalten. Auch auf Felsreliefs oder bronzenen Gürtelbeschlägen verewigten beide Seiten oft das gefürchtete Kriegsgerät. Da die Gefährte aber fast gänzlich aus Holz bestanden, überdauerte kein einziger Streitwagen aus Urartu die Jahrhunderte. In mehr oder weniger benachbarten Regionen, in denen das Klima trocken genug ist, konnten Archäologen allerdings das eine oder andere hölzerne Überbleibsel bergen.

In Ägypten fanden Forscher die Räder von diversen Streitwagen, die meist einen Durchmesser von maximal einem Meter aufweisen. Sie belegen auch, dass man ungefähr seit 500 v.Chr. die Holzräder an der Außenseite mit Eisenringen verstärkte, um sie widerstandsfähiger und langlebiger zu machen. Anders als die hölzernen Radteile, sind manche dieser Metallringe erhalten geblieben. Ein Exemplar fand sich in einem lydischen Grab beim heutigen Balıkesir-Ücpınar in der Westtürkei. Der Ring besitzt einen Durchmesser von 1,12 Meter. Einige weitere Exemplare, zwischen 0,85 und 1,5 Meter groß, lagen in Gräbern auf Zypern. Mit diesen Maßen im Kopf hatte Erkan Konyar, als er wieder einmal über die monumentalen Felszeichen grübelte, eine Eingebung: Die meisten kreisförmigen Gravuren der Urartäer haben einen Durchmesser von 1,1 Meter, einige auch nur um die 0,9 Meter, andere um die 1,2 Meter. Könnte es sich bei den Furchen um Hohlformen zum Bau von Rädern handeln?

passt genau!

Konyar wusste von Darstellungen in der urartäischen Kunst, dass die Räder der Streitwagen meist aus zwei konzentrischen Ringen bestanden – einem schmäleren innen und einem dickeren außen –, die beide mit U-förmigen Klammern aus Metall zusammengehalten wurden. Einige solche Klammern sind erhalten geblieben. Sie messen zwischen 13 und 15 Zentimetern, entsprechen also der Breite der Felsfurchen. Auch die übrigen Maße passen: Eine Dicke von etwa 4 Zentimetern, eine Breite von etwa 15 Zentimetern und ein Durchmesser von rund einem Meter scheinen ideal für Streitwagen zu sein. Der Archäologe war sich seiner Sache fast sicher. Aber wie sollte er seine These wissenschaftlich untermauern? Konyar besann sich auf die Ethnoarchäologie.

Aus seiner Kindheit in Dogubayazıt, einem Städtchen im äußersten Osten der Türkei, kannte er Ochsenkarren, deren Räder schwere Lasten aushalten mussten, und anders als die Speichenräder der urartäischen Streitwagen aus massiven, oft aus einem Stück gefertigten Holzscheiben bestanden. Zugleich zuckelten noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein Eselskarren und Pferdekutschen mit Scheibenrädern durch das anatolische Hinterland.

Recherche im Museum

Konyar begab sich in das größte Kutschenmuseum des Landes: nach Bursa in der Westtürkei. Dort sprach er mit Historikern, ließ sich Produktionsweisen erläutern, inspizierte und vermaß Dutzende von Rädern und informierte sich bei Kutschenbauern, die heute noch Wagen oder dekorative Räder für Bars und Cafés herstellen. Die erzählten dem Archäologen, dass in der Türkei traditionell zwei verschiedene Herstellungstechniken verbreitet waren: Räder von luxuriösen Gefährten wie Droschken und Fiakern wurden häufig langwierig und kunstvoll mit herkömmlichen Schreinerwerkzeugen gearbeitet.

Sollten aber möglichst viele Räder möglichst schnell gefertigt werden, bedienten sich die Stellmacher einer quasi industriellen Methode. Sie nahmen ein passendes Stück Holz, etwa von der Eiche. Denn Eichenholz ist zum einen sehr widerstandsfähig, und zum anderen sehr feucht und biegsam. Das Holzstück machten die Wagenbauer erst in heißem Wasser und dann unter Dampf noch geschmeidiger, um es dann in eine metallene Pressform zu drücken und anschließend austrocknen zu lassen. Danach lösten sie das gerundete Holz aus der Form und fügten beide Enden mithilfe von U-förmigen Klammern zusammen. Manche Räder, die aus zwei oder mehr kleineren Stücken zusammengesetzt waren, wurden dementsprechend mehrfach verklammert.

wEICH GEKOCHT

So könnten es auch die Urartäer gemacht haben. Dafür spricht, dass sich neben einigen der urartäischen Gravuren in den Fels gearbeitete Becken befinden. In diesen, davon ist Erkan Konyar überzeugt, übergossen die Urartäer das Holz mit heißem Wasser und „kochten es weich“, ehe sie es zum Trocknen in die steinernen Pressformen drückten. Das legen auch die kleinen Löcher an der Innenseite der Felskreise nahe. Hier ließen sich Nägel versenken, mit denen das nasse Holz in der Form fixiert wurde. In die Löcher, die dabei im Holz entstanden, fügten die Zimmerleute später die Radspeichen ein. Die Speichen, meint Konyar, könnten in den kleineren V-förmigen Pressformen hergestellt worden sein. Dass die Räder für Streitwagen bestimmt waren und nicht etwa für Lastkarren, sei klar: „Speichenräder sind für Ochsenkarren viel zu grazil. Für Streitwagen hingegen, die möglichst schnell und wendig sein müssen, sind sie ideal.“

In den großen V- und U-förmigen Felsrinnen, die insgesamt 0,8 bis 1,2 Meter lang sind, vermutet Konyar die Schablonen für die Verbindungsstücke zwischen Radachse und Deichsel – oder Formen für Teile des Jochs. „Allein die Tatsache, dass die Felszeichen alle eine bestimmte Größe haben, deutet auf eine standardisierte Herstellung der Streitwagen hin. Es wäre also durchaus möglich gewesen, die Gefährte in Serie zu produzieren“, sagt der Archäologe von der Universität Istanbul. Ein ungebrochener Nachschub war aufgrund der ständigen Kriege mit dem Assyrischen Reich auch nötig. Mit reiner Handarbeit wäre das kaum zu erreichen gewesen. Zudem ließ sich dank der Pressformen sicherstellen, dass die Räder immer exakt die gleiche Größe besaßen.

Bestechend einfach

Aufgrund der vielen Darstellungen von Streitwagen in der urartäischen Kunst gehen Experten schon lange davon aus, dass Ostanatolien einst ein wichtiges – wenn nicht das wichtigste – Zentrum der Kriegswagenproduktion war. Da aber weder in urartäischen Quellen die Herstellung beschrieben ist noch irgendeines der ostanatolischen Gefährte die Zeiten überdauert hat, war das Wie vollkommen unklar. Konyars Erklärung ist bestechend einfach – aber beweisen konnte er seine Theorie bislang noch nicht. Trotzdem erhielt er viel Zuspruch von Kollegen im In- und Ausland. Spätestens 2014 will er sich aber ans Experimentieren machen: Er plant, mithilfe der alten Pressformen einen urartäischen Streitwagen nachzubauen.

Dem Reich von Urartu nutzte am Ende das beste Kriegsgerät nichts. Am Ausgang des 7. Jahrhunderts v.Chr. verschwand es aus der Geschichte. Die Gründe sind nicht bekannt, doch so viel ist gewiss: Der Nahe Osten war in Bewegung geraten. Über den Kaukasus drangen Kimmerer und Skythen nach Kleinasien ein. Vom Osten kam das iranische Volk der Meder, das 614 v.Chr. gemeinsam mit seinen babylonischen Verbündeten das Assyrer-Reich überrannte und schließlich vor Urartus Toren stand. ■

Der Wissenschaftsjournalist HAKAN Baykal berichtet oft über das alte Anatolien. Die Vielfalt der alten Kulturen dort ist immens.

von Hakan Baykal

Urartu und seine Nachbarn

Das um 840 v.Chr. entstandene Reich der Urartäer erstreckte sich im Westen bis zum Euphrat, im Norden bis an den Sewansee (im heutigen Armenien), im Osten bis zum Urmiasee im Iran und im Süden bis an die aktuelle Grenze von Türkei und Irak. Das Kerngebiet lag um den Vansee. Bis zum Zusammenbruch um 600 v.Chr. war Urartu fast durchweg im Krieg mit dem Assyrischen Reich, dessen Gebiet vor allem die Könige Tiglatpilesar III. und Assurbanipal ausweiteten.

Panzer des Altertums

Die ersten Streitwagen der Geschichte waren streng genommen gar keine. Um 3000 v.Chr. setzten die Sumerer in Mesopotamien zwei- und vierrädrige Karren als Truppentransporter ein, die von einem oder zwei Tieren gezogen wurden. Ähnliche, wenig ältere Wagen entdeckten Archäologen in den Ebenen nördlich des Schwarzen Meeres. Um die erhebliche Last mehrerer Soldaten in Rüstung tragen zu können, bestanden die Räder dieser Gefährte aus massiven Baumscheiben. Auf der sogenannten Standarte von Ur, einem Holzkasten aus einem Königs-grab um 2500 v.Chr., sind von Ochsen oder Eseln gezogene Vehikel abgebildet, die offenbar als Streitwagen zum Einsatz kamen (Bild rechts). Pferde gab es im Zweistromland erst seit etwa 2000 v.Chr. Ungefähr in diese Zeit fällt auch eine bahnbrechende Erfindung: das Speichenrad. Damit konnten leichtere und dadurch schnellere Karossen gebaut werden – die Streitwagen pflügten nun wie Panzer durchs Schlachtfeld. Wo diese Erfindung gelang, ist nicht bekannt – möglicherweise bei Nomadenstämmen in den Steppen Zentralasiens. In der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends verbreitete sich der Streitwagen im gesamten Nahen Osten. Erstmals erwähnt wir das Gefährt in einem hethitischen Text des 14. Jahrhunderts. Im folgenden Jahrtausend verloren die Kriegswagen aber immer mehr an Bedeutung. Letztlich erwies sich die Reiterei als günstiger, wendiger und effektiver.

Kompakt

· Seit Langem versuchen Forscher, das Rätsel der geometrischen Felszeichen zu lösen, die von 17 Orten in Ostanatolien bekannt sind.

· Jetzt hat ein türkischer Archäologe herausgefunden: Die Urartäer nutzten die Felsrillen als Pressformen für hölzerne Wagenteile.

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Ein Überblick über 10 000 Jahre Zivilisationsgeschichte in Kleinasien: Michael Zick TÜRKEI – WIEGE DER ZIVILISATION Konrad Theiss, Stuttgart 2013 2. aktual. Aufl., € 36,95

Geschichte und Kultur Urartus auf dem neuesten Stand der Wissenschaft: Kemalettin Köroglu, Erkan Konyar (Hrsg.) URARTU – TRANSFORMATION IN THE EAST Yapi Kredi Yayinlari, Istanbul 2011, € 49,–

Zur Frühgeschichte Südkaukasiens: Adam T. Smith PROMETHEUS UNBOUND: SOUTHERN CAUCASIA IN PREHISTORY Journal of World Prehistory 19(4), 2005, S. 229–279

Über den Staat der Urartäer: Reinhard Bernbeck POLITISCHE STRUKTUR UND IDEOLOGIE IN URARTU Archäologische Mitteilungen aus Iran und Turan 35/36, 2003/2004, S. 267–312

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