Stunk im Steinzeit-Atelier - wissenschaft.de
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Geschichte+Archäologie

Stunk im Steinzeit-Atelier

Die Neudatierungen wirbeln Staub auf: War der Neandertaler Erfinder der ersten Musikinstrumente und Maler der ältesten Höhlenbilder – oder der moderne Mensch?

ER HATTE SCHON IMMER einen schweren Stand. Seit seiner Entdeckung 1856 haftet dem Neandertaler das Vorurteil an, ein Keule schwingender Grunzer gewesen zu sein. Schuld an diesem Zerrbild ist die überhebliche Wissenschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ihre Vertreter vergaben nur an die eigene Art die Krone der Schöpfung. Alle anderen, so die damalige Vorstellung, lebten in den Kronen der Bäume. „Idiot“, „Flachkopf“ und „ rachitischer Kosak“ wurde der Neandertaler anfänglich genannt. Wer schwang hier wirklich die Keule?

Versöhnlicher klingen die Töne erst seit den 1960er-Jahren. Eine zunehmend aufgeklärte Wissenschaft stellte richtig, dass die mutmaßlichen Unholde aus der Eiszeit hoch entwickelte Menschen waren, anatomisch wie kulturell. Sie pflegten das Familienleben und behaupteten sich in einer lebensfeindlichen Umwelt besser, als es der Mensch der Neuzeit vermocht hätte. Neandertaler bestatteten ihre Toten mit komplexen Riten. Sie experimentierten, um das beste Verfahren zur Herstellung von Birkenpech zu finden. Sie versuchten sich wahrscheinlich als Künstler und waren vielleicht sogar musikalisch. Aus dem Flachkopf war im Urteil der Wissenschaftler ein Multitalent geworden.

URHEBERSCHAFT UNGEWISS

Doch jetzt muss der Neandertaler wieder um einige Erfindungen bangen, deren Urheberschaft ihm in den vergangenen 50 Jahren zugeschrieben wurde. Denn viele davon tauchten vor 45 000 bis 40 000 Jahren zum ersten Mal in unseren Breiten auf. Bislang galt, dass in diesem Zeitabschnitt nur Homo sapiens neanderthalensis in Europa lebte. Aber die aktuellen Daten der Radiokohlenstoff-Datierung nach Ultrafiltration (siehe voranstehender Beitrag) stellen dem Ur-Europäer einen Nachbarn an die Seite, der ebenfalls entwarf, erfand und entwickelte, was das Zeug hielt: Der aus Afrika über Asien eingewanderte Homo sapiens sapiens war zur fraglichen Zeit bereits in Europa heimisch. Wer also brachte wem die Flötentöne bei?

Klarer Fall, sagen jene, die dem stämmigen Ur-Europäer Kunst- und Fingerfertigkeit zusprechen. Einer der nachdrücklichsten Befürworter dieser These ist João Zilhão. Der Forscher von der Universität Barcelona verweist auf die Funde aus der französischen Grotte du Renne. In einer Sedimentschicht dieser Höhle unweit Auxerre in Burgund entdeckten Ausgräber Ahlen zur Lederbearbeitung und 36 durchlochte Wolfs- und Rentierzähne als Schmuckanhänger oder Amulette – und daneben Knochen von einem Neandertaler. Der mutmaßliche Erfinder lag anscheinend in seiner eigenen Werkstatt begraben.

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STREIT UM DIE GROTTE DU RENNE

Zu einfach, widerspricht Paul Mellars. Der Archäologe aus Cambridge erkennt in den Schichtenfolgen der Grotte du Renne etwas ganz anderes als sein Kollege in Spanien: Die Ahlen aus dem ältesten Nähkästchen der Menschheit könnten aus einer jüngeren Bodenschicht in einen tieferen Horizont hineingeraten sein, in dem die Neandertaler-Knochen lagen, so Mellars‘ Gegenthese. Er sieht überzeugende Anzeichen dafür. Stimmt seine These, dann wären die Artefakte jünger und gehörten bereits in die Zeit des Homo sapiens. Mellars frohlockte 2010: „Jetzt ist er zusammengebrochen, der einzige eindrucksvolle und bislang häufig genannte Pfeiler der Beweise für komplexe Symbolhandlungen bei den späten Neandertaler-Populationen in Europa.“

PALÄOLITHISCHE PENDELSCHWÜNGE

Wenige Zentimeter Sediment entscheiden in Burgund über ein ganzes Menschenbild, und das Zielfoto steht noch immer aus. Entscheidungshilfe versprach erneut die Ultrafiltrationsmethode. Denn neben den Ahlen und Zahnamuletten der Grotte du Renne lagen auch Tierknochen. Deren Kollagengehalt war hoch genug, um mit Aussicht auf Erfolg lange kohlenstoffhaltige Moleküle herauszufiltern und mit der C-14-Methode zu datieren. Demnach starben die Tiere vor 35 500 bis 41 000 Jahren – in einer Epoche also, in der nach den neuesten Erkenntnissen nur noch wenige Neandertaler in Europa lebten, aber der anatomisch moderne Mensch schon verbreitet war. Das Pendel schlug somit in Richtung Homo sapiens sapiens aus …

… um gleich darauf zurück- zuschwingen. 300 Kilometer südwestlich der Grotte du Renne, nahe der Kleinstadt Saint-Césaire, war 1976 das Skelett eines Neandertalers entdeckt worden. Eine neue Datierung durch Wissenschaftler um Jean-Jacques Hublin ergab nun: Das Individuum hat vor 42 000 bis 40 500 Jahren gelebt. Demnach haben Neandertaler noch im weiteren Umkreis existiert, als in der burgundischen Höhle Tierzähne an Lederkleidung oder auf eine Lederschnur gefädelt wurden.

Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, hält es für möglich, dass sich der Neandertaler diese Techniken vom Homo sapiens sapiens abgeschaut hat: „In den letzten Jahrtausenden, bevor sie verschwanden, scheinen hier Neandertaler Schmuck hergestellt zu haben. Das geschah genau in jener Zeit, als anatomisch moderne Menschen, die solche Objekte schufen, sich nur wenige Hundert Kilometer östlich oder südlich aufhielten. Meiner Meinung nach kann man daraus schließen, dass diese und andere Erfindungen das Ergebnis einer kulturellen Diffusion waren.“ Simpler ausgedrückt: Die eine Gruppe imitierte die Errungenschaften der anderen.

„Im Fall der Grotte du Renne ist eine Akkulturation, wie der Fachbegriff dafür lautet, durchaus möglich“, stimmt Michael Bolus zu. Der Urgeschichtler an der Universität Tübingen sieht unter den Hammerschlägen neuer Untersuchungsmethoden gleich die gesamte Steingeräte-Industrie des Châtelperronien bröckeln. Unter diesem Namen fassen Experten bestimmte Typen von Klingen, Schabern und Schmuck zusammen, die 1906 erstmals im französischen Châtelperron entdeckt wurden. Finden Archäologen heute andernorts Steinwerkzeug genau dieser Art, wissen sie, dass diese aus derselben Kulturstufe und damit aus demselben Zeitraum stammen. Als Urheber der Châtelperronien-Objekte gilt bei den meisten Wissenschaftlern der Neandertaler – bislang.

Es gibt vergleichbare Kulturstufen, zum Beispiel das Uluzzien in Süditalien. Die dortigen Steinwerkzeuge ähneln denen des Châtelperronien im Nachbarland. Auch für das Design des Uluzzien sollte Homo sapiens neanderthalensis verantwortlich sein. Denn in der Grotta del Cavallo in Apulien fanden Forscher 1964 neben Steingeräten des Uluzzien zwei Milchzähne, die angeblich von Neandertalerkindern stammen sollten. Aber bei einer Nachuntersuchung stellte der auf Zähne spezialisierte Anthropologe Stefano Benazzi 2011 fest, dass die Zähne aus der Grotta del Cavallo einst im Kiefer von Kindern des anatomisch modernen Menschen saßen.

Bolus‘ Folgerung: „Wenn das Uluzzien vom modernen Menschen und das verwandte Châtelperronien vom Neandertaler stammt, gab es vielleicht eine interessante Verbindung zwischen den beiden Menschenformen.“ Fragt sich nur: Wer war Meister und wer Lehrling?

DIE LETZTE HÜRDE

Für Gerd-Christian Weniger ist die Antwort eindeutig: „Was der anatomisch moderne Mensch konnte, konnte der Neandertaler auch.“ Der Leiter des „Neanderthal Museums“ in Mettmann sagt voraus, dass der Humanisierungsprozess des Neandertalers anhalten wird – trotz des Gegenwinds durch die neuen C-14-Daten. „Im Grundwissen beider Arten“, so Weniger, „gab es keine wesentlichen Unterschiede. Der Neandertaler stellte Schmuck her, und er verwendete Farben, auch wenn wir nicht genau wissen, was er damit bemalte. Letztlich sind nur Kleinkunst und Wandkunst die letzte Hürde für den Neandertaler.“ Und die sehen Forscher aus England und Spanien jetzt fallen.

Der unbekannte Urheber der frühesten Wandkunst hinterließ einen roten Fleck. Der prangt noch heute an einer Wand in der Höhle von El Castillo in Spanien. Im Laufe vieler Zehntausend Jahre hat sich das Mineral Kalzit über der Farbe abgelagert und das Frühwerk geschützt. Es gibt noch andere Höhlenkunst in El Castillo, darunter Handabdrücke von Eiszeitmalern, die den Felsen wie Signaturen schmücken. Aber der schlichte rote Fleck zieht derzeit die größte Aufmerksamkeit auf sich. Denn das minimalistische Werk ist laut neuer Datierung die derzeit älteste bekannte Höhlenmalerei der Welt.

ARCHAISCHER STIL IN EL CASTILLO

Das fand Alistair Pike von der University of Southampton im vergangenen Jahr heraus. Der Archäologe bohrte die Kalzit-Ablagerung über der Farbe mit einem Zahnarztbohrer an und datierte das gewonnene Pulver mit der Uran-Thorium-Methode (siehe Infokasten „Sprechende Steine“). Demnach ist der rote Fleck mindestens 40 800 Jahre alt – annähernd 5000 Jahre älter als die Malereien in der französischen Chauvet-Höhle, die bislang als die frühesten Kunstwerke dieser Art weltweit galten. Dort soll es der moderne Mensch gewesen sein, der Wisent, Pferd und Wollnashorn auf die Wände malte. In El Castillo, so Alistair Pike, kann das nach den neuen Daten auch der Neandertaler gewesen sein.

Der hat laut Pike in El Castillo eine eigene Handschrift hinterlassen: Punkte, Striche und Handabdrücke sind die archaisch reduzierten Vokabeln, aus denen die Bildsprache in der spanischen Höhle besteht. Keine Spur von realistischen Tierporträts, vom Spiel mit Perspektiven und Felsformen. Der Unterschied im Stil ist deutlich zu erkennen – für den britischen Archäologen so deutlich, als hätte der Neandertaler seine Bilder signiert.

Allerdings: Nach der Grotte du Renne spielen nun auch die Datierungen aus El Castillo Pingpong mit der Urheberschaft. Auf der einen Seite fällt der rote Fleck mit 40 800 Jahren in einen Zeitraum, in dem es gerade noch Neandertaler gab. Auf der anderen Seite lebte auch der Cro-Magnon-Mensch zur fraglichen Zeit schon in Europa. Für Jean-Jacques Hublin ist der moderne Mensch auch der Urheber der Kunst von El Castillo. Das könne man erst dann anders sehen, so Hublin, „wenn wir mehrere Datierungen für Höhlenmalereien erhalten, die älter als 50 000 Jahre sind“.

DIE KONKURRENZ WAR SCHON VOR ORT

Hublins Meinung schließt sich auch Thomas Higham an. Der C-14-Experte aus Oxford hält die Daten aus El Castillo zwar für korrekt. Aber an eine Urheberschaft der Neandertaler mag er nicht glauben: „Nach diesen Daten entstanden die Höhlenmalereien genau zu dem Zeitpunkt, in dem der moderne Mensch Europa erreicht hat und der Neandertaler fast verschwunden ist.“

Das Patentamt der Altsteinzeit verzeichnet auffallend viele Entdeckungen im fraglichen Zeitraum. So viele, dass sich auch Chris Stringer fragt: „Waren Neandertaler nun Erfinder oder nicht?“ Der Anthropologe vom Londoner Museum of Natural History fordert: „Bei einigen Fundstätten sind Nachuntersuchungen notwendig, etwa bei den Hütten von Molodova in der Ukraine.“

Diese Bauwerke standen einst in der Eiszeittundra am Fluss Dnjestr. Archäologen fanden an dem Lagerplatz von steinzeitlichen Jägern insgesamt 2500 Mammutknochen, einige davon in einem Kreis angeordnet. Der – so die Interpretation – war der Überrest einer Neandertaler-Behausung, die einst aus den großen Rippen, Stoßzähnen, Schenkelknochen und Schädeln mit dazwischen gespannten Tierhäuten errichtet worden war. Das Leder ist längst verrottet, die Knochen blieben im Kreis liegen.

Solange keine älteren Hütten gefunden werden, gilt Molodova als Archetyp menschlicher Freilandbehausung. Damit stellt sich auch am Dnjestr die Frage nach dem Erfinder. Richtfest für die Ur-Hütte war spätestens vor 44 000 Jahren. Damit muss der Neandertaler auch in der Frage nach dem Erbauer der ersten menschlichen Behausungen um seinen Eintrag ins Grundbuch der Geschichte bangen.

DIE ÄLTESTEN FLÖTEN DER WELT

Auch die Funde mehrerer Flöten in Höhlen des Ach- und Lonetals am Südrand der Schwäbischen Alb sorgen für Misstöne. Einige Flöten waren aus Vogelknochen, andere aus Elfenbein geschnitzt. Alle zeigen, dass der Gebrauch von Instrumenten bereits – laut neuen Datierungen – vor 42 000 bis 43 000 Jahren üblich war. Niemand aber weiß, ob auf den Flöten Musik gespielt wurde oder ob sie für Locklaute auf der Vogeljagd verwendet wurden – und von wem. Michael Bolus: „Ich persönlich sehe schon den anatomisch modernen Menschen als Urheber der Flöten. Aber man wird das weiter diskutieren, solange keine Menschenreste neben den Artefakten gefunden werden.“

Sogar die Fähigkeit, eigenständig Feuer zu machen, könnte man dem Neandertaler absprechen. Denn eine weitere Entdeckung aus dem fraglichen Zeitraum – datiert auf etwa 40 000 Jahre – ist eine Knolle aus Markasit, einem Mineral aus Schwefel und Eisen („ Schwefelkies“). Die Knolle wurde in der Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb entdeckt. Sie trägt deutliche Bearbeitungsspuren. Jemand dürfte mit einem Feuerstein dagegengeschlagen haben – denn dann funkt es. Die Knolle ist das älteste heute bekannte Feuerzeug der Welt. Und Fundzusammenhang plus Datierung stellen sie eindeutig in das Aurignacien, die früheste Kulturstufe des Homo sapiens sapiens in Europa (siehe „ Das Volk ohne Knochen“ im Anschluss an diesen Beitrag).

Keine Frage also, wer hier zündelte. Wenn auch der Neandertaler selbst Feuer entfachen konnte, muss er dies mit Materialien bewerkstelligt haben, die keine Spuren hinterlassen haben – durch Reibungshitze mit Holzstäbchen und Zunderschwamm. Denn an Neandertaler-Fundplätzen hat bislang kein Archäologe Knollen aus Schwefelkies entdeckt. Vorstellbar ist auch, dass Neandertaler nur Feuer hüten und weitergeben konnten, wenn es zum Beispiel durch Blitzeinschlag auf natürlichem Weg entstanden war.

Ein Beleg für die zündende Idee, Flammen selbst herzustellen, steht aus. Und generell bleibt die große Frage offen, ob der Neandertaler dem modernen Menschen als Erfinder das Wasser reichen konnte. Eines steht immerhin fest: Eine Keule, die angebliche Standardausstattung des archaischen Eiszeitmenschen, hat noch kein Forscher gefunden. ■

von Dirk Husemann

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