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Experimentelle Archäologie

Tanz im Takt rasselnder Elchzähne

Rhythmische Bewegungen mit Soundeffekt: Steinzeitliche Jäger und Sammler im heutigen Nordwestrussland tanzten einst zum rasselnden Klang von Elchzahn-Anhängern. Dies lassen Ergebnisse einer experimentellen Studie vermuten, bei der Archäologen die Abnutzungsspuren an den steinzeitlichen Elchzahnanhänger mit denen von Nachbildungen verglichen, die sie zuvor bei rasselnden „Tanz-Experimenten“ eingesetzt haben.

Überall auf der Welt haben Menschen seit Urzeiten Tierzähne als Schmuck- oder Symbol-Elemente verwendet. Bei einem der Fundorte, die dies eindrucksvoll belegen, handelt es sich um ein Gräberfeld auf der kleinen Insel Yuzhniy Oleniy Ostrov im Onegasee in der russischen Republik Karelien. Dort bestattete ein Jäger und Sammlervolk vor etwa 8200 Jahren seine Toten mit Kleidungsstücken, die teils üppig mit Zahn-Anhängern verziert waren. Es handelte sich dabei um die Schneidezähne von Elchen (Alces alces). Obwohl keine Überreste der Bekleidungsmaterialien erhalten geblieben sind, geht die Verwendung aus ihrer Lage im Bereich der Skelette hervor: Sie wurden demnach unter anderem an schürzenähnlichen Accessoires angebracht, von denen einige bis zu 300 einzelne Zähne umfassten.

Tanzen für die Archäologie

Im Rahmen ihrer aktuellen Studie gingen die Archäologen um Riitta Rainio von der Universität Helsinki nun der Vermutung nach, dass die Ornamente nicht nur eine visuelle Bedeutung besaßen, sondern auch eine hörbare: Erfüllten sie vielleicht die Funktion einer Rassel bei Tänzen? Um diese Frage zu beleuchten, betrieben die Wissenschaftler experimentelle Archäologie: Raino bewegte sich dazu rhythmisch während sie Nachbildungen der steinzeitlichen Elchzahn-Accessoires trug. Dies führte zu Soundeffekten, welche die Vermutung der Forscher plausibel erscheinen ließen: Das rhythmische Schlagen der Zähne erzeugte ein Geräusch, das dem von Rasseln ähnelt, wie sie auch heute noch in manchen Musikstilen eingesetzt werden.

„Die an der Kleidung angenähten Ornamente aus Elchzähnen geben ein kräftig rasselndes Geräusch ab, wenn sie sich bewegen“, sagt Rainio. Der Klang kann dabei klar und hell oder besonders laut und schlagartig sein – abhängig von der Anzahl und Qualität der Zähne sowie der Intensität der Bewegung, sagt die Forscherin. „Wenn man solche Rasseln beim Tanzen trägt, beginnen sich Klang, Rhythmus und Bewegung zu verbinden“, berichtet Rainio von ihren Erfahrungen bei den Tanz-Experimenten.

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Charakteristische Abnutzungen

Doch die Wissenschaftler begnügten sich nicht mit diesen sensorischen Hinweisen – sie untermauerten ihre Vermutung auch durch Analysen: Rainio tanzte dafür insgesamt sechs Stunden mit den Nachbildungen der Elchzahn-Accessoires. Anschließend erfassten die Wissenschaftler durch mikroskopische Untersuchungen die Spuren, die das rhythmische Aufeinanderschlagen an den Zähnen verursacht hat. Die Merkmale wurden dann mit denen von Funden aus den Gräbern von Yuzhniy Oleniy Ostrov verglichen.

Dabei stellten die Forscher charakteristische Ähnlichkeiten zwischen den durch das experimentelle Tanzen abgenutzten Zähnen und den steinzeitlichen Funden fest. Es handelt sich um die Spuren vergleichbarer Aktivitäten, sagen die Wissenschaftler. Zumindest wird somit deutlich, dass die Elchzahn-Accessoires vor der Bestattung der Toten getragen wurden. Die Spuren an den Steinzeitzähnen waren jedoch tiefer und umfangreicher als bei den Testzähnen, worin sich eine längere Dauer der Beanspruchung widerspiegelt. „Da die Steinzeitzähne vermutlich über Jahre oder sogar Jahrzehnte getragen wurden, ist es keine Überraschung, dass die Abnutzung so ausgeprägt ist“, sagt Co-Autor Evgeny Girya – ein auf Mikrospuren spezialisierter Archäologen der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg.

„Die Elchzahnrasseln sind faszinierend, denn sie können uns in eine jahrtausendealte Geräuschkulisse und in die emotionalen Rhythmen vermitteln, die die Menschen damals vermutlich empfanden: Man kann die Augen schließen, dem Klang lauschen und sich durch die Schallwellen zu einem Lagerfeuer am See in die Welt der steinzeitlichen Jäger und Sammler versetzen lassen“, sagt Senior-Autorin Kristiina Mannermaa von der Universität Helsinki.

Quelle: Universität Helsinki

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